Briefwechsel
„Energiewende“ ist kein wissenschaftlicher Begriff
Josef Lutz aus Chemnitz kritisierte die Verwendung des Begriffs „Energiewende“ auf Rote Fahne News. Wir veröffentlichen seinen Leserbrief sowie die Antwort des Autoren.
Verwendung des Begriffs „Energiewende“?
Auf Rote Fahne News taucht der Begriff „Energiewende“ in letzter Zeit mehrfach auf. Ich habe diesen Begriff nie verwandt, er ist mir auch im Buch „Katastrophenalarm – was tun gegen die mutwillige Zerstörung der Einheit von Mensch und Natur?" von Stefan Engel (2014) und im Ergänzungsband von 2023, den er zusammen mit Gabi Fechtner und Monika Gärtner-Engel geschrieben hat, nicht aufgefallen.
Eingeführt hat ihn die Bundesregierung um 2011 / 2012. Sie verkündete eine „Energiewende“ und tat das Gegenteil: Sie beschloss die drastische Kürzung der Einspeisevergütung für neue Solaranlagen und Windräder. Gefördert wurden überdimensionierte „Stromautobahnen“ und Wasserstoffprojekte der Chemiekonzerne. Die einst technisch führende mittelständische deutsche Solarindustrie wurde in den Konkurs getrieben. Der Begriff „Energiewende“ beinhaltete das Gegenteil von dem, was gemacht wurde, wie auch an anderen Stellen („Friedensmission“ für den Krieg in Afghanistan etc.).
Mit Begriffsbildung wird die öffentliche Meinung manipuliert. Der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung betrug 2010 noch 17 Prozent, 2011 bereits 20 Prozent und 2012 stieg er auf 22 Prozent. Das war wesentlich von privaten Haushalten mit Solar-Dachanlagen und von Investorengemeinschaften für Windräder getragen. Aber es war eine ernsthafte Beeinträchtigung des Umsatzes von Kohle- und Atomstrom. Dagegen wurde was getan. Die Behinderung des Zuwachses an erneuerbaren Energien setzten danach alle Bundesregierungen fort. Die Energiekonzerne entdeckten auch das neue Geschäftsfeld. Allerdings ließen sie sich für ihre Offshore-Windparks eine mehrfache Vergütung absichern. Der Anteil Erneuerbarer an der Nettostromerzeugung betrug 2025 zwar 55,9 Prozent, ohne Behinderung durch Maßnahmen der sog. „Energiewende“ wären es nahe 100 Prozent geworden.
Ministerin Reiche setzt die Politik ihrer Vorgänger fort. Soll man die als „Energiewende“ verteidigen? Natürlich wird das Bemühen um die Profite der fossilen Energiekonzerne immer absurder. Wir sollten besser von „erneuerbaren Energien“ sprechen und bei Verwendung von Begriffen immer beachten, was damit transportiert wird.
Solidarische Grüße
Hier die Antwort des Autors
… danke für deine Kritik vom 29. Mai. Sie ist berechtigt. Es ist ein Begriff des Systems der kleinbürgerlichen Denkweise. Der RW 39 stellt zu Recht fest, dass ein ganzes Wörterbuch von Begriffen die Wirklichkeit verzerrt, die öffentliche Meinung manipuliert und das Klassenbewusstsein zersetzen soll (Seite 130).
Du arbeitest gut den Betrug der Regierung an der ganzen Sache raus. Ich habe den Begriff z. B. auf Rote Fahne News am 23. Mai in der Überschrift verwendet. Da auch Umweltorganisationen und Gewerkschaften den Begriff verwenden und ihn positiv besetzen – mit der konsequenten Umstellung auf erneuerbare Energien, wie Wind und Solar, habe ich das unkritisch übernommen. Aber auch diese Variante müssen wir ablehnen, da sie das mit der Konkurrenzfähigkeit des deutschen Imperialismus und der Illusion der Vereinbarkeit von kapitalistischer Ökonomie und Ökologie verknüpfen.
Es ist richtig, dass der Revolutionäre Weg und andere Publikationen den Begriff nicht verwendet haben. Dein Vorschlag, von „erneuerbaren Energien“ zu sprechen, entspricht unserer Linie. Bitte entschuldige die verspätete Antwort. Ich musste mir erst mal selbst Klarheit mit dem RW 35 und RW 39 verschaffen und habe unsere Publikationen daraufhin angeschaut. Ich musste mit der oberflächlichen Betrachtung und Rechtfertigung, dass der Begriff ja von vielen Umweltorganisationen verwendet wird, fertig werden.
Herzliche Grüße