Pro und Kontra KI in der Kultur
Mit KI kann jeder zum Künstler werden
In der Diskussion zum Thema „KI in der Kultur" möchte ich mich klar auf die Pro-Seite stellen: Technischer Fortschritt hat Kunst und Kultur historisch immer wieder für mehr Menschen zugänglich gemacht – und wurde dabei jedes Mal zunächst mit Skepsis begleitet.
Mit der Erfindung des Buchdrucks konnten Bilder und Texte erstmals einer breiten Masse zugänglich gemacht werden, statt nur einer kleinen, meist kirchlichen oder adligen Elite. Mit der Erfindung von Tonträgern wurde Musik für jeden zu Hause verfügbar, unabhängig davon, ob man sich ein Konzert oder eigene Musiker leisten konnte. Mit der Erfindung der Fotografie konnte irgendwann jeder naturgetreue Bilder schaffen, ohne besonderes Talent oder jahrelange künstlerische Ausbildung. KI setzt diese Linie fort: Sie macht das Erschaffen von Bildern, Texten und Musik für eine große Masse von Menschen zugänglich.
Das bedeutet nicht, dass dadurch bedeutende Künstlerinnen und Künstler überflüssig werden oder „echte" Kunst an Wert verliert. Auch nach der Erfindung der Fotografie blieben Malerei und Bildhauerei bedeutsam. Die Fotografie wurde gleichzeitig zu einer neuen, eigenständigen Kunstform. Live-Konzerte und Originalkunstwerke verlieren nicht an Wert, nur weil Musik und Bilder massenhaft reproduzierbar oder erzeugbar geworden sind.
In einer Leserzuschrift wird argumentiert, dass bei einem Kunstwerk nicht die Geschwindigkeit der Fertigstellung entscheidend sein dürfe, sondern allein die Qualität, und dass die von KI ermöglichte Produktivitätssteigerung ein „fehlgeleiteter Ansatz" sei. Das möchte ich grundsätzlich infrage stellen. Mal abgesehen von der individuellen künstlerischen Betätigung nur zur Entspannung oder aus therapeutischen Gründen hat Kunst von einem proletarischen Standpunkt aus immer auch einen gesellschaftlichen Nutzen. Und dabei ist die Frage, wie viel Kunst mit welchem Aufwand entstehen kann, keineswegs nebensächlich.
Das gilt ganz besonders für die sogenannte Gebrauchskunst: die schnelle, treffende Karikatur zu einem aktuellen Artikel, die Illustration für ein Flugblatt oder eine Broschüre, die schnelle Korrektur eines Layouts. Hier ist Produktivität kein Widerspruch zu Qualität, sondern schlicht notwendig – und KI kann gerade hier helfen, mehr Kunst zu schaffen, die sonst aus Zeit- oder Kostengründen gar nicht erst entstehen würde.
Das kann durchaus auch dazu beitragen, dem Übergewicht bürgerlicher und kleinbürgerlicher Kunst mehr proletarische Kunst entgegenzusetzen. Auch das Argument, Kultur solle vor allem gemeinschaftlich entstehen und der Austausch mit anderen Kulturschaffenden sei einer KI‑Unterstützung vorzuziehen, überzeugt mich nicht als Gegenargument. Die Nutzung von KI bedeutet ja gerade, dass man sich auf die gesamte gesellschaftlich vorhandene Kunst und Kultur stützt, die in die KI eingeflossen ist – denn nichts anderes macht die KI, als aus diesem riesigen Fundus zu schöpfen.
Insofern ist KI-gestütztes Kunstschaffen selbst eine Art gemeinschaftlicher Arbeit, auch wenn am Ende nur eine Einzelperson vor dem Bildschirm sitzt. Abgesehen davon schließt die Arbeit mit KI ja einen Austausch mit anderen Menschen auch nicht aus.
Mein Fazit: Wer den Einsatz von KI in der Kunst grundsätzlich ablehnt, ist beeinflusst von einem elitäreren Kunstverständnis. Denn im Kern läuft die Ablehnung darauf hinaus, Kunstschaffen als Privileg einiger weniger besonders talentierter oder ausgebildeter Menschen zu verteidigen, statt es für die große Masse an Menschen zu öffnen.