Esslingen

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Die freundliche "Familienunternehmen"-Maske ist gefallen, FESTO zeigt sein wahres Gesicht

Das Familienunternehmen FESTO plant die Vernichtung von 1300 Arbeitsplätzen.

Korrespondenz
Die freundliche "Familienunternehmen"-Maske ist gefallen, FESTO zeigt sein wahres Gesicht
Solidarität mit den Kolleginnen und Kollegen bei FESTO (rf-foto)

Am Dienstag und Mittwoch, 14. und 15. Juli, fanden Pausenaktionen der IG Metall vor den beiden FESTO-Standorten Scharnhausen und Berkheim bei Esslingen statt. Wir kamen als Delegation der MLPD dazu, um unsere Solidarität auszudrücken. Die Menschen sind schockiert bis hin zu wirklich richtig wütend. Noch im vergangenen Jahr feierte FESTO sein 100‑jähriges Bestehen. Die Kolleginnen und Kollegen hatten dafür sogar auf ihre Prämie verzichtet. Die Feier hat ja viel gekostet! Dabei belegt die Eigentümerfamilie Stoll mit einem Privatvermögen von 3,5 Milliarden Euro Platz 77 in der Liste der 500 reichsten Deutschen.¹
 

Und jetzt die Stellenstreichungen! Damit hatte wirklich niemand gerechnet. Mit einer externen Beraterfirma wurde ein skrupelloses Programm entwickelt, um möglichst viele zum "freiwilligen Ausscheiden" zu drängen. Wochenlang wurden Vorgesetzte geschult. Sie mussten Listen anfertigen, um die sogenannten "Low-Performer" also Niedrigleister oder Unbequeme, Kritische, auszusieben. Mit diesen finden jetzt "Trennungsgespräche" statt. Sie machen den Leuten so richtig Angst. Die über 60-Jährigen sollen gar keine Abfindung erhalten. Sie bekommen das Angebot einer "Rentenbrücke", mit der diese Kapitalisten dann ganz zielsicher unsere Sozialkassen plündern: FESTO zahlt anscheinend im ersten Jahr Auffanggesellschaft 83 Prozent der Bezüge und dann einen Betrag, der die kommenden zwei Jahre ALG 1 ebenfalls weiter auf die 83 Prozent des letzten Lohnes erhöhen soll. Eine Unverschämtheit nach bis zu 40 Arbeitsjahren.


Unter 60-Jährige bekommen eine Abfindung, die aber bei 200.000 Euro gedeckelt ist. Viele Kolleginnen und Kollegen würden FESTO sehr gerne den Rücken kehren. Aber viele fragen sich: Wie soll das gehen? Mit Familie, vielen Kindern, unbezahltem Eigenheim? Bei der enormen Arbeitsplatzvernichtung in der ganzen Region Stuttgart gibt es kaum eine Chance auf einen neuen Arbeitsplatz. 

 

Und die bald 60-Jährigen fragen sich: Gibt es denn in drei bis vier Jahren überhaupt noch die Möglichkeit, mit 63 in Rente zu gehen? Und wenn nicht, was dann? Werde ich dann ein Fall für die Sozialhilfe?
 

Mit Einschüchterung und kürzesten Bedenkzeiten wird enormer Druck ausgeübt. In den Gesprächen der Personalabteilung mit den Kolleginnen und Kollegen, die zur Beendigung ihres Arbeitsverhältnisses gedrängt werden, werden vorformulierte Sätze benutzt. "Sie sind ein Mitarbeiter ohne Beschäftigungsperspektive" - aalglatt werden die Menschen ihres jahrelangen Engagements Zeit ihres Berufslebens beraubt und wie Müll behandelt. Die Kolleginnen und Kollegen sind so angewidert, dass sie schon allein aus diesem Grunde am liebsten sofort gehen würden. Aber genau das soll erreicht werden: Möglichst schnell sollen die Betroffenen aus dem Betrieb verschwinden; sie werden sofort freigestellt. Angeblich damit sie sich um ihre Gesprächstermine mit Rentenberatung, IG Metall usw. kümmern können. In Wirklichkeit will man diese zutiefst schockierten Menschen nicht im Betrieb haben, sie könnten ja das tolle Arbeitsklima stören. 

"Warum streiken wir eigentlich nicht?" fragen drei  junge Metaller vor dem Tor in Berkheim

 Und das ist wirklich die richtige Frage. Obwohl in den letzten Wochen weit mehr als 100 Leute Gewerkschaftsmitglied wurden, und das Bewusstsein für einen gemeinsamen Kampf gegen diese Pläne sich rasant entwickelt, ist der Organisationsgrad noch gering. Viele Kolleginnen und Kollegen waren immer überzeugt, sie bräuchten die Gewerkschaft nicht, FESTO wäre doch ein so tolles Unternehmen. Sie sind jetzt regelrecht schockiert, haben Angst, auch gerade die, die sich als noch leistungsfähige junge Menschen eine Zukunft im Betrieb erhoffen. 


Immerhin kamen jeweils zwischen 100 und 150 Kolleginnen und Kollegen vor das Tor. Wir brauchen jetzt Zusammenhalt in der Belegschaft und die Solidarität untereinander, aus der Bevölkerung und aus anderen Betrieben. Riesige Freude gab es deshalb über den Besuch einer Delegation von IG-Metall-Kollegen der Firma PILZ, die auch in Berkheim produziert. Das stärkt auch das Selbstbewusstsein: "Wir sind nicht allein, wir können denen da oben einen Strich durch ihre perverse Rechnung machen!" Mit einem Streik könnte viel erreicht werden, und wir haben in allen Gesprächen unsere volle Unterstützung und Solidarität versprochen.