Hintergrund Geschichte

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Vor 85 Jahren: Auflösung der Wolgadeutschen Sowjetrepublik

Am 25. September 1941 verfügte die Regierung der Sowjetunion die Auflösung der Wolgadeutschen Sowjetrepublik und die Umsiedlung ihrer Bewohner nach Kasachstan und in sibirische Gebiete.

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Vor 85 Jahren: Auflösung der Wolgadeutschen Sowjetrepublik
Die ASSR der Wolgadeutschen auf der Karte der russischen SSR (RSFSR) vom 20. Juli 1930 (Karte: Fotisgrek; Lizenz: CC BY-SA 4.0 – bearbeitet von der RF-Redaktion)

Mit 4,5 Millionen Mann - der größten Streitmacht, die bis dahin in der Geschichte einen Krieg eröffnete - hatten zuvor die Hitlerfaschisten zusammen mit rumänischen, finnischen, slowakischen, ungarischen und italienischen Truppen am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen. Es gelang den Faschisten, schnell weite Gebiete zu besetzen und drei Wochen nach Kriegsbeginn befahl Hitler, Sofortmaßnahmen zu ergreifen, um Personen deutscher Abstammung im okkupierten Teil der Sowjetunion zu erfassen, damit man sie später zur Leitungstätigkeit heranziehen könne.¹ Unter der Führung Stalins wurden die Völker der Sowjetunion und ihre Rote Armee dagegen zur unnachgiebigen Verteidigung ihrer sozialistischen Heimat mobilisiert.

 

Zur Festigung der inneren Sicherheit ergriff man dabei auch administrative Maßnahmen gegen die in der Sowjetunion lebenden Staatsbürger der sechs angreifenden Länder. Sie wurden interniert, wobei es in Bezug auf die Deutschen eine historische Besonderheit gab: Die Wolgadeutschen, die im 18. Jahrhundert unter der Herrschaft der Zarin Katharina der Großen in das Wolgagebiet eingewandert waren, besaßen als nationale Minderheit eine 1924 gegründete Autonome Sozialistische Sowjetrepublik. Von den 605 000 Einwohnern waren 382 000 deutscher Abstammung. Am 2. September 1941 hieß es in einem Erlass des Obersten Sowjet: „Nach glaubwürdigen Informationen, die den Militärbehörden zugegangen sind, gibt es unter der deutschen Bevölkerung im Wolgagebiet Tausende und Zehntausende von Saboteuren und Spionen, die auf ein bloßes Zeichen von Seiten Deutschlands hin in dem von den Deutschen bewohnten Gebiet an der Wolga Sabotageakte ausführen sollen. Niemand von den Deutschen … hat den sowjetischen Behörden von der Existenz einer solch großen Zahl von Saboteuren und Spionen … berichtet, was nur bedeuten kann, dass die deutsche Bevölkerung an der Wolga Feinde des sowjetischen Volkes und der sowjetischen Behörden in ihren Reihen verbirgt. Für den Fall, dass Sabotageakte … ausgeführt werden sollten und dass Blutvergießen stattfinden sollte, wäre die sowjetische Regierung verpflichtet, nach den Gesetzen, die für die Kriegszeit Geltung haben, Strafmaßnahmen gegen die gesamte deutsche Bevölkerung an der Wolga zu ergreifen. Um derlei unerwünschte Ereignisse … zu vermeiden und um Blutvergießen zu verhindern, hat es der Oberste Sowjet der UdSSR als notwendig befunden, die gesamte deutsche Bevölkerung … in andere Gebiete zu verlagern.“

Eine notwendige Konsequenz aus vorangegangenen Fehlern

Diese Präventivmaßnahme, von der auch die antifaschistisch und kommunistisch eingestellten Wolgadeutschen betroffen waren, war in der gegebenen Situation angebracht, sie stellte jedoch zugleich ein Eingeständnis vorhergegangener politischer Schwächen dar. Aus der überwiegend bäuerlichen und stark religiös geprägten deutschen Bevölkerung hatte es gegen den 1929 begonnenen Zusammenschluss der zahlreichen kleinen Einzelhöfe zu produktiveren größeren Produktionsverbünden durch die Kollektivierung der Landwirtschaft einigen Widerstand gegeben. Noch 1934 brachte der Schriftsteller Oskar Maria Graf aus einem wolgadeutschen Dorf das Beispiel des Austritts einer deutscher Einzelbäuerin aus der Kolchose und wunderte sich, dass ein Kollektivvorsitzender stolz die Verwendung der erwirtschafteten Gelder für den Bau einer neuen Kirche herausstellte.² Zugleich hetzten die Faschisten gegen die Kollektivierung als „Vernichtung des freien Bauerntums“ und schürten deutschen Nationalismus.

Die Fehler der Kommunisten

Die Schwächen der Kommunisten in der Behandlung der nationalen Frage hatten unter den Deutschen tatsächlich ein Vordringen der kleinbürgerlich-nationalistischen Denkweise begünstigt. So kritisierte Stalin auf dem Plenum des Zentralkomitees der Partei im Februar 1937 den Gebietsverantwortlichen Alexander Krinizki, als dieser über die Fehler bei der Entwicklung der lokalen Leitungen berichtete: „Sie haben deutsche Gebiete mit einer deutschen Bevölkerungsmehrheit von 70, 80 und 90 Prozent, aber Ihre Sekretäre sind Russen. Was sind das für Leute?“³ Krinizki antwortete: „Das sind die Hauptfehler, die wir eingestehen müssen – schlechte Personalauswahl. Wobei wir insbesondere sagen müssen, dass wir uns schlecht um die Ausbildung des lokalen nationalen Personal gekümmert haben und dass die russischen Arbeiter schlecht Deutsch gelernt haben. Genosse Stalin sagt ganz richtig, dass unter den wichtigsten Parteimitarbeitern, den ersten Sekretären der Kantonskomitees von 22 Personen drei Deutsche sind, plus zwei, die Deutsch sprechen, von den übrigen 17 Personen sind elf rein russisch.“⁴

 

Unter diesen Bedingungen war in der deutschen Wolgarepublik bis 1941 nicht die Kampfmoral entwickelt worden, die die sowjetischen Völker beim Widerstand gegen den faschistischen Überfall auszeichnete und die für den Sieg über Hitler nötig war. Das machte im militärstrategischen Handeln die Umsiedlung der Bevölkerung zu einer notwendigen Maßnahme