Irakisch-Kurdistan
Der namenlose Friedhof der Frauen – Opfer von Ehrenmorden und Frauenfeindlichkeit
Ali Zeidouni hat der Rote-Fahne-Redaktion diesen Text zur Verfügung gestellt:
In einem Interview auf meinem YouTube-Kanal sprach ich mit Gesha Rahim, einer Mitbegründerin einer unabhängigen Frauenorganisation für Gleichberechtigung in Irakisch-Kurdistan, über Gewalt und Diskriminierung gegen Frauen. Sie erklärte, dass Zehntausende Frauen unter der Herrschaft kurdischer bürgerlich-nationalistischer Parteien Opfer von Gewalt und Ehrenmorden geworden seien.
Als ich im Oktober 2015 selbst in Sulaimaniyya war, erfuhr ich vom Mord an der 21-jährigen Senur Omar. Ihr eigener Vater erschoss sie, weil sie neben einem Jungen gesessen hatte, mit dem sie befreundet war. Ihr Leichnam blieb 20 Tage lang im Krankenhaus, weil keiner ihrer Angehörigen bereit war, ihn abzuholen.
Obwohl das Gericht den Frauenrechtsaktivistinnen erlaubt hatte, Senurs Leichnam in Empfang zu nehmen, bestatteten die kurdischen Sicherheitskräfte sie eigenmächtig. Wir hatten uns in der Stadt versammelt, um Senur gemeinsam zum Friedhof zu begleiten. Doch wenige Minuten zuvor hatten die Sicherheitskräfte sie ohne unsere Anwesenheit beerdigt. Dennoch gingen wir zu Fuß durch den Regen zum Friedhof, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.
In dem Interview kritisierte Gesha Rahim außerdem die Bestrebungen, Kinderehen zu erleichtern und zu fördern. Die Änderung des Personenstandsgesetzes, die das irakische Parlament im Januar 2025 verabschiedete, ermöglichte unter bestimmten Voraussetzungen die Eheschließung von Mädchen ab 15 Jahren nach der dschafaritischen Rechtsschule. Die Herabsetzung des Heiratsalters war eine unmittelbare Folge des Einflusses islamistischer Kräfte auf die Gesetzgebung.
Nach dem Interview schickte mir Rahim einen Film, den sie auf einem Friedhof für Frauen aufgenommen hatte, die Opfer von Gewalt geworden waren. Ich fügte ihn dem Interview hinzu. In dem Film sagt sie: „Ich wollte die Gräber zählen, aber sie waren so zahlreich, dass ich es nicht konnte. Auf den meisten Gräbern steht kein Name. Bis auf einige wenige Gräber, auf denen Fotos zu sehen sind, sind alle namenlos. Deshalb nennt man diesen Ort den ‚namenlosen Friedhof‘. Alle diese Gräber gehören Frauen und befinden sich in einem gesonderten Bereich des Friedhofs.
Diese Frauen wurden unter der Herrschaft der reaktionären, frauenfeindlichen und rückständigen kurdischen Bourgeoisie und auf der Grundlage von Gesetzen ermordet, die auf der islamischen Scharia beruhen.
Keine dieser Frauen war eine Diebin. Keine von ihnen verfügte über eine bewaffnete Gruppe, um die Gesellschaft zu zerstören. Keine besaß ein Ölbohrloch, durch dessen Ausbeutung sie reich und mächtig hätte werden können. Keine war eine Söldnerin eines anderen Landes, und keine hatte den Menschen Schaden zugefügt.
Das Einzige, was diese Frauen wollten, war ein freies Leben in Gleichberechtigung. Sie wurden ermordet, weil sie Freiheit und Gleichberechtigung wollten. Diese Frauen wurden unter einer Herrschaft getötet, die Frauen tagtäglich erniedrigt und ihre Gesetze auf der Grundlage der islamischen Scharia durchsetzt.
Meiner Ansicht nach besteht der einzige Weg darin, der Herrschaft der ethnisch-nationalistischen und patriarchalen kurdischen Bourgeoisie ein Ende zu setzen und als Frauen und Männer gemeinsam dagegen zu kämpfen – gegen eine Herrschaft, die Frauen seit Jahren in ihrem eigenen Blut ertränkt.“
Die Gewalt gegen Frauen in Irakisch-Kurdistan hält bis heute an. Am 14. Oktober 2026 erklärte Bahar Monser, eine engagierte Frauenrechtsaktivistin, dass die am 9. September 2026 gestartete Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen aufgrund der zunehmenden Gewalt sowie der zahlreichen Fälle von Femiziden und Selbstverbrennungen von Frauen in Kurdistan mindestens acht Monate lang fortgesetzt werde.
Monser zufolge weigert sich die Regionalregierung Kurdistans seit dem vergangenen Jahr, jährliche Statistiken über Fälle von Frauenfeindlichkeit zu veröffentlichen.
Die Frauen selbst werden jedoch aktiv: Im Rahmen der Kampagne und durch den Aufbau von Netzwerken unter Frauen sammeln sie Informationen über Fälle von Frauenfeindlichkeit und unterstützen Betroffene – sowohl im gesellschaftlichen Umfeld als auch über soziale Netzwerke.
Dabei muss betont werden, dass Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Gewalt gegen Frauen keineswegs auf Irakisch-Kurdistan beschränkt sind. Auch in traditionellen Gesellschaften unter der Herrschaft reaktionärer islamischer Regime und Kräfte – insbesondere im Nahen Osten, etwa im Iran, in Afghanistan, in arabischen Ländern und in der Türkei – ist Frauenfeindlichkeit weit verbreitet.
Diese patriarchalen und religiös geprägten gesellschaftlichen Verhältnisse treffen nicht nur Frauen. Auch Kinder werden getötet, weil sie außerhalb der Ehe geboren wurden und deshalb als unehelich oder gesellschaftlich unerwünscht gelten.
Viele dieser Fälle finden jedoch kaum mediale Beachtung. Zudem fehlen vielerorts starke und gut vernetzte Frauenorganisationen, die solche Fälle öffentlich machen und die Betroffenen unterstützen können.
Ein besonders erschütterndes Beispiel sind Suizide und Selbstverbrennungen von Frauen in den Siedlungsgebieten der Luren im Iran. Über dieses Thema werde ich zu einem späteren Zeitpunkt einen eigenen Artikel schreiben.