Schwangerschaftsabbruch im Iran

Schwangerschaftsabbruch im Iran

Doppelte Belastung für Frauen aus benachteiligten sozialen Schichten

Staaten versuchen durch bevölkerungspolitische Maßnahmen und Gesetze, den Körper von Frauen als Instrument zur Reproduktion der Arbeitskraft zu kontrollieren. Solche Politiken haben in vielen Ländern der Welt langfristig weder nachhaltige positive Ergebnisse erzielt noch ihre demografischen Ziele erreicht.

Korrespondenz aus dem Iran, ursprünglich am 20.7.2026 verfasst

Stattdessen haben sie in zahlreichen Fällen erhebliche negative Folgen und schwerwiegende Belastungen für Frauen mit sich gebracht.

 

Im Iran wurde im Jahr 2021 das „Gesetz zum Schutz der Familie und zur Verjüngung der Bevölkerung“ verabschiedet. Dieses Gesetz untersagt die kostenlose oder staatlich subventionierte Bereitstellung von Verhütungsmitteln im öffentlichen Gesundheitswesen, verschärft die Kontrolle über den Vertrieb von Medikamenten im Zusammenhang mit Schwangerschaftsabbrüchen, stellt erhebliche finanzielle Mittel für kulturelle und mediale Kampagnen zur Förderung einer pronatalistischen¹ Bevölkerungspolitik bereit und stuft den Schwangerschaftsabbruch als Straftat von öffentlichem Interesse ein, die Sanktionen wie die Zahlung von Blutgeld (Diyya) sowie den Entzug der ärztlichen Approbation nach sich ziehen kann.

 

Zu den wichtigsten Gründen für einen Schwangerschaftsabbruch zählen wirtschaftliche Unsicherheit, prekäre Lebensbedingungen sowie ungewollte Schwangerschaften – Faktoren, von denen insbesondere Frauen aus sozial benachteiligten Schichten betroffen sind. Hinzu kommen steigende Gesundheitskosten, die fehlende Kostenübernahme pränataler Screening-Untersuchungen durch die Krankenversicherung, die teilweise nur noch illegal gegen hohe Zahlungen mögliche Bereitstellung von Verhütungsmitteln durch Ärztinnen und Ärzte, der Druck auf Schwangere, eine natürliche Geburt zu wählen, sowie die hohen und teilweise willkürlich erhobenen Kosten für Kaiserschnitte. Auch sichere Schwangerschaftsabbrüche in privaten Kliniken sind mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden.

 

All diese Faktoren führen dazu, dass der Zugang zu reproduktiver Gesundheitsversorgung zunehmend von der wirtschaftlichen Situation der Betroffenen abhängt und Schwangerschaftsabbrüche zu einer Klassenfrage für Frauen werden. Trotz dieser Restriktionen und der Fortführung verschiedener staatlicher Anreizprogramme – darunter die Vergabe von Bauland, zinsgünstigen Krediten, Kaufprämien für Kraftfahrzeuge und weiteren Fördermaßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate – bleibt die Zahl freiwilliger Schwangerschaftsabbrüche nach Angaben zuständiger Stellen weiterhin sehr hoch und wird auf rund eine halbe Million Fälle pro Jahr geschätzt. Den entsprechenden Angaben zufolge erfolgen mehr als 60 Prozent dieser Schwangerschaftsabbrüche unter unsicheren Bedingungen: in Privathaushalten oder illegalen Einrichtungen, unter Verwendung nicht-standardisierter Medikamente und medizinischer Instrumente sowie ohne fachärztliche Aufsicht.

 

Die medizinischen und psychischen Folgen solcher unsicheren Schwangerschaftsabbrüche können Frauen langfristig erheblich belasten. Dazu zählen schwere und therapieresistente Infektionen, starke Blutungen, Verletzungen der Gebärmutter, ein erhöhtes Risiko späterer Unfruchtbarkeit sowie in einzelnen Fällen sogar der Tod.