Briefwechsel

Briefwechsel

„Es war eine Querfront-Veranstaltung“

Zum Artikel „Gemischte Reaktionärer und faschistischer Gruppen fordert ‚Einigkeit für Deutschland‘!“, der am 9. Juni erschien¹, erhielt die Rote Fahne-Redaktion den folgenden Leserbrief (Auszüge).

Von der Roten Fahne Redaktion

Das schreibt die Leserbriefschreiberin (Auszüge):

... Ich war selbst Teilnehmer der Veranstaltung und widerspreche der dort vorgenommenen Darstellung entschieden. Die wiederholte Bezeichnung der Demonstration und ihrer Teilnehmer als „faschistisch“, „faschistoid“, „völkisch-nationalistisch“ oder Teil eines entsprechenden politischen Spektrums stellt aus meiner Sicht keine sachliche Berichterstattung dar, sondern eine pauschale politische Bewertung. Die Initiative „Einigkeit für Deutschland“ ist ausdrücklich parteiunabhängig. Unter den Teilnehmern befinden sich Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten, ebenso Menschen, die keiner Partei angehören. Das erklärte Ziel der Bewegung ist es gerade, Menschen mit verschiedenen Auffassungen zu vereinen, um gemeinsame Anliegen friedlich und demokratisch zu vertreten.

Hier Auszüge aus der Antwort der Redaktion:

... Danke für Ihren kritischen Leserbrief zum Artikel über die Demonstration „Einigkeit für Deutschland“. … Der Artikel wies zu Recht auf die reaktionären bis faschistischen Drahtzieher der Aktion hin. Er differenzierte aber zu wenig, zwischen sicherlich vorhandenen fortschrittlichen Anliegen bei verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern und der Gesamtausrichtung der Aktion. Der Artikel leistete auch zu wenig Hilfestellung, damit das Problem verstanden wird. Es ging hier nicht um eine offen faschistische Aktion, da gebe ich Ihnen recht. Es war eine „Querfront-Aktion“, also etwas, wo ganz gezielt fortschrittliche und rückschrittliche Forderungen und Ansichten vermischt werden. Das macht ja eben das „Projekt M1llionen“: Da wird zu Recht ein Deutschlandticket für 29 Euro gefordert – aber gleichzeitig ein reaktionärer Kurs in der Ausländerpolitik. Da werden Friedensfahnen propagiert – aber auch die Deutschlandfahne, die nun mal die Fahne des imperialistischen Deutschlands ist. Da wird sich wortreich von „Rechtsextemen“ abgegrenzt, um ihnen dann breiten Spielraum zu lassen.

Im Buch von Stefan Engel „Die Krise der bürgerlichen Ideologie und des Opportunismus“ behandeln wir das „Querfront“-Phänomen genauer:

"Querfront" als verschleierte faschistische Ideologie.

....Der Begriff suggeriert unzutreffend eine gemeinsame Front "quer" über die unversöhnlichen weltanschaulichen und politischen Gegensätze von Faschismus und Marxismus-Leninismus. Tatsächlich geht es um eine demagogische Integration von aus dem Zusammenhang gerissenen Versatzstücken "linker" Positionen in faschistische oder faschistoide Bewegungen oder Argumentationen, um ihnen einen kapitalismuskritischen Anschein zu geben. Ihren Charakter ändert das nicht im Geringsten. Auf dem Höhepunkt des Masseneinflusses der KPD und der Weltwirtschaftskrise seit 1929 versuchte Reichskanzler Kurt von Schleicher 1932, ein Bündnis aus Gewerkschaften, Reichswehr und Teilen der NSDAP gegen die revolutionäre Entwicklung zu schmieden. Das Ziel dieser später als "Querfront" bezeichneten Politik war eine antirevolutionäre Einheitsfront gegen den Einfluss der KPD. Oswald Spengler, geistiger Vater dieser Idee und Demagoge beim Aufbau der faschistischen NSDAP, versuchte damit, "den deutschen Sozialismus von Marx ... zu befreien. (S. 250 ff.)