Stuttgart
Mercedes-Chef sucht Verständnis für seinen Generalangriff
Die Stuttgarter Zeitung lud am 22. Juli zur Podiumsdiskussion mit dem Titel ein: „Wege aus der Autokrise – wohin lenkt Ola Källenius Mercedes?“
Am Aktionstag der IG Metall am 9. Juli waren die „Ola-Raus“-Rufe überall zu hören. Deshalb kam Källenius diese Veranstaltung der Stuttgarter Zeitung gerade recht, um zumindest in der Öffentlichkeit seine kapitalistische Sicht zu verbreiten.
„Wir brauchen eine Produktivitätsoffensive für Deutschland“
Diese müsse bei Mercedes (und VW) beginnen. Denn, „Deutschland (sei) derzeit nicht wettbewerbsfähig“, so Källenius. Er begründete das damit, dass hier die geleisteten Nettostunden der Beschäftigten bei 1300 liegen, während es in den USA 1700 und China 1800 sind. 1300 - das ist die Arbeitszeit bei einer 35-Stundenwoche, nach Abzug der Krankheitstage, die für Källenius bei Mercedes viel zu hoch sind. Dass die Krankheitsquote auch mit der hohen Produktivität und Arbeitshetze zu tun hat, weshalb man die Nettostunden nicht so ohne weiteres vergleichen kann – was soll's.
Der eigentliche Zweck der Zahlenspiele ist, dass die Forderung nach einer 40-Stundenwoche ohne Lohnausgleich und der Angriff auf die hart erkämpfte 35-Stundenwoche als notwendige „Anpassung“ erscheinen soll. Verschleiert wird damit, dass der Mercedes-Vorstand die Nettostunden in den hiesigen Werken auf das Niveau von China bringen will. Denn so könnte er die Profitmasse und die Ausbeutungsrate sprunghaft steigern. Die Arbeiter würden 14,3 Prozent mehr an unbezahlter Arbeit leisten, die Mercedes sich aneignet!
Über den Profit redet Källenius nicht groß. So hat der arme Konzern 8,2 Milliarden Euro im letzten Jahr als bereinigtes EBIT (Gewinn vor Zinsen und Steuern) ausgewiesen. Doch die Großaktionäre wollen zum EBIT des Jahres 2023 zurück, der sage und schreibe 19,7 Milliarden Euro betrug. Diese Rekordprofite waren möglich, weil Mercedes seine Höchstpreise, insbesondere bei der S- und E-Klasse, als Weltmarktführer durchsetzen konnte. Inzwischen geht das nicht mehr so, weil die chinesische Konkurrenz Mercedes & Co. in Sachen E-Antriebe und Digitalisierung davongefahren ist. Auch verkaufen BYD & Co Autos zu niedrigeren Preisen.
Produktivitäts-Offensive ist Ausbeutungsoffensive
Das wird von mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen so gesehen. Auch verfängt immer weniger, dass die Belegschaft mit der Streichung der Sonderzahlung im Juli und des Rechts von Angestellten auf Homeoffice, vor allem aber mit massivem Arbeitsplatzabbau, dazu beitragen soll, dass Mercedes als Sieger aus der Vernichtungsschlacht auf dem Automarkt hervorgeht. Källenius tut so, als wäre das auch im Interesse der Zukunft der Beschäftigten.
Auf die Frage aus dem Publikum, „ob es bei Mercedes denn überhaupt genug Arbeit für eine 40-Stundenwoche gebe und ob dies einem weiteren Stellenabbau Vorschub leiste“ bemerkte selbst der Redakteur: „Vehement widersprechen will Ola Källenius nicht“. Er wolle allerdings keine betriebsbedingten Kündigungen und hoffe darauf, dass in den nächsten drei Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in die Rente gegen würden.
Ein Dementi sieht anders aus! Und wenn rechnerisch im Zuge einer 40-Stundenwoche 23.200 Arbeitsplätze überflüssig werden, kann von „sozialverträglich“ keine Rede sein. Das verbaut vor allem der Jugend die berufliche Zukunft.
Die Arbeiter und die Angestellten in der Verwaltung, bei denen Källenius „einiges an Abbaupotential“ sieht, sollten deshalb an der Erkenntnis festhalten, dass sie ihrerseits auch härter kämpfen müssen. In diesem Sinne bekräftigten aktuell Vertrauensleute und Betriebsräte auf einer der RCOMs (Regelkommunikation Metall) im Mercedes-Werk Stuttgart-Untertürkheim: „Jetzt muss mindestens zwei Wochen gestreikt werden“!