In Erinnerung an die Ausrufung der Kulturrevolution vor 60 Jahren

In Erinnerung an die Ausrufung der Kulturrevolution vor 60 Jahren

Der Anstoß von Anshan – und der Anstoß von heute

1966 kam der entscheidende Impuls nicht aus einer fertigen Theorie, sondern aus der Praxis: Die Arbeiter von Anshan formulierten aus ihrer eigenen Produktionserfahrung einen Vorschlag zur Betriebsordnung.

Korrespondenz aus Duisburg
Der Anstoß von Anshan – und der Anstoß von heute
Das Stahlwerk von Anshan auf einer alten chinesischen Postkarte (foto: gemeinfrei)

Mao erhob ihn 1960 zur Grundlage – und erst dieser praktische Beweis, dass Produzenten die Leitung selbst tragen können, wurde 1966 zur gesellschaftlichen Direktive verallgemeinert: zur Kulturrevolution. Der Anstoß ging von unten nach oben und zurück, von der konkreten Erfahrung zur Theorie zur Ausrichtung.

 

Der entscheidende Unterschied zu heute: Anshan wirkte innerhalb einer bereits vergesellschafteten, sozialistischen Produktion. Es ging um die Verteidigung und Vertiefung bereits errungener Arbeitermacht gegen ihre bürokratische Aushöhlung. „Mitbestimmung durch Streik“ wirkt dagegen innerhalb des Kapitalismus. Hier gibt es keine errungene Macht zu verteidigen – hier muss sie sich in der Erfahrung der Kollegen selbst zuallererst als Möglichkeit herausbilden.

 

Genau darin liegt der Anstoß, den die Losung gibt: Sie widerlegt praktisch, nicht nur argumentativ, die alltägliche Selbstverständlichkeit „Der Betriebsrat oder die Gewerkschaft muss das jetzt in die Hand nehmen“. Jede Pausenversammlung, jede Abteilung, die eigenständig die Arbeit niederlegt, ist ein kleiner, aber realer Beweis dagegen – dieselbe Beweisführung durch Praxis, mit der auch die Anshan-Arbeiter ihre Betriebsordnung begründeten, nur unter umgekehrten Vorzeichen: nicht Verteidigung sozialistischer Beteiligung, sondern erste Durchbrechung kapitalistischer Fremdbestimmung.

 

Der Kampf um die proletarische Denkweise hat unter diesen Bedingungen eine andere Funktion als 1966. In China ging es darum, eine bereits vorhandene proletarische Denkweise gegen ihren schleichenden Verlust zu verteidigen. Im Kapitalismus geht es darum, sie gegen die tägliche Wirkung der bürgerlichen Ideologie – Vertrauen auf Verträge, Delegation an Institutionen, das Gefühl der Alternativlosigkeit – überhaupt erst herauszubilden. Das ist der Kern dessen, was als vorrevolutionärer Gärungsprozess beschrieben wird: Eine neue Qualität im Bewusstsein entsteht aus einer wachsenden Zahl kleiner praktischer Erfahrungen des Selbsthandelns, nicht aus deren Ankündigung.

 

Ob aus diesem Anstoß mehr wird als eine einzelne Abwehrschlacht, hängt wie bei Anshan daran, ob die Erfahrung bewusst ausgewertet, verallgemeinert und organisatorisch umgesetzt wird – durch Kritik und Selbstkritik vertieft und in der Praxis weiterentwickelt wird, nicht durch das bloße Wiederholen der Losung. Mao behandelte den Anshan-Vorschlag nicht als betriebliche Randnotiz, sondern machte ihn zur Grundlage der Weiterentwicklung des Sozialismus. Genau diese Verallgemeinerungsarbeit entscheidet auch heute, ob „Mitbestimmung durch Streik” ein Anstoß bleibt oder verpufft.

 

Dazu passt die Neuauflage eines der bedeutendsten Dokumente der Großen Proletarischen Kulturrevolution, "Einst teilt sich in zwei", das aktuell vom Verlage Neuer Weg herausgebracht wird. Es kann hier gekauFt werden.