Wolfsburg
VW-Wolfsburg: Frühschichtgedanken
Scheinbar ist alles ruhig. Der Krach der Maschinen im Karobau, der Stanzen und Pressen im Presswerk, die konzentrierte Ruhe im Lack und in der Montage. Aber unter der Oberfläche wiegen sich alle in tiefen Gedanken. Nicht nur wegen der Ankündigungen von vier Werksschließungen und Massenentlassungen.
Mexikanische Führungskräfte fahren durchs Werk. Es geht das Gerücht, dass der Tayron auch in Malaysia gefertigt wird und wir die Rohkarossen dorthin senden. Viele fragen sich, warum eigentlich nur noch 40.000 Bestellzahlen hier ankommen, wo es früher 80.000 waren – wird der Tiguan vielleicht auch schon woanders gefertigt?
Wir wissen, dass alle neuen Produktionsanlagen vom ID3 NEO, den wir aus Zwickau bekommen, nur noch von Group-Services-Kräften gefahren werden. Alleine 1000 von ihnen sind in der Halle 54 da.
Und wenn wir wie immer arbeiten, Störungen beheben, uns freuen, weil es heute Milchreis in der Kantine gibt, und nebenbei sprechen, was wir so im Urlaub machen, mischen sich in nahezu jedes Gespräch intensive Diskussionen. Alle Widersprüche spitzen sich bis aufs Äußerste zu.
Die proletarische Denkweise kämpft mit der kleinbürgerlichen Denkweise. Ein Kollege sagt: Warum verhaftet Olaf Lies nicht einfach alle VW‑Manager wegen bandenmäßigen Betrugs? Viele sind der Meinung, der Betriebsrat sollte aus dem Aufsichtsrat ausscheiden, um wirklich auf unserer Seite zu stehen. Die Vorstellung ist absurd: wieder mit der Trillerpfeife vor dem Hochhaus stehen und dann nach einigen Stunden wieder zurück zur Schicht – und wir arbeiten die Stückzahl wieder ein, vielleicht sogar am Wochenende.
Viele Kollegen sagen: "Das machen wir nicht mehr". Das wird von einigen IG-Metall-Funktionären als Desinteresse ausgelegt – in Wirklichkeit ist es das Gegenteil. Viele Kollegen sagen, es muss gestreikt werden, und zwar von allen Standorten vereint.
Viele sagen, das kann ja nur über die IG Metall laufen, gleichzeitig haben wir Friedenspflicht und die IG Metall kann nicht aufrufen. Während die Werksvertrauenskörperleitung bisher noch nicht mobilisiert, sind viele IG-Metall-Vertreter schon der Meinung, dass schnell etwas passieren muss. Einige sagen, die Messe ist gelesen, die chinesischen Monopole überrollen uns, wir sind zu spät. Andere sagen: "Wer nicht kämpft, hat schon verloren".
Ganz Deutschland, wenn nicht die ganze Welt, schaut auf uns, was wir tun werden. Der Druck ist enorm, er ist greifbar. Aber gleichzeitig haben wir keine Erfahrung, wie man kämpft, wie man streikt.
Neu ist, dass darüber ernsthaft gesprochen wird. Wir knobeln, wir lesen Erfahrungen anderer, einige wünschen sich Claus Weselsky (für seine Streikbereitschaft bekannter und beliebter langjähriger Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GdL, Anm. d. Red.) herbei. Ein anderer sagt: "Ach vergiss es, der kann nur Eisenbahn, das müssen wir schon selber machen, hier."
Die Solidarität wächst: Eine Kollegin sagt: „Warum soll ich an mich denken? Es ist reiner Zufall, wer von uns betroffen ist – aber wir sind alle Arbeiter!"
Auffällig: Einige halten sich raus, die Deals mit Vorgesetzten für Privilegien haben und es sich nicht verscherzen wollen. Das kommt nun heraus.
Die Zeitungen, die vor den Toren verteilt werden und zum Streik aufrufen, liegen feinsortiert nach Tagen auf jedem Tisch, wie eine Mahnung.
Oberflächlich mag alles laufen wie immer, aber es brodelt, es gärt, es wabert ein neuer Geist durch die Hallen. Wir sind im Trainingsmodus.
Es gibt viele Fragen, aber eines ist klar: Wenn wir uns nicht in der Pause versammeln, wenn wir uns nicht beraten, bleibt jeder und jede in den eigenen Gedanken hängen.
Daher rufe ich alle auf: Versammelt euch in den Pausen – bereiten wir einen Streik vor – verhelfen wir der Arbeiteroffensive zum Durchbruch!