Rote-Fahne-Interview mit Stefan Engel, Leiter der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG

Rote-Fahne-Interview mit Stefan Engel, Leiter der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG

„Erstmals wird hier die Lehre von der Denkweise allseitig ausgearbeitet“

Am Sonntag, dem 13. September, erscheint das neue Buch in der Reihe REVOLUTIONÄRER WEG (RW), dem theoretischen Organ der MLPD, unter dem Titel „Die Lehre von der Denkweise“. Im Rote-Fahne-Magazin 19/2026 ist ein Rote-Fahne-Interview mit Stefan Engel, Leiter der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG, zum Erscheinen dieses Buchs abgedruckt. Heute vorab auf Rote Fahne News!

Von Stefan Engel
„Erstmals wird hier die Lehre von der Denkweise allseitig ausgearbeitet“
Stefan Engel, Leiter der Redaktion REVOLUTIONÄRER WEG

Rote Fahne: Im September erscheint das neue Buch der Reihe REVOLUTIONÄRER WEG (RW), dem theoretischen Organ der MLPD, unter dem Titel „Die Lehre von der Denkweise“. Nach den vorläufigen Bestellzahlen, aber auch aus den Zuschriften an die Rote Fahne wird deutlich, dass eine große Erwartungshaltung gegenüber dem Buch vorhanden ist. Was ist das Besondere?

 

Stefan Engel: Das Buch schließt in gewissem Sinn eine ganze Periode des Systems der theoretischen Arbeit der MLPD ab. Die Parteigründung und der seitherige Parteiaufbau erfolgten auf der Grundlage einer allseitigen Konkretisierung des Marxismus-Leninismus in der politischen Ökonomie, der marxistisch-leninistischen Strategie und Taktik sowie im dialektischen und historischen Materialismus in den RW-Nummern 1 bis 25.

 

In den darauffolgenden Nummern erfolgte eine Konkretisierung der ideologisch-politischen Linie der Partei entlang der gesamten Bandbreite des Marxismus- Leninismus. Es begann mit den Grundlagen der Lehre von der Denkweise in dem Buch „Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung“ (RW 26) und ihrer Konkretisierung im Buch „Neue Perspek¬tiven im Kampf um die Befreiung der Frau“ (RW 27/28). Dann wurde in dem Buch „Götterdämmerung über der ,neuen Weltordnung‘“ (RW 29 – 31) die Neuorganisation der internationalen kapitalistischen Produktion behandelt. Das Buch „Morgenröte der internationalen sozialistischen Revolution“ behandelte erstmals allseitig die Strategie und Taktik der internationalen sozialistischen Revolution (RW 32 – 34). Die Bücher „Katastrophenalarm! Was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?“ (RW 35) und der spätere Ergänzungsband behandelten die neue Gesetzmäßigkeit der chronischen Umweltzerstörung als ein Wesensmerkmal der modernen Produktionsweise des Imperialismus.

 

In den Nummern 36 bis 39 wurde dann die Krise der bürgerlichen Ideologie behandelt. Die Nummer 40 zur Lehre von der Denkweise rundet nun nicht nur diese ganze zweite Phase des Systems REVOLUTIONÄRER WEG ab, sondern ist auch der Höhepunkt und die Quintessenz der fünfbändigen Reihe „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und die Lehre von der Denkweise“.

 

Das Buch hat auch eine besondere Bedeutung. Erstmals wird die Lehre von der Denkweise allseitig dargelegt, ausgehend von den marxistisch-leninistischen Grundlagen, aber auch auf der Grundlage der Auswertung vielfältiger Erfahrungen im proletarischen Klassenkampf, im marxistisch-leninistischen Parteiaufbau, in der Vorbereitung der internationalen sozialistischen Revolution und auch im Aufbau des Sozialismus in der Sowjetunion, in der VR China oder in der DDR. Damit haben wir ein wissenschaftliches Buch in der Hand, das die Gesetzmäßigkeiten der Bewusstseinsbildung herausarbeitet, die der Entwicklung des Klassenbewusstseins, der marxistisch-leninistischen Partei und auch des Sozialismus zugrunde liegen.

