Zum 70. Todestag von Bertolt Brecht

Zum 70. Todestag von Bertolt Brecht

Kind seiner Zeit und Dichter einer sozialistischen Zukunft

In was für einer Zeit ist der 1898 in bürgerlichen Verhältnissen in Augsburg geborene Brecht aufgewachsen und unter welchen Lebensumständen?

Korrespondenz aus Stuttgart
Kind seiner Zeit und Dichter einer sozialistischen Zukunft
1948 reiste Brecht - auf Umwegen, weil er die westdeutsche Zone nach wie vor nicht betreten dürfte - nach Berlin, um dort an der Friedenskundgebung des Kulturbundes am 24.10. in der Deutschen Staatsoper (Admiralspalast) teilzunehmen. (Bundesarchiv, Bild 183-H0611-0500-001 / CC-BY-SA 3.0)

Da war der erste Weltkrieg, da war Spartakus, da war die Oktoberrevolution in Russland, die Novemberrevolution in Deutschland, das Kriegsende und die Arbeiter- und Soldatenräte, an denen sich Brecht in Augsburg beteiligt hat. Da war die Parteigründung der KPD im Jahreswechsel 1918/19 unter der Losung „Sozialismus oder Barbarei!“ und da haben sich die Intellektuellen, die Künstler und mit ihnen Brecht positioniert.

Ich bin aufgewachsen als Sohn Wohlhabender Leute. Meine Eltern haben mir Einen Kragen umgebunden und mich erzogen In den Gewohnheiten des Bedientwerdens Und unterrichtet in der Kunst des Befehlens. Aber Als ich erwachsen war und um mich sah Gefielen mir die Leute meiner Klasse nicht Nicht das Befehlen und nicht das Bedientwerden Und ich verließ meine Klasse und gesellte mich Zu den geringen Leuten. …

Brecht an der Seite der Arbeiterklasse

Viele von ihnen hatten das Gemetzel des Krieges erlebt und erkannt, dass sie in die Gräben geschickt worden waren von „den Junkern, Staatswahn und dem Fabrikantenneid...“ (Tucholsky). Und eine ganz große Zahl von Schriftstellern, Malern, Architekten, Komponisten haben sich auf die Seite der Arbeiterklasse, auf die Seite der sozialistischen Revolution gestellt.

 

In dieser Kombination von sozialistischer Perspektive, Arbeiterklasse und Künstlern ist das Theater, die Architektur, die bildende Kunst, die Musik, der Film entstanden. Alles bis heute für uns vorwärtsweisend.

 

Der marxistische Literaturwissenschaftler Hans Mayer sagt sinngemäß: Brecht und seine Dichtkunst ist wegweisend für die Epoche des Sozialismus, so wie es die Dichtung von Lessing im 18. Jahrhundert für die Epoche der bürgerlichen Revolution gewesen ist.

 

Brecht studiert den Marxismus. Etwa 1927 schreibt er: „Als ich ‚Das Kapital‘ von Marx las, verstand ich meine Stücke. Man wird verstehen, dass ich eine ausgiebige Verbreitung dieses Buches wünsche.“

Brecht als Dialektiker

Brecht versucht die dialektische Methode in allem, was er schreibt anzuwenden, vor allem geht es ihm um das Theater. In seiner Gegenüberstellung „Dramatische Form des Theaters – Epische Form des Theaters“ ist kurz das ganze dialektisch materialistische Programm enthalten. Die Anwendung der dialektischen Methode ist der Schlüssel für die herausragende Qualität und Wirkung seines Theaters und überhaupt seines literarischen Schaffens.

 

Im Parabelstück „Leben des Galilei“ ist das Entscheidende der Zusammenhang von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und revolutionärer Veränderung der Gesellschaft, also die Übertragung der Dialektik der Natur auf die Dialektik der Entwicklung der Gesellschaft.

 

In der 10 Szene singt auf dem Marktplatz der Balladensänger:


„Auf stund der Doktor Galilei
(Schmiß die Bibel weg, zückte sein Fernrohr,
warf einen Blick auf das Universum)
Und sprach zur Sonn: Bleib stehn!
Es soll jetzt die creatio dei
mal andersrum sich drehn.
Jetzt soll sich mal die Herrin, he!
Um ihre Dienstmagd drehn.
Das ist doch allerhand? Ihr Leut,
das ist kein Scherz!
Die Dienstleut werden sowieso tagtäglich dreister!
Denn eins ist wahr: Spaß ist doch rar.
Und Hand aufs Herz:
Wer wär nicht auch mal gern sein eigner Herr und Meister?“

 

Und das lässt Brecht in seiner „amerikanischen“ Fassung des Stücks, die er nach dem Abwurf der Atombombe in Hiroshima und Nagasaki geschrieben hat, Galilei sagen: wissenschaftlicher Fortschritt, um die „Mühseligkeit der menschlichen Existenz zu erleichtern“, geht nur im Gleichschritt mit dem Kampf um die revolutionäre Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse. Und diesen Kampf hat Galilei mit seinem Widerruf verraten.

 

„Galilei: ...Unsere neue Kunst des Zweifels entzückte das große Publikum. Es riss uns das Teleskop aus der Hand und es richtete es auf seine Peiniger. Diese selbstischen und gewalttätigen Männer, die sich die Früchte der Wissenschaft gierig zunutze gemacht haben, fühlten zugleich das kalte Auge der Wissenschaft auf ein tausendjähriges, aber künstliches Elend gerichtet, das deutlich beseitigt werden konnte, indem sie beseitigt wurden. ... Die Wissenschaft ... hat mit beiden Kämpfen zu tun.“ (14 Szene, Suhrkamp TB, S.125)