Unbefristeter Streik bei Kelvion im Altenburger Land/Thüringen

Unbefristeter Streik bei Kelvion im Altenburger Land/Thüringen

Die Belegschaft braucht mehr als einen Sozialtarifvertrag, und ihr mutiger Streik hat mehr verdient!

Seit nunmehr dreizehn Tagen steht die Belegschaft im gewerkschaftlichen Erzwingungsstreik. Am 8. Mai hatten die Bosse von Kelvion Brazed PHE verkündet, das Werk zur Produktion von Wärmetauschern in Wilchwitz mit ca. 300 Beschäftigten zu schließen und die Produktion an den Standort Sarstedt / Niedersachsen zu verlagern. Dahinter steht als Haupteigner der „Apollo Global“-Investmentfonds. Doch das lassen sich die Kolleginnen und Kollegen nicht gefallen. Am zehnten Tag des Streiks bin ich vor Ort, um für Rote Fahne News zu berichten und die Solidarität zu organisieren. Die Kolleginnen und Kollegen freuen sich darüber und es entsteht sofort eine rege Auseinandersetzung. In ihrem Kampf wird deutlich, was in uns Arbeiterinnen und Arbeitern steckt, wenn wir kämpfen:

Von einem Korrespondenten aus Jena
Die Belegschaft braucht mehr als einen Sozialtarifvertrag, und ihr mutiger Streik hat mehr verdient!
Kampfpause. Die Streikposten ruhen sich für die nächste Runde aus (rf-foto)
  • Zweimal 100 Prozent: Annähernd 100 Prozent der Belegschaft sind inzwischen in der IG Metall organisiert und 100 Prozent der anwesenden IG-Metall-Mitglieder haben nach vier Warnstreikwellen in der Urabstimmung am 3. August für unbefristeten Streik gestimmt: „Der Zusammenhalt wird von Tag zu Tag noch besser“, so ein Kollege zu mir. Beim Streikposten sind rund 50 Kolleginnen und Kollegen vor dem Tor, und ich spüre: Hier sind Freundschaften gewachsen, steht einer für den anderen ein.
  • Der Streik ist top organisiert: Vom Frühstück, Toilettencontainer, Feuertonne für kältere Nächte, Presse- und Videoarbeit – an alles ist gedacht. Die Streikposten sind 24 Stunden an sieben Tagen abgedeckt. Alles wird entsprechend der Schichten organisiert. An den arbeitsfreien Wochenenden übernehmen Kolleginnen und Kollegen Zusatzschichten. Ein Betriebsratskollege: „Es melden sich immer Freiwillige, wir haben kein Problem, Leute fürs Wochenende zu finden.“ Am Tag meines Besuchs sind 50 Kolleginnen und Kollegen mit einem Bus zum Standort Sarstedt gefahren, um sich dort mit den Beschäftigten zu verbinden.
  • Es gibt eine große und wachsende Unterstützung: Die ganze Bevölkerung von Wilchwitz ist an ihrer Seite, ein Nachbar hilft mit Strom aus. Delegationen aus anderen Betrieben wie Voestalpin und Neumeyer kommen zur Solidarität und Beratung. Belegschaft und Gewerkschafter aus Sarstedt sind solidarisch und lassen sich nicht ausspielen. Ein Kollege berichtet: „Die wissen ganz genau, dass was bei uns passiert, und so wie das Management mit uns umgeht, kann jederzeit auch bei ihnen passieren.“ Bodo Ramelow und Arbeitsministerin Katharina Schenk waren bei den Streikenden und haben ihre Unterstützung ausgedrückt. Die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner war am zehnten Streiktag persönlich vor Ort. Das mutige Zeichen des Streiks macht diesen mehr und mehr zu einem Politikum.
  • Die Beschäftigten und Sekretäre der Ortsverwaltungen Jena-Saalfeld und Gera, unterstützt von Kolleginnen und Kollegen aus weiteren Verwaltungsstellen, hängen sich voll rein. Rund um die Uhr an sieben Tagen pro Woche ist zu jeder Schicht ein Verantwortlicher der IG Metall vor Ort. Das ist aktive Gewerkschaftsarbeit mit Herzblut. Ein enges Vertrauensverhältnis zur Belegschaft ist gewachsen.
  • Die Kolleginnen und Kollegen stellen sich auf alles ein. Im Warenlager wurden Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter vom Management als Streikbrecher eingesetzt und massiv unter Druck gesetzt. Arbeitsministerin Schenk hat sich öffentlich klar positioniert: „Dass ein Unternehmen versucht, einen Streik mit Leiharbeitskräften zu umgehen, weist nicht nur auf einen erheblichen Rechtsverstoß hin, sondern stellt … keinen akzeptablen Umgang mit den Beschäftigten dar.“ Das Management versucht es auf die harte Tour. Aktuell ist die Belegschaft sehr wachsam, weil sie einen Abtransport von Maschinen über Nacht befürchten. Das werden sie nicht zulassen. Die Kollegen rechnen mit einer langen Streikdauer.
  • In jedem Kampf stellen sich weitergehende Fragen. Schnell kommen wir im Gespräch auf den Protest gegen die Regierungspläne am 26. September. „Du hast recht, der Kapitalismus funktioniert nicht. Aber meinst Du, wir können wirklich stärker werden, wie die da oben?“ Auf das Argument, dass wir Sozialismus brauchen und dabei die Fehler der DDR nicht wiederholen müssen, reagiert sofort ein anderer Kollege: „Wir können ja daraus lernen, um es besser zu machen.“