 

Was ist unter den Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der Denkweise zu verstehen?

 

Zunächst ist es so, dass die Denkweise eines jeden Menschen eine Widerspiegelung der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellt. Der Klassenkampf im Kapitalismus schlägt sich als permanenter Kampf zwischen der bürgerlichen Ideologie nieder, die in der gesamten Gesellschaft bestimmend ist, ihre Ausbeutung und Unterdrückung verteidigt sowie der proletarischen Ideologie, die den Ausweg aus der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zum Sozialismus und Kommunismus weist. Diese beiden Ideologien widerspiegeln sich heute in einem permanenten Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise.

 

Das Besondere ist, dass beide nur gleichzeitig, in Verbindung und im Kampf miteinander in Erscheinung treten. Es gibt keine reine proletarische Denkweise und auch keine reine kleinbürgerliche Denkweise. Es gibt nur eine proletarische Denkweise im Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise oder eine kleinbürgerliche Denkweise im Kampf gegen die proletarische Denkweise – je nachdem, was die Hauptseite ist.

 

Zum ständigen Ringen zwischen dem Einfluss dieser beiden Ideologien auf die Gesellschaft, auf den Klassenkampf und auf die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft gehört auch die Gesetzmäßigkeit, wie sich beide Seiten zueinander verhalten. Es gibt sowohl eine gegenseitige Durchdringung von proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise, als auch eine gegenseitige Verdrängung. Das zu erkennen ist sehr wichtig, weil diese beiden Bewegungsformen den sehr beweglichen Prozess der Entwicklung der Denkweise prägen.

 

Ein wesentlicher Kern der Lehre von der Denkweise ist die These von der Veränderlichkeit der Denkweise. So können sich verdiente Revolutionäre oder Klassenkämpfer zu Reaktionären und Opportunisten wandeln. Die Denkweise ist wie eine Software, die das Denken, Handeln und Fühlen der Menschen bestimmt. Sie erzeugt auch das proletarische Klassenbewusstsein oder kann es zersetzen. Die kleinbürgerliche Denkweise ist nicht immer leicht zu erkennen. Sie wird in der Gesellschaft hauptsächlich von der vorherrschenden bürgerlichen Ideologie genährt, nimmt aber geschickt Elemente der proletarischen Denkweise in sich auf. Je mehr sie das tut, desto mehr kann sie die Massen auf kleinbürgerliche Weise beeinflussen.

 

Das hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem regelrechten System der kleinbürgerlichen Denkweise als Regierungsmethode herausgebildet. Das macht es zugleich aber für die Massen oft schwer, klar zu sehen, weil viele kleinbürgerliche und bürgerliche Ansichten durch die Verbindung mit proletarischen Begriffen in ihrem Wesen verdeckt werden.

 

So spricht die Bundesregierung bei ihrem massiven Abbau sozialer Errungenschaften von einer „Reform“. Reformen sind aber im Verständnis der Arbeiterbewegung Verbesserungen der Lohn- und Arbeitsbedingungen, der politischen und sozialen Rechte und Freiheiten und so weiter. Das System der kleinbürgerlichen Denkweise missbraucht proletarische Begriffe, um den Angriff von Staat und Monopolen auf die breiten Massen zu vertuschen und sie vom Kampf abzuhalten.

 

Die einzige Methode aber, die gesellschaftlichen Verhältnisse nachhaltig zu verändern, ist der Klassenkampf beziehungsweise der aktive Widerstand der breiten Massen bis hin zur revolutionären Überwindung dieses menschenfeindlichen Systems.

 

Gibt es noch weitere Gesetzmäßigkeiten im Kampf um die Denkweise?

 

Ja! Wenn die kleinbürgerliche Denkweise im Denken, Fühlen und Handeln der Massen oder auch in Parteien vordringt, verläuft das in unterschiedlichen Stufen. Bei der ersten Stufe in der Partei handelt es sich um einzelne Fehler, falsche Ansichten oder Vorgehensweisen in der Praxis, die in der täglichen Arbeit korrigiert werden können. In der zweiten Stufe bekommt der Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise einen grundsätzlichen Charakter. In der dritten Stufe kommt es zum offenen Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise bis zur Zerstörung der Einheit der Partei. Es ist wichtig, dass man richtig charakterisiert, in welcher Stufe des Kampfs zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise man sich befindet. Nur so kann man die richtige Strategie und Taktik im Kampf um die Denkweise herausfinden, anstatt zu überspitzen oder die Probleme zu bagatellisieren.

