PISA-Studie
Hört auf mit dem Jugend-Bashing!
Rote Fahne News veröffentlicht Auszüge sowie einen Link zur ungekürzten Version des Kommentars. Die Bildzeitung titelt: „Werden unsere Kinder immer dümmer ...?" Dorothee Feller, bildungspolitische Sprecherin der CDU in NRW, klagt über den "Kompetenzrückgang" der 15-Jährigen. (...)
Tatsächlich weist die PISA-Studie auf ernste Probleme hin: 25 % der 15-Jährigen haben Probleme, längere Texte zu verstehen. Das Erfassen eines Vertrags oder eines längeren Briefs bereitet Schwierigkeiten. Probleme zeigen sich insbesondere beim selbständigen Anwenden von erworbenem Wissen auf Alltagssituationen, z.B. mathematische Grundkenntnisse anzuwenden auf den Preisvergleich im Supermarkt. Bemängelt wird auch, dass 15-Jährige schlecht mehrere Informationen miteinander verknüpfen und zu eigenständigen Lösungsansätzen kommen können. Weiter wird dargelegt, dass Jugendliche oftmals naturwissenschaftliche Daten nicht richtig deuten könnten.
Drei Dinge stören mich an der Debatte
Erstens die Ursachendiskussion. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) folgert mit traurigem Mut: „Es hat was mit Zuwanderung zu tun, es hat was mit verändertem Elternverhalten zu tun, es hat mit Nutzungszeiten bei Social Media zu tun. Daraus kann man alles ableiten." Eltern, Zuwanderung und Social Media – ganz klar, die drei Grundübel der heutigen Gesellschaft! Am besten alles drei abschaffen, womöglich noch mitsamt aller 15-Jährigen, dann könnte Bildungsministerin Prien mit hervorragenden Studienergebnissen glänzen. Eine Selbstkritik hält Ministerin Prien selbstredend nicht für notwendig.
Berechtigt wird in der öffentlichen Diskussion viel Kritik geübt an den geringen Investitionen in das Bildungssystem, dem Zustand vieler Schulen oder der sozialen Auslese. Es ist aber auch nötig, die Methodik des heutigen Bildungssystems zu kritisieren: Wo lernt man denn in Mathe, einen persönlichen Finanzplan zu erstellen, sinnvoll einkaufen zu gehen, Rechnungen zu prüfen und die richtigen Versicherungen abzuschließen? WDR 2 berichtet über einen enthusiastischen Gesamtschullehrer, der in Bonn mit seinen Schülern beim Bau einer Hütte die richtigen Winkel und Maße berechnet hat. Den naturwissenschaftlichen Unterricht verbindet er mit dem Bau einer Bewässerungsanlage samt manueller Brunnenbohrung für den schuleigenen Garten. Bei ihnen hätten sich die Noten in den Naturwissenschaften über die Jahre nicht verschlechtert, so berichtet er. Doch die Schule trennt heute im Wesentlichen Theorie und Praxis, wodurch das Lernen zum Teil regelrecht entfremdet wird.
77 % der Schüler stimmen der Aussage eher oder völlig zu, dass sie neugierig auf viele verschiedene Dinge sind. 64 % der Schüler geben an, dass sie sich besonders anstrengen, wenn die Arbeit herausfordernd wird. (...)
Zweitens stört mich, dass aus der Studie sehr umfangreich auf die Kompetenz der heutigen Jugend geschlossen wird, obwohl sie eigentlich sehr beschränkt ist. Halten wir uns vor Augen: Im Fokus der PISA-Studie sind Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Ist das wirklich alles, wonach ich Kompetenz, Intelligenz und Fähigkeit einer ganzen Generation bewerten kann? Warum spielen Sport, Sprachen, handwerkliche Fähigkeiten oder Sozialkompetenzen dabei keine Rolle? Und: Sollte Naturwissenschaft wirklich nur aus physikalischen Formeln bestehen und nicht viel mehr gerade zu Beginn wissenschaftliche Arbeit inmitten der Natur bedeuten? Im Buch „Eins teilt sich in zwei" wird beispielsweise über ein Forschungsprojekt in einer Stadt im früher sozialistischen China berichtet: Schule, Universität, Fabrik und Anwohner forschten zusammen daran, sauberes Trinkwasser zu erlangen. Würde die Mitarbeit an der Lösung eines solchen realen Problems nicht enorm die Neugier und den Ehrgeiz steigern? Warum wurde aus purem Antikommunismus der polytechnische Unterricht der DDR abgeschafft, obwohl zu sozialistischen Zeiten weit überlegen? (...)
