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Fragile Belebung in Deutschland

„Nach Jahren der Krise zeichnet sich für die deutsche Wirtschaft eine überraschende Wende ab.“ So eine dpa-Meldung am Donnerstag bei t-online. Ihr zugrunde liegt, dass in den ersten beiden Quartalen des laufenden Jahres das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum jeweiligen Vorquartal um 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent zugelegt hat.

Von ba
Fragile Belebung in Deutschland
Foto: pexels / CC0

Sogleich erhöhten mehrere Wirtschaftsinstitute ihre Wachstumserwartungen für Deutschland deutlich von bisher etwa 0,5 auf bis zu 1,4 Prozent. Es gebe die „Chance, dass im nächsten Jahr eine Eins vor dem Komma steht“, erklärte Bundeskanzler Merz daraufhin freudestrahlend. Noch im März wurden bei einem Treffen der vier in Deutschland bestimmenden Wirtschaftsverbände mit Bundeskanzler Merz ganz andere Töne angeschlagen: „Nach drei Jahren ohne Wachstum drohen die Widerstandskräfte zu erodieren und auf einen Kipppunkt zuzusteuern“, hieß es da alarmierend.

Wie ist also die aktuelle Situation realistisch zu beurteilen?

Ist tatsächlich der Beginn eines anhaltenden Aufschwungs festzustellen? Tatsächlich ging die langanhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise in Deutschland letztes Jahr zu Ende. Auf dem Hintergrund der sich verschärfenden und vertiefenden offenen Krise der Neuorganisation der Produktion ist die wirtschaftliche Entwicklung äußerst labil. Dabei muss zunächst einmal berücksichtigt werden, dass das BIP nur einen ungefähren Anhaltspunkt für Prognosen bildet, weil in ihm auch sämtliche Dienstleistungen, die ganzen Staatsausgaben, der Exportüberschuss usw. enthalten sind. Sämtliche durch Kredite finanzierte Staatsausgaben steigern also auch das BIP!

 

Der gesamte nominale BIP-Zuwachs (also inklusive der Inflation) liegt 2026 bei rund 150 Milliarden Euro. Das reale Wirtschaftswachstum aber entspricht nur einem echten Zuwachs von etwa 35 Milliarden Euro. Der Präsident des DIW  Marcel Fratzscher warnt: "Rund 70 Prozent des Wirtschaftswachstums in diesem Jahr gehen auf öffentlichen Konsum und Investitionen zurück." Dazu gehören Aufträge aus dem schuldenfinanzierten Investitionspaket  der Bundesregierung, für die in diesem Jahr schon laut Bundesfinanzministerium über 53 Milliarden Euro ausgegeben wurden. Auch die laufenden Ausgaben des Staates sind bisher um rund 27 Milliarden Euro gegenüber 2025 gestiegen. Diese zusätzlichen Staatsausgaben von 80 Milliarden Euro sind mehr als doppelt so hoch wie der gesamte reale BIP-Zuwachs des Landes. Weil das Geld aber zum Großteil für teurere Preise, für Importe und das Verhindern von Pleiten durch Subventionen draufgeht, kommen am Ende in der realen Wirtschaft nur ca. 24 Milliarden Euro als echtes Wachstum an.

Für eine solide Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung muss man vor allem die Industrieproduktion untersuchen

Im gesamten zweiten Quartal verzeichnete sie ein Plus von 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Diese leichte Belebung wird maßgeblich von Exporten und den großen Investitionsgüterherstellern getragen. Der Ökonom Dirk Schumacher vom KfW  wertet das als Hinweis, dass „der weltweite Boom bei KI-Ausrüstungen auch Deutschland erfasst hat und sich in der Digitalisierungsbranche bei der – ohnehin schon guten Auftragslage - immer stärker bemerkbar macht“.

 

Die Auftragseingänge sind sogar deutlich gestiegen. Im Juni 2026 gab es ein Auftragsplus von 6,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei spielen Rüstungsgüter eine fundamentale Rolle. Aus dem ebenfalls schuldenfinanzierten 100-Milliarden-„Sondervermögen Bundeswehr“ fließen im Jahr 2026 allein rund 25,5 Milliarden Euro direkt in militärische Großprojekte und Neuanschaffungen (wie z. B. neue Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 A8, Fregatten, Munition und vernetzte Führungssysteme). Wenn der Maschinenbau oder die Elektrotechnik also massive Zuwächse verzeichnen, liegt das oft an staatlichen Rüstungsaufträgen oder Bestellungen aus dem Ausland für militärische Elektronik, Kettenfahrzeuge und Luftverteilungssysteme.

 

Die Bestellungen aus Nicht-Euro-Ländern legten im zweiten Quartal 2026 deutlich um 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu. Die Inlandsaufträge stiegen im Juni zwar auch um 7,8 Prozent. Das geht aber primär auf gezielte Großaufträge für staatliche Infrastruktur und die Aufrüstung der Bundeswehr zurück. Rechnet man diese einmaligen Großaufträge aus dem Trend heraus, schrumpfte der Auftagsbestand im Juni sogar real um 0,5 Prozent.

Die Rüstungsindustrie ist derzeit das Zugpferd der deutschen Industrie

Sie füllt die Auftragsbücher im Maschinenbau und sorgt im Außenhandel für Rekordzahlen, kann die strukturellen Probleme der Industrieproduktion in Deutschland aber nicht kaschieren. Trotz des sechsmonatigen leichten Wachstums liegt die reine Industrieproduktion immer noch leicht unter dem Niveau des Vorjahres und nach wie vor über 16 Prozent unter dem Niveau von 2018. Die Daten des Statistischen Bundesamtes zeichnen also das Bild einer Industrie, die vor allem durch punktuelle Großaufträge und dem Export gestützt wird, während eine breitere Aufwärtsbewegung im Inland nicht zu entdecken ist.

 

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) und die Regierung reklamieren diese leichte wirtschaftliche Belebung als Erfolg ihrer Politik. Die „expansive Finanzpolitik“ (also ihre Verschuldung) habe ein tieferes Abrutschen verhindert und stabilisiere die deutsche Wirtschaft. Der Staat stützt damit tatsächlich die Konjunktur massiv ab, erzeugt dadurch aber ein Strohfeuer-Wachstum auf Pump. Ohne dieses massive staatliche Gegensteuern würde Deutschland weiter in einer deutlichen Rezession stecken.

 

Vor allem hat die Masse der Bevölkerung von dieser Belebung so gut wie garnichts. In die Geldbörsen frisst die Inflation immer tiefere Löcher und die Arbeitslosenzahlen steigen deutlich. Zudem werden die staatlichen Investitionen und die Aufrüstung auch durch einen Raubbau an den sozialen Errungenschaften mitfinanziert.