 

Was versteht man unter Strategie und Taktik im Kampf um die Denkweise?

 

Heute können wir keine Strategie und Taktik im Klassenkampf mehr durchführen, ohne auch eine Strategie und Taktik im Kampf um die Denkweise zu haben. Dabei ist wichtig, dass die proletarische Denkweise ihre Überlegenheit in bewusster Auseinandersetzung mit der kleinbürgerlichen Denkweise organisiert. In der Strategie und Taktik im Klassenkampf ist es dabei wichtig, dass man die Arbeiterklasse für die Strategie und Taktik der Partei gewinnt und die breiten Massen einbezieht.

 

Wir hatten kürzlich eine Klassenauseinandersetzung um die Stilllegungspläne beim Volkswagen-Konzern. Eine anberaumte Aufsichtsratssitzung sollte das mit der typischen VW-Mitbestimmung absegnen. Die MLPD gab dann die Losung aus: „Mitbestimmung durch Streik!“ Das richtete sich gegen die Erfahrung, dass die Mitbestimmungspolitik meistens Klassenzusammenarbeitspolitik betreibt und in höchstens abgespeckter Form letztlich das beschließt, was die Konzernleitung will. „Mitbestimmung durch Streik“ signalisierte dagegen: Nur wenn man richtig kämpft, kann man mitbestimmen, was passiert. Diese Losung hat sich unter den Arbeitern schnell verbreitet und die Konzernleitung traute sich aufgrund der sich entwickelnden Kampfbereitschaft der Belegschaft nicht, die geplanten Beschlüsse im Aufsichtsrat zu verabschieden.

 

Es gibt Leute, die finden die Lehre von der Denkweise befremdlich und meinen, damit nicht viel am Hut zu haben.

 

Jeder Mensch lebt in der Klassengesellschaft und wird von dem Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise beeinflusst. Das beginnt schon mit der Meinungsmanipulation durch die Massenmedien, aber auch durch die Politik und durch die selbstverständlich erscheinenden Gepflogenheiten in der Gesellschaft. Wenn man heute die Tagesschau ansieht, dann haben wir es mit jeweils über hundert Einzelmeldungen zu tun, die aber meistens zusammenhanglos unter die Leute geworfen werden und im Grunde genommen nichts wirklich klären.

 

Die Überschwemmung mit Fakten und Bildern dient dazu, die Massen für deren bürgerliche oder kleinbürgerliche Deutung zu gewinnen. Die 60 000 Flüchtlinge in Ceuta werden dann zur „Bedrohung“ für Europa, statt zu Menschen, die vor Armut, Krieg und Umweltzerstörung fliehen und Unterstützung brauchen. Diese Manipulation ist eine der wichtigsten Funktionen des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise, die Massen abzuhalten, um ihre Rechte zu kämpfen, sich zu organisieren und einen gesellschaftlichen Ausweg zu suchen.

 

Natürlich tritt der Kampf um die Denkweise auch im persönlichen und Alltagsleben zutage. Wir erleben oft Streitereien bis in die Familien, zwischen Nachbarn oder unter Arbeitskollegen. Auch hier findet ein lebhafter Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise statt. Die kleinbürgerliche Denkweise ist egoistisch, karrieristisch, besserwisserisch, respektlos, harmoniesüchtig oder reißt die Dinge aus dem Zusammenhang. Die proletarische Denkweise ist darauf aus, die Dinge offen und sachlich beim Namen zu nennen, die wirklichen Probleme und ihre Lösung herauszufinden. Sie schließt die Arbeiter und ihre Familien zusammen, um zu verhindern, dass es unter den Massen zu unsinnigen Zerwürfnissen oder Spaltungen, sprich antagonistischen Widersprüchen kommt. Deshalb ist es sehr wichtig, dass man auch in seinem persönlichen Leben mit der Lehre von der Denkweise arbeitet.

