Dokumentiert
Völkermord in Indonesien: Bonns verschwiegenes Blutbad
61 Jahre nach dem Völkermord in Indonesien gibt es neue Einblicke in die Mitwisser- und Komplizenschaft der BRD. Die Deutsch-Philippinischen Freunde e.V. haben auf ihrer Webseite einen neuen Beitrag des Südostasien- und Philippinen-Kenners Dr. Rainer Werning über eine umfassende investigative Recherche von Hüseyin Doğru und Emrah Cilasun veröffentlicht. Rote Fahne News dokumentiert den Beitrag.
Der Journalist und preisgekrönte Dokumentarfilmproduzent Hüseyin Doğru und sein Kollege Emrah Cilasun haben am 30. September eine umfassende investigative Recherche veröffentlicht, die es im wahrsten Wortsinn in sich hat. Unter dem Titel »Indonesien 1965: Wie Deutschland einen Völkermord finanzierte« publizierten sie einen 45minütigen Dokumentarfilm sowie akribisch zusammengestelltes Quellenmaterial einschließlich mitgelieferter Scans, das sich auf umfangreiche Archivarbeiten und die Auswertung von über 1.000 Seiten freigegebener Akten stützt. Sie stammen größtenteils aus dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin, dem Bundesarchiv in Koblenz sowie aus Washington. Rekonstruiert wird, wie die damalige Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Bundesnachrichtendienst (BND) die indonesische Militärjunta unter General Suharto in ihren Plänen unterstützten, sukzessive die politische Macht in dem südostasiatischen Inselreich an sich zu reißen und – mehr noch – dort die »Übel des Kommunismus gänzlich auszumerzen«.
Mitte der 1960er Jahre zählte die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI) nach eigenen Angaben über drei Millionen Mitglieder und war somit die weltweit drittstärkste kommunistische Partei nach der Volksrepublik China und der Sowjetunion. Weiter konnte sich die PKI auf eine Massenbasis von etwa 20 Millionen Menschen stützen. Kein Wunder, dass im Westen die Alarmglocken schrillten, als Indonesiens Präsident Sukarno erwog, eine Achse Jakarta–Beijing zu begründen. Aus ideologischen, politischen, wirtschaftlichen sowie geostrategischen Erwägungen unternahmen die Regierungen in Canberra, Washington, London und Bonn alles in ihrer Macht Stehende, um ein solches Szenario im größten und bevölkerungsreichsten Land Südostasiens zu vereiteln. Als »natürlicher« Verbündeter empfahl sich auf indonesischer Seite das Militär, dem die PKI seit eh und je ein Dorn im Auge war.
Zu den sich nach dem 30. September 1965 in Indonesiens Hauptstadt Jakarta und Umgebung überschlagenden politischen und militärischen Ereignissen schreiben die Autoren Doğru und Cilasun: »Am 1. Oktober 1965 riss die indonesische Armee das Land an sich. In der Nacht des 30. September hatte eine Gruppe von Offizieren, die sich ›Bewegung 30. September‹ nannte, unter Führung von Oberstleutnant Untung von der Präsidentengarde sechs Generäle des Armeeoberkommandos entführt und getötet. Binnen Stunden hatte Generalmajor Suharto, Befehlshaber der strategischen Reserve der Armee, Kostrad, die Bewegung niedergeschlagen; binnen Tagen gab die Armee der Kommunistischen Partei die Schuld an allem. Suharto (1921–2008) übernahm das Kommando.«
Innermilitärische Auseinandersetzungen dienten Suharto und seinen Schergen als Vorwand, um martialisch gegen die PKI vorzugehen, die sie verdächtigten, einen Umsturz zu betreiben. Die Partei wurde verboten, Mitglieder und Sympathisanten wurden buchstäblich zum Freiwild erklärt. Dem Verbot folgten Massaker, scharenweise wurden unbewaffnete Zivilisten wie Lämmer zur Schlachtbank geführt. Sarwo Edhie (1925–1989), der die Fallschirmkommandotruppe RPKAD der Armee befehligte, bezifferte die Zahl der Hingerichteten später auf »zwei oder drei Millionen«.
Aus den BND- und Regierungsakten geht hervor, dass deutsche Diplomaten und Geheimdienstler das Ausmaß des Massenmords minutiös dokumentierten. Bereits im November 1965 beschrieb ein interner BND-Bericht mit dem Betreff »Föhrenwald« ein »regelrechtes Abschlachten von Kommunisten«. Bis Februar 1966 bezifferten Akten aus Bonn die Zahl der Toten bereits auf fast 800.000. Trotz dieses Wissens bezeichneten deutsche Stellen die Säuberungen intern als eine »Bereinigung ganz in unserem Interesse«.
Ende November 1965 – der Massenmord in Indonesien war in vollem Gange – empfing Karl Carstens, damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt und späterer Bundespräsident, Jakartas Staatsminister Brigadegeneral Ahmad Sukendro. Der bat offen um weiteres deutsches Kapital und Know-how, um »die Fortsetzung der antikommunistischen Entwicklung zu sichern«. »Die Gefahr«, so präzisierte der General sein Anliegen, »ist nicht nur die PKI, sondern der Kommunismus als solcher«. Carstens antwortete, Bonn werde »das in seinen Kräften Stehende tun«, um Indonesien angesichts der »gegenwärtigen Richtung seiner politischen Entwicklung« zu unterstützen. Die Gelder, um die es fortan ging, dienten mithin ausdrücklich dem antikommunistischen Kurs der indonesischen Armee.