Offener Brief mit Kommentar der RF-Redaktion

Offener Brief mit Kommentar der RF-Redaktion

Schluss mit dem Klassenkampf von oben!

Mit ihrem offenen Brief an den Bundeskanzler bringen die Vertrauenskörperleitungen der IG Metall bei Mercedes-Benz die wachsender Verunsicherung und Unzufriedenheit unter den Beschäftigten zum Ausdruck, die durch die Angriffe der Bundesregierung auf Sozialstaat und Arbeitnehmerrechte entstehen.

stuttgart.igmetall.de 28.7.26

"Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

 

im Austausch mit den Beschäftigten an den Standorten der Mercedes-Benz Group erleben wir als Vertrauenskörperleitungen der IG Metall derzeit sehr deutlich, wie die politischen Diskussionen über Rente und Arbeitszeit in den Betrieben ankommen. Mit den Sorgen der Kolleg:innen wächst die Wut. Wut darüber, dass ausgerechnet diejenigen für die Krise zahlen sollen, die dieses Land Tag für Tag am Laufen halten. 

 

Wir hören aus der Politik immer wieder dieselbe Botschaft: 
Angeblich sind wir schuld an den Problemen der deutschen Wirtschaft. Wir seien zu faul. Zu teuer. Zu häufig krank. Und deshalb sollen wir jetzt den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. Wir sollen länger arbeiten. Später in Rente gehen. Und bei der Gesundheitsversorgung immer tiefer in die eigene Tasche greifen. Gleichzeitig sollen in den kommenden Jahren zehntausende Industriearbeitsplätze verschwinden. All das ist ein direkter Angriff auf uns Arbeitnehmer und auf die Zukunft unserer Kinder! 

 

Besonders kritisch sehen wir die Diskussion über eine weitere Anhebung des Renteneintrittsalters. Schon heute ist es für viele Kolleg:innen in der Industrie alles andere als selbstverständlich, überhaupt die Regelaltersgrenze zu erreichen. Die Debatte greift viel zu kurz, wenn ausschließlich auf das Lebensalter geschaut wird. Entscheidend ist auch, wann ein Mensch ins Berufsleben eingetreten ist. Wer mit 16 oder 17 Jahren eine Ausbildung beginnt, hat oft schon zehn Jahre harte Arbeit in den Knochen, bevor andere nach einem Studium überhaupt ins Berufsleben starten. Diese Unterschiede müssen sich in der Rentenpolitik widerspiegeln. Wer jahrzehntelang Beiträge gezahlt und körperlich oder psychisch belastende Arbeit geleistet hat, muss auch die Möglichkeit haben, früher abschlagsfrei in den Ruhestand zu gehen. Eine Rente mit 70 ist deshalb für uns vollkommen realitätsfern. 

 

Für viele Kolleg:innen stellen bereits 67 Jahre die absolute Belastungsgrenze dar. Ebenso kritisch sehen wir die Diskussion um die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Die sogenannte „Rente mit 63“ gibt es für die meisten Beschäftigten längst nicht mehr. Für die Jahrgänge ab 1964 ist eine abschlagsfreie Rente trotz 45 Beitragsjahren erst mit 65 Jahren möglich. Trotzdem wird auch diese Regelung wieder zur Disposition gestellt. Dafür gibt es in unseren Betrieben kein Verständnis. Wir sagen: Hände weg von unserer Rente! 

 

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Altersteilzeit. Seit vielen Jahren ist sie ein bewährtes Instrument, um den industriellen Wandel sozialverträglicher zu gestalten. Sie hilft, Beschäftigung zu sichern, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, den Generationenwechsel zu organisieren und Planungssicherheit für Beschäftigte wie Unternehmen zu schaffen. Wer die Altersteilzeit schwächt, nimmt der Industrie ein wichtiges Instrument für den Strukturwandel. Deshalb ist für uns klar: Die Altersteilzeit muss bleiben! 