In diesem Zusammenhang sollte eine Begrifflichkeit aus dem Wortschatz der öffentlichen Diskussion gestrichen werden: Können wir bitte aufhören, über „sozial Schwache" zu sprechen, wenn wir über arme Menschen reden – und über „sozial starke Menschen", wenn wir über finanziell besser Gestellte sprechen? Auch vielen linken Kritikern des heutigen Bildungswesens geht diese Begrifflichkeit ganz locker über die Lippen, woraus mehr Mitleid als Respekt spricht. Ja, man muss das dreigliedrige Schulsystem kritisieren. Ja, man muss kritisieren, dass Kinder aus Familien von Arbeitern und Arbeitslosen sich häufig keine Nachhilfe leisten können. Ja, wenn die Eltern schlecht Deutsch sprechen, können sie ihren Kindern dabei schlecht helfen. Aber das alles sagt nicht, dass Kinder der Arbeiterklasse sozial schwach und Kinder der Kapitalistenklasse sozial stark seien. (...)
Also, liebe Bildzeitung, hört auf über Dummheit zu sprechen, wenn es um eine Krise des Bildungssystems geht. Und hört auf über soziale Schwäche zu sprechen, wenn es um die Unterdrückung einer Klasse geht. Als BILD wäre ich darüber hinaus sowie vorsichtig, über die Dummheit und soziale Kompetenz anderer zu urteilen. Man sollte erst einmal ganz grundsätzlich festhalten: Wenn eine ganze Generation zunehmende Probleme mit dem Lernen und noch mehr mit der Anwendung des Gelernten hat, dann muss sich zuallererst das herrschende Gesellschaftssystem fragen, was es falsch macht.
Nicht zuletzt ist die PISA-Studie ein Erziehungsauftrag an die organisierte Arbeiterbewegung und alle fortschrittlichen Intellektuellen, dass Erziehung heute eine ganze Lebensschule einer proletarischen, sozialistischen Denkweise sein muss: Wissenschaftliche Gesetze in Natur und Gesellschaft auffinden und anwenden lernen. Zu lernen, wie man Erkanntes in die Praxis umsetzt. Mit Geld umgehen können. Logik und Dialektik. Rechnen und Lesen lernen. Komplexe Probleme lösen lernen. Lösungswege finden. Gründliches Nachdenken. Sich durchbeißen und kämpfen lernen. Das alles kann nicht vorausgesetzt werden, das alles muss erlernt werden.
Drittens fehlt mir die offene und ehrliche Kritik an den 15-jährigen. Es wird skeptisch genörgelt, verärgert der Kopf geschüttelt, sich die Haare gerauft, über die Jugend gesprochen und sorgenvoll in die Zukunft geschaut angesichts einer so verdorbenen Generation. Aber warum wird nicht an allen Schulen, Jugendhäusern und in den Medien eine Kritik-Selbstkritik-Kampagne gemacht: Wir müssen reden! Ihr müsst besser lernen lernen! Wir müssen besser lehren lernen! Alle 15-jährigen sollten sich durch die PISA-Studie herausgefordert sehen: Schluss mit Denkfaulheit und Desinteresse, die bisweilen wahrlich eine schlechte Angewohnheit geworden ist. Die mit KI bewältigte Hausaufgabe rettet dich über den Tag, aber lässt deine Gehirnzellen verkümmern. Clip nach Clip durchwischen kann mal unterhaltsam sein. Aber du wirst als aktiver Mensch gebraucht statt als passiver Chiller, wodurch du zurecht nur mit dir selbst unzufrieden wirst. Du trägst Verantwortung in einer historischen Zeit, in der Tun oder Lassen darüber entscheidet, ob die Menschheit in Krieg und Faschismus untergeht oder sich den Sozialismus erkämpft. Ja, das erfordert Anstrengung. Nein, wir servieren dir das nicht in vorgekauten Häppchen. Ja, das erwarten wir von dir. Ja, du kannst das. Lernen, Stück für Stück. Du stehst damit nicht allein. (...)
Die Rote Fahne freut sich über Zuschriften zu dem Thema: Von Schülern und Azubis, von Müttern und Vätern, von Lehrerinnen und Lehrern und von allen, die sich sonst darüber Gedanken machen.