 

Die Ablehnung der Lehre von der Denkweise geht oft mit der Anbetung der Spontaneität einher. Es ist einfach ein Trugschluss, dass die Kämpfe etwa gegen die akute faschistische Gefahr, die Weltkriegsvorbereitung oder die globale Umweltkatastrophe spontan aufgrund der Verschärfungen entstehen. Selbst die modernen Faschisten wie die AfD machen sich heute die kleinbürgerliche Denkweise zunutze. Der Kampf um die Denkweise entscheidet darüber, wie die Arbeiterklasse und die breiten Massen die Wirklichkeit verarbeiten und aktiv darauf Einfluss nehmen.

 

Die Lehre von der Denkweise ist ja eine Wissenschaft und nicht so einfach zu verstehen und anzuwenden.

 

Deshalb ist es wichtig, dass man das systematisch erlernt. Das wissenschaftliche Wesen des Kampfs um die Denkweise ist die bewusste Anwendung der dialektischen Methode. Das lernt man weder in der Schule noch im Fernsehen oder auf der Straße.

 

Das Erlernen des Kampfs um die Denkweise beginnt schon in überparteilichen Selbstorganisationen der Massen, zum Beispiel in den Gewerkschaften, Frauenverbänden, Umweltorganisationen und so weiter, die auf überparteilicher Grundlage arbeiten. Dort arbeiten auch die Marxisten-Leninisten mit. Sie helfen und lernen mit den anderen zusammen immer besser, dass man mit einer proletarischen Streitkultur zur schöpferischen Meinungsfindung kommt und zu gemeinschaftlichen Aktivitäten.

 

Sehr gut ist das im antifaschistischen Kampf gelungen. Wir arbeiten ja von Anfang an auch aktiv in dem Bündnis „Widersetzen“ mit. Am Anfang wurde von einigen Leuten noch versucht, es antikommunistisch auszurichten, und es zielte einseitig auf Aktionen zur Verhinderung von Parteitagen der AfD oder von faschistischen Aufmärschen durch Blockaden. Wir haben dort eingebracht und selbst praktiziert, dass man sich an die breite Masse wenden, vor allem Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit machen muss. Auch dadurch haben sich große Teile von „Widersetzen“ bei den Protesten gegen den Erfurter Parteitag der AfD daran beteiligt, im Vorfeld Klinken zu putzen, die Leute zu Hause aufzusuchen und mit ihnen über die AfD und ihren faschistischen Charakter zu diskutieren.

 

Diese Veränderung im antifaschistischen Kampf, wo der Kampf gegen die kleinbürgerlich-faschistische Denkweise im Vordergrund steht, ist ein wichtiger Erfolg und wird auch die ganze antifaschistische Bewegung voranbringen. Wir haben zweifellos auch mit dazu beigetragen, dass man sich mehr miteinander auseinandersetzt.

 

Es gibt natürlich inzwischen sehr viele Formen der kleinbürgerlichen Denkweise und ihr Einsatz ist ein weltweites wesentliches Kampfmittel der Herrschenden geworden. Heute hat jede Bewegung sowohl eine proletarische als auch eine kleinbürgerliche Seite oder Strömung beziehungsweise findet in ein und derselben Bewegung oder Person ein lebhafter Kampf um die Denkweise statt. Wir haben uns in der Buchreihe zur Krise der bürgerlichen Ideologie deshalb sehr gründlich mit diesen Spielarten auseinandergesetzt: mit der kleinbürgerlich-antifaschistischen Denkweise, der kleinbürgerlich-feministischen Denkweise, der kleinbürgerlich-ökologistischen Denkweise oder auch der kleinbürgerlich-revisionistischen und der kleinbürgerlich-reformistischen Denkweise – vor allem aber mit der kleinbürgerlich-antikommunistischen Denkweise, die wiederum in allen diesen Bewegungen ihre Schattierungen hat. Damit sind wir gewappnet, mit allen Formen der kleinbürgerlichen Denkweise selbstbewusst umzugehen und ihren Einfluss in den sozialen Bewegungen zu erkennen, ihn im Klassenkampf zurückzudrängen und die proletarische Denkweise zu stärken.