 

Mit größter Sorge verfolgen wir außerdem die Diskussion über eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes. Der Acht-Stunden-Tag ist keine veraltete Vorschrift. Er ist eine der größten sozialen Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung. Er schützt Gesundheit, Sicherheit und Würde der Beschäftigten und setzt der immer weiteren Verdichtung der Arbeit notwendige Grenzen. Gerade in der Automobilindustrie leisten viele Kolleg:innen Zweischicht- und Dreischichtarbeit. Wechselnde Früh-, Spät- und Nachtschichten belasten den Biorhythmus, erhöhen gesundheitliche Risiken und erschweren das Familien- und Sozialleben erheblich. Wer vor diesen Gegebenheiten den Acht-Stunden-Tag aufweichen oder längere tägliche Arbeitszeiten umsetzen will, verkennt die Realität in den Produktionshallen. Mehr Arbeitszeit bedeutet hier nicht mehr Leistung. Sie bedeutet mehr Überlastung, mehr gesundheitliche Schäden und ein höheres Unfallrisiko. Wir haben den Acht-Stunden-Tag erkämpft – und wir werden ihn verteidigen! 

 

Längere Wochen- und Lebensarbeitszeiten führen zu weniger Arbeitsplätzen, höherer Arbeitslosigkeit und sinkender Kaufkraft. So kann kein Wachstum erzeugt werden. Dieser Weg führt nur tiefer in die Krise hinein und nicht heraus. Wo Arbeitszeit ausgeweitet, Arbeitsplätze abgebaut und Renten gekürzt werden, entstehen weder Zukunftsperspektiven noch Wachstum. Es entstehen Unsicherheit, Kaufkraftverlust und soziale Spaltung. Die Beschäftigten sind nicht das Problem. Sie sind jeden Tag der Grund dafür, dass dieses Land überhaupt funktioniert. 

 

Mit Verlaub, Herr Bundeskanzler: 
Auf solche weltfremden „Reform“-Pläne kann nur jemand kommen, der noch nie an einer Montagelinie gearbeitet hat; der es sich nicht ausmalt, wie es ist, bei Gluthitze in einer Gießerei zu stehen; der keine Vorstellung davon hat, was es bedeutet, trotz Bandscheibenvorfall und chronischen Schmerzen bis zur Rente weiter schuften zu müssen. 

 

Wir fordern:

 

  • Erhalt der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren!
  • Eine Rentenpolitik, die die tatsächliche Lebensarbeitszeit und den Eintritt ins Berufsleben berücksichtigt.
  • Verlässliche Rahmenbedingungen für die Altersteilzeit.
  • Keine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes und ein uneingeschränktes Bekenntnis zum Acht-Stunden-Tag!

(…)

Die Vertrauenskörperleitungen der IG Metall bei Mercedes-Benz


Leider entwickelt dieser sehr wichtige und begrüßenswerte Brief, der sich zurecht der Verteidigung unserer sozialen Errungenschaften widmet, zum Ende hin sehr negative Tendenzen, die wir nicht unterstützen können.

 

So wird die unter den Arbeiterinnen und Arbeitern wachsende - und den Tatsachen entsprechende - "Überzeugung (…), dass im Bundestag nicht die Interessen der Arbeitnehmer vertreten werden" als "fatal" bezeichnet, weil sie "Gruppierungen jenseits der politischen Mitte in die Karten" spielen würden. Damit machen sich die Autoren nicht nur zu Verteidigern der besagten Mitte gegen die berechtigten Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter, sie setzen dabei auch die fortschrittlichen linken Kräfte mit den Faschisten gleich. Richtig stellen sie fest, dass sie "keine Bittsteller" seien, versuchen dann aber getreu der alten Illusion einer Sozialpartnerschaft, stattdessen ein "Partner" des Kanzlers, der doch einen anderen Weg einschlagen könne - auch das ist eine Illusion, denn weder will, noch kann er das. Friedrich Merz ist nicht ihr oder unser Partner, sondern vor allen Dingen der oberste Dienstleister der Monopole - und deren Generalangriff auf die Arbeiterinnen und Arbeiter ist beschlossene Sache.

 

Fast schon sozialchauvinistisch bieten sie "Gespräche an, wie wir unser Land nach vorne bringen können", anstatt diesem Generalangriff den Kampf anzusagen. Um unsere Interessen durchzusetzen müssen wir nicht "unsere Wirtschaft in Deutschland an(zu)kurbeln", geht es nicht darum, nicht noch mehr zu arbeiten, sondern diese Interessen in harten Arbeitskämpfen gegen die Monopole und ihre Verbände - und damit auch gegen den geschätzten Herrn Kanzler mit seinem ultrareaktionären Kabinett - durchzusetzen. Dieser Weg wiederum führt zwangsläufig nach links und kann nicht nach rechts führen.

 

Die Rote-Fahne-Redaktion