Betriebsversammlung in einem VW-Werk in Sachsen

Betriebsversammlung in einem VW-Werk in Sachsen

Hier fand der Kampf um die Denkweise statt

Das Fabrikkosten-Poker hatte dazu geführt, dass die Betriebsversammlung vom 30. September auf den 1. Oktober verschoben worden war. Das erwies sich als guter Zufall nach dem unverschämten Angriff auf die Tarifverträge.

Korrespondenz
Hier fand der Kampf um die Denkweise statt

Die Betriebsversammlung ging von 8.30 Uhr bis 13 Uhr, mit Pausen. Die Halle war mit rund 3000 Leuten sehr voll. Das Interesse war groß, die Stimmung angespannt und ernst. Zu Beginn war weniger offene Empörung zu spüren, dafür lag deutlich Spannung im Raum.

 

Die Versammlung wurde vom stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden geführt. Im Vergleich zu bisherigen Versammlungen gab es einige neue Entwicklungen: Vor der Halle zog eine kleine Demonstration von Auszubildenden und Mitgliedern der Jugend- und Auszubildendenvertretung mit Transparent und Pfeifen auf. Am Ende wurde die Betriebsversammlung ausdrücklich als „unterbrochen“ und nicht als beendet erklärt.

 

Mit rund 16 teils vorbereiteten, teils frei gehaltenen Redebeiträgen – vor allem aus der Vertrauenskörperleitung der IG Metall, dem Betriebsrat, der Jugend- und Auszubildendenvertretung und der Schwerbehindertenvertretung, aber auch von drei Kollegen – gab es mehr und kämpferischere Beiträge als sonst. Teilweise traten erstmals neue Leute ans Mikrofon.

 

Auf Vorschlag des stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden verließen zu Beginn des Beitrags der Geschäftsführung rund 100 Leute gut sichtbar und hörbar den Saal als Ausdruck ihres Protests. Die Geschäftsführung saß am Ende da, als hätte man einen Wassereimer über ihr ausgegossen.

 

Neu war vor allem, dass in den Beiträgen der Klassenwiderspruch deutlicher herausgearbeitet wurde: auf der einen Seite die Belegschaft einschließlich der IG Metall, auf der anderen Seite Aktionäre und Anteilseigner, Vorstand und Management einschließlich der örtlichen Geschäftsführung. Zugleich wurde die Kritik an den Folgen der Ausbeutungsoffensive, der „Fabrikkosten-Jagd“, deutlich entfaltet.

 

Große Empörung gab es über die Kündigung der Tarifverträge. Von einer „Kriegserklärung“ und einem „Frontalangriff“ war die Rede. „Die Oberen werden fett, wir schmeißen hier den Laden“, „immer wird dem kleinen Mann in die Tasche gegriffen“ und „jahrzehntelange Errungenschaften sollen geschliffen werden“, hieß es unter anderem. Mehrfach wurde klar angesagt: Das lassen wir nicht durchgehen. Dagegen müssen wir vereint kämpfen. Ab dem 1. Januar 2027 sehen wir uns vor dem Tor.

Stärker als sonst war zu spüren: Wir sind die IG Metall, und wir werden angegriffen

Mehrfach wurden alle Kolleginnen und Kollegen aufgefordert: Jetzt zählt es. Alle müssen dann mit ran. Niemand darf sich darauf verlassen, dass der Betriebsrat das schon löst. Dafür haben wir die IG Metall. Wir dürfen nicht warten, dass andere die Auseinandersetzung für uns führen. Alle Standorte müssen zusammenhalten. Wenn sie mit der Kündigung der Tarifverträge und der Werksschließung durchkommen, landen 7000 Leute plus Beschäftigte bei Zulieferern hier auf dem Arbeitsmarkt, im Mindestlohn usw. Dieses Szenario können wir uns nicht leisten.

Hier fand in gewissem Sinn ein Kampf um die Denkweise statt

Teilweise schwankend, teilweise deutlich polarisierend wurde in einem Beitrag argumentiert: Wir wollen die Fabrikkosten schaffen, tun alles dafür, dass wir vertragstreu sind, und wollen den Standort retten. Aber die andere Seite muss mitziehen. Auf der einen Seite hieß es: „Wir sind doch Sachsen, wir müssen zusammenhalten.“ Andererseits wurde aber auch gesagt: „Das Tischtuch ist durch“, und an die Geschäftsführung gerichtet: „Das Vertrauen ist weg, ihr steht auf der anderen Seite.“

 

Ausführlich wurde über Leistungsverdichtung und Versetzungsterror in der Montage berichtet: Überall fehlen Leute. Hier brennt der Baum, und für die Fabrikkosten werden gleichzeitig Leute nach Wolfsburg usw. verliehen. Es gibt keine Qualifizierungszeiten. Teilweise werden Kolleginnen und Kollegen innerhalb einer Schicht mehrfach versetzt. Die Belastungen sind unerträglich hoch. Stress und Chaos führen sogar dazu, dass weniger statt mehr Autos produziert werden.

 

Darauf gab es mehrfach tosenden Applaus. Es wurde ganz klar: Hier werden „die Ziele“ auf dem Rücken der Belegschaft durchgedrückt. Das sind keine einzelnen Fehler. Genau das macht die Kolleginnen und Kollegen richtig wütend. Es wurde deutlich: Das sind keine „Versehen“.

 

Die Unternehmenserklärungen – die Rendite passe nicht, der Konzern sei in Gefahr, das Umfeld sei schwierig – beeindrucken zunehmend weniger.

 

Ein Kollege berichtete, dass er seit Januar um einen konkreten Urlaubstag im September gekämpft habe, der ihm nach vielem Hin und Her schließlich verwehrt worden sei. Er fragte: „Was sind die persönlichen Belange, die sie berücksichtigen – nur der eigene Tod? Dann komme ich auch nicht mehr auf Schicht.“

 

Hohngelächter gab es bei der Aufforderung, dass die Geschäftsführung doch einmal selbst mitarbeiten solle: „Sie kriegen dann aber nicht nur die lockeren Takte, die jeder Schüler kann – kommen Sie ruhig mal.“

 

Obwohl sich die Halle vor dem Ende leerte – die Versammlung war lang, und viele kamen aus der Frühschicht –, blieb die Aufmerksamkeit hoch. Heute heißt es dazu: Es war sehr gut. Endlich klare Kante. Endlich wird das alles einmal gesagt.