Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden
50-Jahre-Abitur-Treffen im Odenwald
Die Vorfreude war groß – auf den 29. August 2026, an dem wir uns nach zehn oder auch mehr Jahren wiedersehen sollten. Aber auch die Zweifel wuchsen: Wie viele – und wer – würden kommen oder nicht mehr kommen können? Wie haben wir uns verändert, auch in puncto Wiedererkennen? Von ehemals circa 115 Mitschülern kamen um die 50.
Vorgenommen hatte ich mir einiges, dabei Neues: Einmal, die Wiedersehensfreude mit denen zu teilen, zu denen schon früher ein "guter Draht" vorhanden war, aber auch offen zu sein anderen gegenüber, deren Wege ich weniger gekreuzt hatte.
Und zum Zweiten, meinen Umzug nach Gelsenkirchen mit 68 Jahren und die damit verbundenen Arbeits- und Lebensveränderungen ins Gespräch zu bringen - möglichst kurz und knapp über meine ehrenamtliche (und hauptsächlich Umwelt-)Arbeit zu berichten. In meinem Rucksack befanden sich ein REVOLUTIONÄRER WEG 35-Ergänzungsband, ein REVOLUTIONÄRER WEG 38, drei Rote Fahne-Magazine mit einem eigenen Artikel zum Hitze-, Klima-, Umweltkatastrophen-Sommer 2026, zwei Parteiprogramme der MLPD, (leider nur) drei restliche Flyer zum Internationalen Umweltratschlag und etliche Kärtchen zu unseren Medienauftritten.
Bis auf den RW 38 und wenige Kärtchen habe ich alles verkauft bzw. abgegeben, als Folge einer – so nicht erwarteten – Offenheit und auch von Interesse. Dazu eine Kameradin: "Ich weiß alles über dich." Wie das? "Ich habe dich gegoogelt." Das betraf meine Direktkandidatur für die Internationalistische Liste / MLPD im Odenwaldkreis bei der Bundestagswahl 2021. Da gab es doch noch einiges mehr zu erzählen und zu diskutieren: von der – gemeinsamen – Palästina- und Rojava-Solidarität bis zu unseren Einschätzungen der Krisen- und (Umwelt-)Katastrophenerscheinungen.
Ein Klassenkamerad sagte sinngemäß: "Ich lebe jetzt wieder, nach zwei Jahren Krankheit. Ich bin in einer Bürgerinitiative gegen den Bundesstraßenausbau, fast wie damals vor 50 Jahren in Michelstadt: Da gab es auch eine ähnliche BI, und wir haben Spenden für eine Frauenklinik in Vietnam gesammelt. Aktuell habe ich Kontakte zur SPD und zur Linken. Schade, dass du hier der Einzige warst von der MLPD. Hast du neue Literatur?" Ich hatte.
Und so saß ich im Laufe des Abends an fünf von sechs Tischen, hatte ein offenes Ohr für manche (Lebens-)Geschichten – und musste auch erfahren, dass etwa 25 von uns nicht mehr am Leben sind. Das war schon schockierend.
Von einem positiven Nachspiel gilt es noch zu berichten: Eine Kameradin, zu der der "gute Draht" beim Treffen entstanden war, besuchte ich einige Tage danach. Ich traf sie beim späten Frühstück mit ihrem Ehemann im Garten an. Ich sagte, sie hätte beim Treffen gute Literatur verpasst, die ich jetzt dabei hätte – und an der ich auch zum Teil mitgearbeitet hätte: den RW35-"Katastrophenalarm …" plus den Ergänzungsband, ein Rote Fahne-Magazin, ein Parteiprogramm und meinen letzten Flyer zum Umweltratschlag. Es ergab sich eine Unterhaltung von einer Stunde. Und sie kauften und spendeten.
Nebenbei: Ich freute mich besonders, denn es das 100. Exemplar des "Katastrophenalarm …", den ich verkauft habe, wenn meine Zählung und der Aufschrieb über die Jahre stimmen. Wir vereinbarten ein Wiedersehen.
Insgesamt hätte ich vorher nicht geglaubt, dass das Nützliche, die Bewusstseinsbildung, sich so einfach mit dem Angenehmen, dem Wiedersehen und Kennenlernen, verbinden lassen würde. Es scheint mir mit der Veränderlichkeit der Denkweise zu tun zu haben.