5. Jahrestag der Explosion in Leverkusen
„Wir werden die sieben verbrannten Kollegen nicht vergessen!“
Gestern gab es eine aufrüttelnde Gedenk- und Protestkundgebung vor dem Leverkusener Rathaus mit ca. 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Offizielle Stellen hatten versucht, das Gedenken an die Toten herunterzuspielen und zu verhindern.
Genau in der Woche vorher verkündete die Staatsanwaltschaft, sie hätte die Ermittlungen gegen Currenta, den Betreiber der explodierten Giftmüllverbrennungsanlage, eingestellt; Currenta-Chef Tim Hartmenn erklärte sich für unschuldig; und ebenfalls vor einer Woche beteuerte das grüne NRW-Umweltministerium: „Durch die Arbeit des Begleitkreises (mehrere fragwürdige und ergebnislose Treffen mit Anwohnern – d. Verf.) konnte verloren gegangenes Vertrauen in die Sicherheit der Anlage und die Akzeptanz für eine angepasste Wiederinbetriebnahme der Sondermüllverbrennungsanlage Leverkusen-Bürrig weitgehend zurückgewonnen werden.“
Dem war mitnichten so. Diesem allgemeinen Beschwichtigungs-Konzert trat ein breites Bündnis entgegen: Aufrufer zu der Kundgebung waren Parents for Future, Coordination gegen BAYER-Gefahren, Klimaliste Leverkusen, MLPD Südliches Rheinland, die Linke Leverkusen, Umweltgewerkschaft Köln-Leverkusen & Düsseldorf. Die Stimmung der Currenta-Mitarbeiter: Der mitreißende und vor allem Currenta und die Staatsanwaltschaft anklagende Aufruf zur Kundgebung (siehe Rote Fahne News vom 22. Juli) wurde vorher vor der Zentrale von Currenta verteilt: Noch nie haben so viele Kolleginnen und Kollegen einen Flyer so interessiert angenommen! Es gab keinen einzigen Protest, aber viel Zustimmung: Gut, dass ihr daran erinnert! Und auch Eingeständnisse: Wir wissen, dass so viel auf dem Werksgelände nicht richtig läuft, aber wir können es nicht ändern, es gibt Bestandsschutz usw. usw.
In Bürrig, dem Leverkusener Stadtteil, der direkt neben der Giftmüllverbrennungsanlage steht, war – bis auf zwei ältere Nachbarn – einhellige Meinung: „Gut, dass ihr das macht“, und immer wieder „schrecklich, ich kann mich noch genau erinnern – das Haus bebte – Fenster brachen – Angst vor der riesigen Qualmwolke.“ Aber was tun? „Wir leben schon so lange hier – aller Protest hat bisher nichts genützt - aber gut, dass ihr was macht, vielleicht komme ich auch.“
Und dieses Mut-machen, sich wehren, Widerstand leisten, stand auch im Mittelpunkt der zahlreichen Reden auf der Kundgebung. Ein großer Strauß weißer Rosen erinnerte an die Toten. Die Ford-Kollegen von der Band Gehörwäsche sangen und sprachen vom Widerstand. In der mahnenden Eröffnungsrede erinnerte Gottfried Schweitzer, Umweltgewerkschaft und MLPD, daran, dass von den ca. 50 Kollegen in der Verbrennungsanlage nicht nur sieben verbrannten, sondern auch weitere 31 verletzt wurden! Er griff deshalb u.a. den aktuellen Einstellungsbeschluss der Staatsanwaltschaft Dortmund an. Hier gab sie bekannt, dass es – offensichtlich von Chefingenieur und Schichtmeistern – die Aufforderung kurz vor der Explosion gegeben habe, die ganze Anlage zu evakuieren! Der Betriebsleiter habe aber abgelehnt – die Gründe dafür wurden nicht genannt, - die muss sich wohl jeder selbst denken. Currenta sagte den Staatsanwälten: „Okay, da gab es Fahrlässigkeit – wir sind bereit, 1,9 Millionen Euro zu zahlen, wenn ihr das Verfahren einstellt!“
Auch wohl angesichts jahrelang weiter drohender Anträge und Gutachten von Currentas Anwälten stimmten die Staatsanwälte diesem Deal zu – und qualifizierten ihn selber als „Opportunitätsentscheidung“! Opportunistischer geht’s nicht! Dann listete Jan Pehrke von der Coordination gegen Bayer-Gefahren weitere Umweltverbrechen von Bayer auf – er konnte kaum ein Ende finden. Alice Werner von Parents for Future nannte aktuelle Beispiele von Currenta-Umweltverbrechen, an der Spitze die Einleitung von PFAS – winzigen höchst gesundheitsschädlichen Partikeln – in den Rhein. Der ist für 5 Millionen Holländer das Trinkwasser!
Kenneth Dietrich, Ratsherr von den Linken, schilderte, wie damals im Stadtrat alle sich über die Katastrophe entrüstet hätten, voran die Grünen; den Worten seien aber nie Taten gefolgt. Yvonne Trowe von der Umweltgewerkschaft Düsseldorf berichtete von ihrem Kampf gegen die dortige Müllverbrennungsanlage, auch im Wohngebiet, und stellte konkrete Forderungen dagegen vor, angefangen bei Kryo-Recycling und Kreislaufwirtschaft. Benedict Rees, Stadtrat der Klimaliste, ermutigte zum gemeinsamen Widerstand, zur Auseinandersetzung mit Kollegen und Nachbarn.
Lisa Werner-Höchtl von der MLPD zeigte sich beeindruckt sowohl von dem Sachverstand, der in allen vorangegangenen Beiträge sichtbar wurde, wie auch von der Bereitschaft zum Widerstand; die MLPD habe auch – wie die Beiträge vor ihr – das kapitalistische Profitstreben als Kern des Übels ausgemacht, habe aber auch eine diskussionswürdige Lösung entwickelt: Den echten Sozialismus!
Nach diesen Reden – und Liedern – wurde das offene Mikrofon eröffnet. Neben zustimmenden Beiträgen klagte eine Kollegin von „Palästina muss leben“ an, wie Netanjahu gezielt alle Böden und das Grundwasser in Gaza verseucht, um so den Völkermord voran zu treiben. Der Kinderarzt Gottfried Arnold dokumentierte lang wirkende Gesundheitsschäden als Folge von verseuchter Luft und verseuchtem Wasser. Reiner Dworschak rief zur Einheit von Arbeiter- und Umweltbewegung auf, und diese Notwendigkeit wurde auch von den Fordlern der Gehörwäsche herausgehoben: Wenn die Arbeiter zu kämpfen beginnen, wie jetzt um ihre Arbeitsplätze, wenn sie auch die Forderungen der Umweltkämpfer aufgreifen, dann wird unser Widerstand gegen die begonnene Umweltkatastrophe entscheidend an Kraft gewinnen!
Zum Abschluss erklang das dramatische Lied von Güler, einer Bürriger Bürgerin, die die Explosion von ihrem Wohnzimmer aus erlebte und filmte, und noch heute erschüttert dichtete sie: „Wir werden euch sieben nie vergessen.“
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