 

Vorhin ging es darum, dass die proletarische Denkweise der kleinbürgerlichen Denkweise überlegen werden muss. Wie wollt ihr das erreichen?

 

Einerseits muss der Parteiaufbau natürlich eine andere Qualität und Quantität bekommen. Wir müssen zu einer Partei der Massen werden. Das funktioniert aber nur, wenn gleichzeitig große und starke überparteiliche Selbstorganisationen der Massen entstehen, in denen mit den Marxisten-Leninisten vielfältige gemeinsame Kampferfahrungen gemacht und verarbeitet werden.

 

Wir merken derzeit in den Gewerkschaften, die ja die bedeutendsten Selbstorganisationen der Arbeiterklasse sind, welche gesellschaftliche Wirkung es entfaltet, wenn sich dort in Wechselwirkung zur Kleinarbeit der MLPD etwas in der Denkweise ändert. Dort wird wieder vom Klassenkampf, von der Ausbeutung in den Betrieben und der Arbeiterklasse gesprochen, was viele Jahrzehnte verpönt war.

 

In solchen überparteilichen Organisationsformen ist es leichter, die Überlegenheit der proletarischen im Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise zu organisieren. Das ist auch der Grund, warum der Verfassungsschutz ständig mit allen Mitteln versucht, in solche überparteiliche Selbstorganisationen und Bündnisse hineinzuwirken, um eine antikommunistische Grundlage durchzusetzen.

 

Das geschah gegenüber dem überparteilichen Frauenverband Courage, den der Verfassungsschutz aufgefordert hat, sich gegenüber der MLPD durch Unvereinbarkeitsbeschlüsse abzugrenzen, was Courage berechtigt ablehnte.

 

Überparteiliche Selbstorganisationen spielen aber nicht nur im Kapitalismus eine wichtige Rolle, sondern haben auch eine wichtige Funktion in einer sozialistischen Gesellschaft, in der die Massen mehr und mehr auch gesellschaftliche Verantwortung und selbständige Aufgaben übernehmen.

 

Vor allem aber müssen sie die Führung des Staats, der Partei und der Wirtschaft kontrollieren, insbesondere die Denkweise, mit der die Verantwortlichen ihre Arbeit machen. Die überparteilichen Selbstorganisationen sind ein wichtiges Gut, das zum Teil bei uns in der Parteiarbeit noch stark unterschätzt wird. Das werden wir in der nächsten Zeit auf jeden Fall überwinden.

 

Ihr habt euch ja zum Ziel gesetzt, eine sozialistische Jugendbewegung zu fördern und mit aufzubauen. Welche Rolle spielt hier der Kampf um die Denkweise?

 

Die Jugend ist die Gruppe in der Gesellschaft, deren Denkweise am veränderlichsten ist. Jugendliche sind noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Gesellschaft und am aufgeschlossensten für den Sozialismus. Zugleich sind sie durch ihre Unerfahrenheit und ihr geringes Klassenbewusstsein am meisten von der kleinbürgerlichen Denkweise beeinflussbar. So konnte eine sehr umfassende Laissez-Faire-Politik und -Denkweise Einfluss auf die Jugend nehmen. Sie macht es der Arbeiterklasse und uns als Partei heute schwer, Jugendliche für den revolutionären Klassenkampf zu organisieren. Das ist ein Phänomen, dem wir auf der ganzen Welt begegnen! Es ist auch so, dass Jugendliche oft dazu neigen, den einfachen, unmittelbar erfolgreich scheinenden Weg zu gehen, was aber vom Standpunkt des Kampfs um die Denkweise nicht möglich ist.

 

Der Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise ist sehr komplex. Ohne ein hohes ideologisch-politisches Niveau, ohne Kenntnisse des Marxismus-Leninismus und des wissenschaftlichen Sozialismus sowie die Stählung durch vielfältige Kampferfahrungen ist der kleinbürgerlichen Denkweise nicht beizukommen. Sie unterminiert dann auch die besonderen Stärken der Jugend, dass sie besonders offen für den Sozialismus, aktiv und kämpferisch ist. In der Praxis müssen wir uns mehr mit der Jugend beschäftigen, sie betreuen, ihr helfen, den richtigen Weg zu finden, ohne ihr ihre Eigenständigkeit abzunehmen.

