Gesundheitspolitik
Streichung der telefonischen Krankschreibung – mit „Nebenwirkungen“
Laut Beschluss des Koalitionsausschusses vom 1. Juli soll die telefonische Krankschreibung gestrichen werden. Ein ärztliches Attest ist dann bereits am ersten Tag der Arbeitsunfähigkeit fällig.
„Eine Debatte befreit von jeglicher Evidenz mit dem einzigen Ziel: die 20 Krankheitstage pro Jahr und Person zu verringern“ – so der Kommentar im Deutschen Ärzteblatt 14/26. Zu Recht weist er darauf hin, dass es bislang überhaupt keine vollständige Erhebung der Arbeitsunfähigkeitstage gibt, weder in Deutschland noch in vergleichbaren Industrieländern. Allerdings werden seit 2022 mit der elektronischen AU die Krankheitstage deutlich besser erfasst, was zu steigenden Zahlen führt.
Die relativ hohen AU-Tage sind vor allem durch Langzeitkrankheiten bedingt – wie Depressionen, Erschöpfungszustände, Krebs, Wirbelsäulenerkrankungen. Laut einer Berechnung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK machen diese 3,3 % der AU-Fälle aus – aber 40 % der AU-Tage Es wäre also sinnvoll, endlich die Ursachen für die ansteigenden stress- und umweltbedingten Massenkrankheiten durch konsequente Prävention anzugehen, anstatt noch mehr Druck auf die Beschäftigten zu machen! Ein bis zwei Tage krank ohne Attest wird ohnehin in der Statistik nicht erfasst.
Mit der neuen Regelung werden die dokumentierten AU-Tage also voraussichtlich weiter ansteigen – und für volle Wartezimmer sorgen, für mehr Druck und Stress in den Arztpraxen und längere Wartezeiten auf einen Termin. So war es auch nicht verwunderlich, dass die Koalitionspolitiker sehr rasch nasse Füße bekamen. „Es ist ja noch nicht im Gesetz“, sagt Bärbel Bas am Tag danach. Und selbst Kanzler Merz versucht zurückzurudern: „Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis“.
Aber genau das wurde doch beschlossen! Mit der am 10.7. beschlossenen „GKV-Reform“ sollen 2,7 Mrd Euro bei der ambulanten Versorgung eingespart werden. Offensichtlich hat sich die Regierung in einem chaotischen Gesetzgebungsverfahren gegen viele berechtigte Einwände und Proteste durchgesetzt – auch um ihre Handlungsfähigkeit gegenüber den Unternehmer- und Monopolverbänden zu beweisen. Dazu passt, dass kurz vor der Verabschiedung die Pharmaindustrie noch mehr entlastet wurde als geplant. Der Widerstand dagegen muss zu einem Teil der breiten Massenproteste gegen die Krisen- und Kriegspolitik der Regierung und der Monopole werden.