Prävention kommt viel zu kurz
Zuckersteuer auf Softdrinks: Die Lösung gegen Krankheiten?
Die Südzucker AG verbreitete 1954 den Mythos „Zucker ist gesund und macht schlank“. Als die Mitschuld eines übermäßigen Zuckerkonsums an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Übergewicht in der Öffentlichkeit thematisiert wurde, ließen die Nahrungsmittelmonopole nichts unversucht, ihre Profite zu sichern.
Mit beauftragten Fälschungen der Harvard University of Public Health schoben sie die Schuld für die Erkrankungen einzig und allein auf tierisches Cholesterin und Fett. Jahrzehntelang wurde die Gesellschaft damit verwirrt. Heute ist der negative gesundheitliche Einfluss übermäßigen Zuckerkonsums und von zu fettigem und salzhaltigem Essen weitgehend unumstritten.
Süßer die Kassen nie klingeln
Die Süßwarenbranche in Deutschland gab 2023 900 Millionen Euro für Werbung aus, die Soft- und Energydrink Industrie 450 Millionen Euro. Immer aggressiver fluten die Lebensmittel- und Süßwarenmonopole per Fernsehen die Kinderzimmer mit Marketingtricks zur Werbung für süße und fettige und salzhaltige Snacks und Fast Food. Sie unterlaufen damit vorbildhaftes Ernährungsverhalten verantwortungsbewusster Eltern. Kinder essen heute doppelt so viel Süßigkeiten, aber nur halb so viel Obst wie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlen.
Adipositas und Krankheiten
Die fatalen Folgen der Fehlernährung: zwei Millionen Kinder in Deutschland haben Übergewicht, 800.000 sind adipös. Armutsgefährdete Kinder und Jugendliche sind dreimal so häufig betroffen wie Gleichaltrige aus Familien mit höherem Einkommen. Aus dicken Kindern werden oft kranke Erwachsene. Die Hälfte der Frauen und zwei Drittel der Männer in Deutschland sind übergewichtig. Zwischen 2003 und 2023 stieg der Anteil fettleibiger Menschen von 12 auf knapp 20 Prozent. Der Body-Mass-Index (BMI) als bisher einziger Indikator für Übergewichtigkeit wird heute oft noch einseitig gewichtet, dabei hat das Bauchfett erheblichen Einfluss auf den Stoffwechsel und begünstigt Entzündungsprozesse. Nur ein Bruchteil der jährlichen Gesundheitsausgaben wird zur Prävention und Gesundheitsförderung eingesetzt. Die Kosten für Herz-Infarkt- und Schlaganfallpatienten, Diabetiker, Krebskranke und Karies steigen: Therapie statt Prävention: das ist profitorientierte Medizin.
Zuckersteuer – worum geht es?
Lange folgte die Bundesregierungen den Lebensmittelmonopolen, die freiwillige Selbstverpflichtung zur Senkung von Zucker, Fett und Salz versprachen. Doch seit 2015 ist die Zusammensetzung ungesunder Kinderlebensmittel fast unverändert. Jetzt beschloss die Bundesregierung eine „Zuckersteuer“ als einen der 66 Vorschläge der „Fachkommission zur Stabilisierung der Finanzen der gesetzlichen Krankenkassen“. Die Steuer wird auf stark zuckergesüßte Getränke erhoben! Ex-Gesundheitsministerin Warken erwartet Einnahmen von 650 Millionen Euro im kommenden Jahr.
Die Lebensmittel- und Getränkeindustrie lehnt die Steuer strikt ab. Verbände sprechen von „Raubrittertum“. Das ist bezeichnend. Die Monopole haben jahrelang von hohem Zuckergehalt und aggressiver Vermarktung profitiert. Jetzt, wo eine staatliche Lenkung droht, wird protestiert – obwohl genau diese Industrie die Rezepturen in der Hand hat.
Dennoch ist die Zuckersteuer fragwürdig. Mehr zahlen – das sollen die Konsumenten. Sie ist eine Massensteuer, die die Lasten auf die Massen abwälzt. Die MLPD fordert dagegen eine Senkung der Massensteuern, Abschaffung aller indirekten Steuern und drastische progressive Besteuerung der Großunternehmen, Großverdiener und großer Vermögen. Erfahrungen aus über 100 Ländern mit „Zuckersteuern“ zeigen, dass zwar der tägliche Zuckerkonsum etwas sinkt, auch die Zahl adipöser Kinder, der große Durchbruch fehlt allerdings. Kein Wunder, wenn nur gesüßte Getränke betrachtet werden und den Lebensmittelmonopolen keine gesetzlichen Auflagen zur Senkung von Zucker-, Fett- und Salzgehalt gemacht werden.
Andere Wege bieten sich an:
- Die Industrie muss verbindlich verpflichtet werden, den Zuckeranteil schrittweise, klar festgelegt und spürbar zu senken. Gestaffelte Vorgaben haben gezeigt, dass so etwas möglich ist, wenn der Druck groß genug wird.
- Aufklärung und Erziehungsarbeit sind notwendig – in Schulen, Betrieben und über klare Kennzeichnung. Das allein ändert jedoch wenig, wenn das Angebot und die Werbung weiter auf Süßes setzen.
- Man könnte meines Erachtens zum Gesundheitsschutz auch über eine Zuckerabgabe nachdenken, aber nur in Verbindung mit direkter Entlastung bei gesunden Lebensmitteln: günstigeres Obst und Gemüse, ungesüßte Getränke und bessere Angebote in Kantinen und Automaten.
Einseitige Leitlinien der bürgerlichen Medizin
„Das ganze Konglomerat an tatsächlichen oder behaupteten Ursachen konzentriert sich ausschließlich auf das individuelle Verhalten ... Bei aller berechtigten Betonung der persönlichen Verantwortung darf der gesellschaftliche Zusammenhang nie ausgeblendet werden“, kritisiert Stefan Engel im Buch „Die Krise der bürgerlichen Naturwissenschaft“. Das ganze Leben muss mit einbezogen werden: die Werbung, hormonell wirkende Gifte in Verpackungen, vermehrte Schichtarbeit mit veränderten Essenszeiten, Kürzungen im Schul- und Breitensport und Schließung öffentlich zugänglicher Sportstätten. Preise für Obst, Gemüse und Grundnahrungsmittel müssen gesenkt werden. Gesunde Ernährung darf nicht am Geldbeutel scheitern.
Fehlernährung ist Bestandteil der Deformation der Lebensweise infolge der kapitalistischen Warenproduktion mit ihrem Zwang eines ununterbrochenen Wachstums des Kapitals. Erst die Aufhebung der am Tauschwert und Profit ausgerichteten kapitalistischen Warenproduktion macht den Weg frei für eine auf Erzeugung von Gebrauchswerten und eine auf Lebensqualität ausgerichtete Produktion. Dafür brauchen wir den echten Sozialismus!
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