 

Man kann allerdings auch feststellen, dass sich unter der Jugend wichtige Veränderungen anbahnen. Das Interesse an Sozialismus und Kommunismus und dem wissenschaftlichen Sozialismus wächst spürbar und die in den letzten Jahren aufgetretene ausgeprägte Organisationsfeindlichkeit beginnt sich aufzulösen. Das ist der Boden, auf dem eine sozialistische Jugendbewegung entsteht.

 

Der Parteiaufbau der MLPD geht nun schon fünf Jahrzehnte, trotzdem ist der Erfolg dieses Parteiaufbaus noch überschaubar.

 

Das hängt genau mit diesem System der kleinbürgerlichen Denkweise zusammen. Es behindert die Entwicklung des Klassenbewusstseins, zersetzt proletarische Eigenschaften der Arbeiterbewegung und ist vor allem sehr organisationsfeindlich.

 

Die Mitgliedschaft in der Partei ist letztlich eine Entscheidung für die proletarische Denkweise. Man verpflichtet sich bei der MLPD auf Mitarbeit, auf eine entsprechende ideologisch-politische Ausbildung und praktische Teilnahme am Klassenkampf oder an sozialen Bewegungen und ist auch aufgefordert, ein vorbildliches, im Sinne der proletarischen Moral solidarisches Verhalten und Alltagsleben an den Tag zu legen. Das alles ist in der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren mannigfaltigen Einflüssen der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Kultur eine hohe Anforderung.

 

Viele Menschen sind heute in der Arbeit und der Bewältigung des Alltags sehr belastet, haben Familie, sind gleichzeitig noch in Sportvereinen oder in anderen Vereinen organisiert und haben scheinbar gar nicht die Zeit, etwas anderes zu machen. Hier ist es wichtig, dass sie die Notwendigkeit einer revolutionären Arbeiterpartei erkennen, wenn es tatsächlich zu einer neuen Gesellschaft des Sozialismus kommen soll. Ohne starke revolutionäre Arbeiterparteien in der Welt wird es keine internationale sozialistische Revolution geben.

 

Der weltweite vorrevolutionäre Gärungsprozesses bringt auch besondere intensive Veränderungen der Denkweise mit sich. Wir erleben zum Teil erstaunliche Entwicklungen in der Bündnisarbeit, in den Gewerkschaften, unter der Jugend oder unter den breiten Massen. Auffassungen oder Bindungen, die jahrzehntelang wie zementiert wirkten, lösen sich auf. Damit entsteht oft erst einmal Verwirrung, aber das ist auch ein besonderes Potenzial, sich neu zu orientieren und die Entscheidung für die Organisierung der revolutionären Arbeiterbewegung zu treffen. Das müssen wir noch zielgerichteter nutzen.

 

Wie beurteilst du die gesellschaftliche Polarisierung, Vorbehalte oder auch Resignation gegenüber einer sozialistischen Perspektive?

 

Ganz gezielt wurde der moderne Antikommunismus und die kleinbürgerlich-antikommunistische Denkweise geschaffen und verbreitet. Sie behaupten, im Unterschied zum alten Antikommunismus, dass der Sozialismus zwar eine gute Idee ist, aber durch „Stalinismus“ und „Maoismus“ in Mord und Totschlag geendet habe.

 

Wir haben uns die Mühe gemacht und tatsächliche Fehler und Fehlentwicklungen in der sozialistischen Sowjetunion in den 1930er-Jahren oder in der DDR genauer ausgewertet und uns auch mit den Ursachen solcher Fehler und Verwerfungen beschäftigt. Deshalb ist in dem neuen Buch der Abschnitt über den Klassenkampf in der Sowjetunion in den 1930er-Jahren auch ein bestimmter Schlüssel, dem Sozialismus neues Ansehen zu verschaffen. Wir heben die großartigen Errungenschaften im sozialistischen Aufbau hervor, gehen aber auch ungeschminkt mit tatsächlichen Fehlern, Verwerfungen oder gar kriminellen Methoden um, kritisieren sie. Wir stellen klar, dass es Abweichungen vom Marxismus-Leninismus sind, Ausdruck des Einflusses der kleinbürgerlichen Denkweise in der Parteiführung, in der Wirtschafts- und in der Staatsführung schon vor der Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion 1956.

