Mercedes-Benz-Werk Düsseldorf
Auf eine besondere Demonstration folgte eine besondere Betriebsversammlung
Die kämpferische Arbeiterdemonstration am 21. September mit über 1000 Kolleginnen und Kollegen war der Auftakt zu einer kämpferischen Septemberwoche. Direkt am Tag darauf wurde zu einer Betriebsversammlung geladen. Wer dachte, dass die Luft mit der Demonstration rausgelassen wurde, der wurde von der Belegschaft eines Besseren belehrt. Der Saal quoll über, und vor dem Saal wurden für weitere Hunderte im Außenbereich Ton und Bild übertragen. Eine der bestbesuchten Versammlungen seit Jahren. Die Mobilisierung auf der Demonstration zur Betriebsversammlung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt.
Die Versammlung hatte noch eine weitere Besonderheit: Herr Klein, Chef des Transporterbereichs innerhalb von Mercedes, wurde vom Vorstand samt PowerPoint-Vortrag geschickt. Die Hoffnung war wohl, der unbelehrbaren Belegschaft doch noch Verständnis für den Generalangriff beizubringen. Er versuchte es mit viel Leisetreterei und nach dem Motto: „Ich bin einer von euch, habe hier die Ausbildung gemacht.“ Zuerst wurde ihm ruhig zugehört. Je mehr deutlich wurde, dass er gar nichts Neues bringt, sondern die altbekannte Leier der „Wettbewerbsfähigkeit“ spielt und versucht, Angst vor der „unfairen“ chinesischen Konkurrenz zu schüren, um uns zum Einlenken zu bewegen, desto unruhiger wurde es. Auf dem Siedepunkt war die Stimmung, als die offene Erpressung ausgesprochen wurde: Entweder 40-h-Woche ohne Lohnausgleich oder Schließung von 2 Werken in Deutschland! Die Kollegen buhten, pfiffen, riefen in Sprechchören „Ola muss weg!“, „Geh nach Hause!“ oder „Erpresser!“. Einzelne standen einfach auf und sagten lautstark direkt an die Adresse des Vorstands und Herrn Klein: „Nicht mit uns!“
Der BR-Vorsitzende moderierte eine Frage-Antwort-Runde, wobei die Belegschaft selbst das Verhör mehr und mehr übernahm. „Wie fühlt man sich, wenn man als Maßanzugträger uns das letzte Hemd auszieht?“ Kollegen brachten ihren Klassenstandpunkt selbstbewusst ein: „Wissen Sie, wie viele von uns mehrere Jobs haben, um ihre Familie zu ernähren?!“, „Wir haben so viele Zugeständnisse gemacht, eure Gier hat kein Ende“, „Wir haben schon ihre gewünschte Umsatzrendite von 10 Prozent hier. Selbst wenn wir Zugeständnisse machen, gehen Sie trotzdem ins Ausland.“ Das zeigt, wie die Kollegen die Leier der Klassenzusammenarbeit und Verzichtspolitik mehr und mehr durchschauen und die kleinbürgerliche Denkweise angreifen.
Durchweg war die Versammlung sowohl von den verschiedenen Betriebsratsfraktionen als auch von der Belegschaft davon geprägt, eine gemeinsame Kampffront gegen den Generalangriff zu bilden. Das war etwas Neues. Ein Betriebsrat kritisierte unter tosendem Applaus den Versuch einzelner Vorgesetzter, die Kollegen von der Teilnahme am 21.09. abzuhalten und ihnen mit „Konsequenzen“ zu drohen.
Eine Kollegin widersprach Herrn Klein, der Verständnis über die hohen Spritpreise heuchelte: „Das ist ja lustig, Sie haben doch einen Dienstwagen, den Sprit zahlen Sie nicht aus der eigenen Tasche.“ Ein anderer Kollege sagte: „Ihre Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik über die Jahrzehnte, die macht etwas mit uns. Ihre Peitsche macht uns härter, härter als Sie, der Kanzler und die Regierung. Wenn wir entschlossen sind, hält uns nichts und niemand auf.“
Die Kollegen forderten außerdem für das nächste Mal eine größere und besser belüftete Halle. Außerdem wurde darauf gedrängt, dass alle Kollegen die ganze Zeit an der Versammlung teilnehmen können, weil Kolleginnen aus der Gastronomie früher gehen mussten, um die Essensausgabe vorzubereiten.
Ein weiterer Kollege orientierte darauf, dass wir uns von Verlagerungen und Konkurrenz aus dem Ausland nicht einschüchtern lassen dürfen. „Die Welt ist kleiner geworden, wir können überall hin und die Arbeitereinheit schmieden. Letztes Jahr war ich in Indien. Auch von dort haben wir Solidaritätsgrüße bekommen. Wenn Hunderte Millionen Industriearbeiter in Indien streiken, wir uns verbünden, dann erwächst daraus eine große Kraft.“
Der Kollege machte darauf aufmerksam, dass die Azubis und die Lehrwerkstatt in die Kämpfe einbezogen werden müssen: „Sie sind die künftige Generation, die den Kampf weiterführen muss. Ihr wisst, dass es Jahre dauert, bis man die nötige Härte und Stählung entwickelt, deshalb habe ich sie bei der Demo vermisst!“ Direkt davon angesprochen, meldete sich ein ganz junger Azubi und sprach das erste Mal und forderte, an die Werkleitung gerichtet, mehr „Respekt“ ein. Bewusst brachte der Betriebsratsvorsitzende kein weiteres Schlusswort, sondern überließ die Ehre dem Azubi.
Die Belegschaft übernahm hier zeitweise selbstbewusst die Regie in der Versammlung. Das war etwas Neues. Für die Demo am Samstag in Essen wurde auch geworben, und einige kommen auch mit.