Die Belegschaft braucht mehr als einen Sozialtarifvertrag, und ihr mutiger Streik hat mehr verdient!

Der Kampf um hohe Abfindungen wird von den Kollegen notgedrungen als kleineres Übel gesehen. Jeder weiß, dass in der Region drei größere Betriebe geschlossen wurden oder geschlossen werden sollen. „Hier finden wir dann nichts mehr. Für uns bedeutet das mindestens Pendeln auf 50 bis 60 Kilometer bis in den Raum Leipzig.“ Ein Kollege bringt es deutlich auf den Punkt: „Wenn Du die Belegschaft fragst und wenn wir die Wahl hätten zwischen Abfindung und Weiterbeschäftigung – jeder würde die Weiterbeschäftigung wählen!“
 

Haben wir keine Wahl? Hintergrund ist, dass in Deutschland ein sehr eingeschränktes Streikrecht besteht. Vieles ist sogenanntes „Richterrecht“: Danach ist ein Streik um jeden Arbeitsplatz in Deutschland nicht erlaubt. Da die Kapitalisten genau wissen, dass sie solche Kämpfe trotzdem nicht verhindern können, ist die Rechtsprechung für einen Sozialtarifvertrag in ihrem Interesse: Denn, auch wenn es was kostet, orientiert sie die Belegschaften darauf, den Verlust ihrer Arbeitsplätze als „alternativlos“ hinzunehmen. Schon im Interesse unserer Kinder dürfen wir das nicht akzeptieren! Wo soll unsere Jugend arbeiten, wenn die Arbeitsplätze erst einmal weg sind? Die Gewerkschaften sollen dazu gedrängt werden, das trotzdem hinzunehmen. Wenn sie zum Streik um jeden Arbeitsplatz aufrufen, werden sie mit Millionenforderungen Regress bedroht. Dass eine „Schließung durch Sozialtarifvertrag so teuer gemacht“ wird, dass Manager davon abrücken, hat sich zigfach als geplatzte Illusion erwiesen.


Aber: In allen großen Streiks, die Deutschland bewegt haben, wurde dieser enge Rahmen durchbrochen – sei es im Kampf um Lohnfortzahlung in den 1990er-Jahren, beim Streik von Rheinhausen, beim Opelstreik 2004 oder beim großen Bergarbeiterstreik 1997. Kolleginnen und Kollegen haben diese Streiks vertraulich vorbereitet und selbständig ausgelöst, oft Gewerkschafter der Basis als tragende Kräfte und die Gewerkschaften als wichtige Stütze der Solidarität. Häufig war die MLPD und ihre Leute ein enger Ratgeber und Organisator. Die selbständige Organisierung solcher Streiks ist zugleich ein Schutz unserer Gewerkschaft vor unbezahlbaren Forderungen.


Die Kelvion-Kollegen erleben gerade, dass durch Streik echte Mitbestimmung möglich ist. Das gilt auch für das Streikziel. All dies bleibt ihre ureigene Entscheidung. Dabei können sie darauf setzen, dass ihr Kampf Kraft daraus gewinnen kann, wenn sie Teil einer Streikbewegung werden – in der Automobilindustrie, bei VW, überall stehen die Arbeiterinnen und Arbeiter vor den gleichen Entscheidungen.

Kampf um jeden Arbeitsplatz! Keine Verlagerung! Unserer Jugend eine Zukunft! Für eine allseitiges, vollständiges und gesetzliches Streikrecht!

Jetzt ist unsere Solidarität gefragt: Schickt Solidaritätsadressen an: gera@igmetall.de Kommt mit Betriebsdelegationen zu den Streikposten am Werk: 04603 Nobitz-Wilchwitz, Remsaer Str. 3

 


Die IG Metall Gera ruft zu Spenden zur Unterstützung bei Härtefällen auf: Metaller:Innen helfen e.V.; IBAN: DE79 5005 0000 0025 4570 03; Verwendungszweck: Kelvion-Streik

 

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