 

Man muss immer damit rechnen, dass die kleinbürgerliche Denkweise im Parteiaufbau oder im Sozialismus vordringt und eine zerstörerische und zersetzende Wirkung ausübt. In dem Buch werden deshalb schöpferische Schlussfolgerungen für den Aufbau des Sozialismus auf Grundlage der proletarischen Denkweise gezogen, um solche Entwicklungen in Zukunft zu verhindern.

 

Wir wollen uns mit der sozialistischen Sowjetunion noch weiter beschäftigen, weshalb wir beschlossen haben, ein weiteres Buch herauszugeben, das sich umfassend würdigend, aber auch kritisch mit der Rolle Stalins auseinandersetzt. Das dauert allerdings noch einige Zeit, weil hier sehr viel Analyse mit schwer zugänglichem Originalmaterial notwendig ist. Wir lehnen es ab, uns aus der Flut der antikommunistisch ausgerichteten Literatur zu Stalin und zur sozialistischen Sowjetunion unseren Standpunkt zu bilden.

 

Die MLPD hat kürzlich ihren XII. Parteitag durchgeführt. In welchem Verhältnis steht das Buch zu diesem Parteitag?

 

Dieser Parteitag hat sich bereits wichtige Erkenntnisse dieses Buchs zu eigen gemacht. Er ist deshalb zum Schluss gekommen, dass wir eine Kritik-Selbstkritik-Kampagne brauchen, um in der bedeutenden Situation der weltweiten vorrevolutionären Gärung, aber auch gesellschaftlichen Polarisierung konsequent unseren Weg zur Partei der Massen zu gehen.

 

Dazu gehört, uns das Buch in Theorie und Praxis anzueignen und es schöpferisch umzusetzen. Es war ein sehr guter Parteitag, weil sein Erkenntnisfortschritt über die Weltlage und die Erfahrungen des Parteiaufbaus und seine Streitkultur zu einer sehr hohen Geschlossenheit der Partei führte, zu einer großen Aufbruchsstimmung, einer wegweisenden Beschlussfassung und der Wahl beeindruckender zentraler Gremien. Wir können stolz auf unsere Partei sein, die gelernt hat, in dieser komplizierten Gemengelage sehr viele Fortschritte zu erreichen.

 

Das Buch kommt also angesichts dieser großen Herausforderungen offenbar genau richtig. Wie soll es künftig die Parteiarbeit beeinflussen?

 

Zunächst einmal werden wir in Verbindung mit den Parteitagsergebnissen und den Aufgaben im Übergang zur Arbeiteroffensive eine umfassende Bewegung zur Aneignung, Umsetzung und Verbreitung dieses Buchs „Die Lehre von der Denkweise“ organisieren. Dazu gibt es angeleitete Studienwochen und öffentliche Diskussionsveranstaltungen. In der Kritik-Selbstkritik-Bewegung müssen wir die vielfältigen Errungenschaften unseres bisherigen Parteiaufbaus, zum Beispiel die Arbeit in den industriellen Großbetrieben, in der marxistisch-leninistischen Jugendarbeit oder in der internationalen Bewegung auswerten und festigen, aber auch bereit sein, hemmende Gepflogenheiten und schlechte Angewohnheiten abzulegen. Dazu gehört vor allem, mit einem bestimmten Sektierertum oder Opportunismus aufzuräumen, was wiederum Ausdruck der kleinbürgerlichen Denkweise in unserer Parteiarbeit ist.

 

Ich freue mich auf die nächste Zeit der Selbstveränderung auf der Grundlage unseres Parteitags und des neuen Buchs. Ich fordere alle auf, sich dieses Buch zu kaufen, es zu studieren und uns durch Kritik und Vorschläge zu helfen, die Sache voranzubringen. Am besten durch die Mitgliedschaft in der MLPD!

 

Glück auf!