Neckarsulm
Audi-Azubis: „Und was wird aus uns?“
Am 21. September waren einige Kolleginnen und Kollegen bei Audi in Neckarsulm zur Solidarität mit dem von der IG Metall organisierten Aktionstag für einen branchenweiten Generalstreik aller Beschäftigten der Autoindustrie.
Dabei hatte ich ein längeres, interessantes Gespräch mit zwei Jugendlichen aus dem ersten Lehrjahr. Die Eltern der beiden wanderten in den Kriegswirren der 1990er-Jahre aus dem damaligen Jugoslawien aus. Die beiden wuchsen in Deutschland auf.
Angesichts der drohenden Stilllegung des Werkes in Neckarsulm mit 15.500 Beschäftigten war die berechtigte Frage: „Und was wird aus uns?“ Gerade hatten sie dieses Jahr das erste Lehrjahr begonnen. Ihnen drängte sich die Frage auf: „Soll ich die Lehre aufkündigen und eine neue Lehrstelle suchen?“
Die Antwort darauf war, dass es keinen Sinn macht, eine neue Lehrstelle zu suchen. Insbesondere, wo viele Konzerne massenhaft Arbeitsplätze vernichten und dabei die Lehrlinge mitgerissen werden in diesem Strudel.
Der nächste Schritt besteht darin, Klarheit zu schaffen, dass nur durch einen organisierten Streik Arbeitsplatzvernichtung und Werksschließungen verhindert werden können.
Gegen 15 Uhr hatten sich über viertausend Kolleginnen und Kollegen von Audi vor dem Betriebstor versammelt, und mehrere Betriebsräte begannen ihre Reden. Die Reden überzeugten die beiden Lehrlinge nicht. Zu vage, keine klaren Ansagen, keine Festlegungen, wie der Kampf weitergeht. Allerdings beeindruckte die Masse der Kolleginnen und Kollegen viele und auch die Lehrlinge.
Ich ging dazu über, die Ursachen anzusprechen. Die Probleme liegen tiefer. Es geht um eine Klassenfrage. Auf der einen Seite eine geringe Anzahl von Kapitalisten, die jedoch selbst keinen Finger krumm machen und dennoch gigantische Reichtümer aus der Ausbeutung der Arbeiter anhäufen. Diese Ungerechtigkeit lehnten sie ab. Dennoch bestimmen die Kapitalisten der größten Konzerne in diesem System, vertreten durch die Regierung, die bürgerlichen Parteien, die Medien und den Staatsapparat von der Polizei bis hin zur Bundeswehr.
Auf der anderen Seite die Arbeiterklasse. Millionen von jüngeren und älteren Arbeiterinnen und Arbeitern und auch ein Teil der Angestellten. Mit ihrer Arbeitskraft, ihren Kenntnissen und Fähigkeiten produzieren sie Autos – und nicht nur das: Sie produzieren alle Produkte für die Gesellschaft.
Die schreiende Ungerechtigkeit des Kapitalismus ist Ausdruck eines Ausbeutersystems, das revolutionär überwunden werden kann und muss.
Inzwischen war es gegen 16 Uhr geworden; die Reihen lichteten sich, und die beiden begannen, die Versammlung zu verlassen. Leider gelang es nicht mehr, einen weiteren Kontakt mit den Jugendlichen herzustellen.