Altenburger Land
Vierwöchiger Streik bei Kelvion setzt ein Zeichen für Gewerkschaften als Kampforganisationen
Nachdem die Bosse von Kelvion die Stilllegung des Werkes in Wilchwitz/Ostthüringen und eine Verlagerung der Produktion an den Standort Sarstedt/Niedersachsen zum 31.12.26 verkündet hatten, schrieb eine Kollegin in den sozialen Medien: „Was hier passiert, ist ein großes Verbrechen. Wir haben es nach der Wende schon einmal erlebt: Da haben sie alles zugemacht, wir sind alle arbeitslos geworden. Und jetzt soll sowas wieder passieren.“
Der am 3. August begonnene gewerkschaftliche Streik wurde zu einem Politikum
Davon zeugten auch zahlreiche Solidaritätsbesuche von Kollegen aus anderen Betrieben in der Region, der Besuch der IG-Metall-Vorsitzenden Christiane Benner und von verschiedenen bürgerlichen Politikern. Auch von VW Zwickau und der MLPD gab es Solidaritätsbesuche. Die Vertrauenskörperleitung von VW Wolfsburg schickte eine Solidaritätsadresse, was ein wachsendes gewerkschaftliches Bewusstsein über ein notwendiges gemeinsames Handeln gegen die kapitalistische Ausbeutungsoffensive zeigt. Es war der erste unbefristete gewerkschaftliche Streik in Ostthüringen seit 35 Jahren. Es ist also möglich, einen unbefristeten gewerkschaftlichen Streik zu führen!
Für die Belegschaft, die Bevölkerung und den Streik unterstützende Lokalpolitiker ging es bei diesem Streik vor allem um den Erhalt der Arbeitsplätze, auch wenn das offizielle Streikziel der IG-Metall der Abschluss eines Sozialtarifvertrages war. Der für das Altenburger Land verantwortliche IG-Metall-Sekretär Tom Knedlhanz sagte zu Recht: „Für die Beschäftigten war der Streik eine Lebenserfahrung, wir haben gezeigt: Solidarität funktioniert.“
Der Streik wurde am 4. September nach Abschluss eines Sozialtarifvertrags und einer Urabstimmung der IG-Metall-Mitglieder beendet. Dafür stimmten mehr als 80 Prozent der IG-Metall-Mitglieder. Rund 20 Prozent stimmten dagegen. Erreicht wurden relativ hohe Abfindungen, der Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis Ende 2026 und die Einrichtung einer sogenannten Transfergesellschaft. Für die Beschäftigten bedeutet die Stilllegung des Werkes jedoch eine ungewisse Zukunft. Damit steigt die eh schon hohe Arbeitslosigkeit in der Region.
In der Solidaritätserklärung der Landesleitung der MLPD Thüringen heißt es unter anderem: „Die deutsche Rechtsprechung zum Sozialtarifvertrag will uns dazu drängen, Werkschließungen um den Preis höherer Abfindungen als 'alternativlos' hinzunehmen. Unsere Gewerkschaften werden mit Regress bedroht, wenn sie zu mehr aufrufen. Deshalb brauchen wir in Deutschland ein allseitiges und vollständiges gesetzliches Streikrecht."
(...) Die Erfahrung des Einsatzes der Gewerkschaft als Kampforganisation, die dabei entwickelte große Initiative, der Zusammenhalt der Belegschaft und die Begrenztheit der Forderung nach einem Sozialtarifvertrag zeigen aber: Der Kampf um jeden Arbeitsplatz verlangt die Durchbrechung des gewerkschaftlichen Rahmens. Dies ist auch eine wichtige Lehre für die Arbeiter bei VW, Daimler, Porsche usw. Mitbestimmung gibt es nur durch Streik!"
Diktatur des Finanzkapitals
Von Beginn an hatten die Kolleginnen und Kollegen die von Kelvion gegebene Begründung einer Verlagerung der Produktion nach Sarstedt in Niedersachen bezweifelt und aufgrund der vorhandenen Aufträge als absurd bezeichnet. Das zeigen auch die inzwischen begonnenen Verhandlungen zwischen Kelvion mit dem Unternehmen Thermowave um eine teilweise Übernahme des Werks und eines Teils der Belegschaft. Allerdings zu massiv verschlechterten Bedingungen. Das Vorgehen der Bosse von Kelvion zeigt in aller Schärfe die Diktatur des Finanzkapitals und die Rolle des Staates und der Bundesregierung als Dienstleister des Finanzkapitals. Um die Stilllegung des Werks zu verhindern, hätte der gewerkschaftliche Rahmen durchbrochen werden müssen
Der Finanzinvestor „Apollo Global“ hatte den Konzern Kelvion im Oktober 2025 von dem deutsch-schwedischen Investmentfond Triton übernommen. Erklärtes Ziel ist die Profitmaximierung, die Stärkung der Rolle von Kelvion auf dem Weltmarkt und die Ausweitung der Investionstätigkeit von „Apollo“ in Deutschland auf KI- und Rüstungsprojekte. Das verspricht höhere Profitraten. Dazu fanden nach Aussage eines IG-Metall-Vertreters kurz vor der Übernahme von Kelvion durch „Apollo“-Vertreter Gespräche mit der Bundeswirtschaftsministerin Katharina Reiche in New York statt. Ein Hintergrund ist zweifellos auch der Rollback der Merz-Regierung bei der Umweltpolitik.Um daran etwas grundsätzlich zu ändern, ist ein gesellschaftsverändernder Kampf, eine revolutionäre Überwindung der Diktatur des Finanzkapitals und der Kampf für den echten Sozialismus auf Grundlage der proletarischen Denkweise notwendig.