Bemerkenswerter „Fußball-Sozialist"
Ståle Solbakken – Nationaltrainer Norwegens, WM-Überraschung und Mann mit Haltung
Ståle Solbakken ist mehr als nur ein erfolgreicher Fußballtrainer. Der 58-jährige Norweger, der sein Land bei der WM 2026 bereits ins Achtelfinale geführt hat, verkörpert eine seltene Mischung aus taktischer Kompetenz, persönlicher Reifung und klarer fortschrittlicher politischer Haltung.
„Sozialist an der Seitenlinie"
Solbakken bezeichnet sich selbst offen als Sozialist. Er kritisiert die reaktionäre Abschiebepolitik in Skandinavien und spendete Überschüsse aus seinem Buch Løvehjerte an Flüchtlingshilfsorganisationen. Den Profifußball betrachtet er kritisch – die Gehälter und das System findet er teilweise „absurd". Gleichzeitig greift er die FIFA scharf an, sei es wegen Menschenrechtsverletzungen bei der Katar-WM oder wegen aktueller Unterwürfigkeit unter den Faschisten Trump, die er als „bad, bad, bad, bad, bad decision" bezeichnet. Genauso attackiert er Putin scharf. Seine Haltung bringt ihm viel Lob, aber auch antikommunistische Hetze ein. Vor allem aus faschistischen und ultrareaktionären Kreisen wird er als „zu links" diffamiert. Wenn man ihm „vorwirft", er sei Kommunist, bleibt er gelassen. Früher wurde ihm vorgeworfen, er solle „lieber trainieren und sich nicht einmischen". Er mischt sich ein und ist ein Top-Trainer!
Schicksalsschläge und Selbstreflexion
Solbakkens Leben ist von der Verarbeitung schwerer Rückschläge geprägt. Im Jahr 2001 erlitt er als Spieler einen Herzinfarkt auf dem Trainingsplatz – sein Herz stand mehrere Minuten still, er war klinisch tot. Jahrzehnte später traf die Familie ein weiterer Schicksalsschlag: Sein Sohn Markus (25) wurde mit Multipler Sklerose (MS) diagnostiziert – kurz vor der WM. Diese Erlebnisse haben ihn verändert. Solbakken gibt selbstkritisch zu, früher als Trainer zu wenig empathisch gewesen zu sein – zu hart, zu distanziert und zu sehr auf Leistung fixiert. Heute legt er großen Wert auf Teamkultur, mentale Gesundheit und den Menschen hinter dem Spieler.
Der taktische Entwickler
Bei der WM 2026 zeigt sich Solbakken auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Norwegen spielt unter ihm reifer, flexibler und erfolgreicher als in den Jahren zuvor. Von einem eher starren, defensiven Stil hat er sich zu variablen Systemen mit starker Zonenverteidigung, intelligentem Pressing und guter Nutzung der Stars (Haaland, Ødegaard) weiterentwickelt. Er ist einer der bemerkenswertesten Trainer des Turniers – nicht nur wegen der Ergebnisse, sondern wegen seiner gesamten Persönlichkeit.
Ein Mann mit Haltung
Ståle Solbakken ist der seltene Fall eines Top-Trainers, der politisch klar fortschrittlich Position bezieht, schwere Schicksalsschläge verarbeitet hat und dabei bescheiden und selbstkritisch bleibt. In einer Zeit, in der viele im Fußballbusiness nur auf den nächsten Vertrag schielen, ist er eine echte Ausnahme: ein Fußball-Sozialist mit „Löwenherz", wie seine Biographie heißt.
Tradition in Norwegen?
Solbakken steht in einer gewissen norwegischen Tradition. Egil „Drillo" Olsen, der Norwegen sensationell zu den WM-Turnieren 1994 und 1998 führte, war ebenfalls ein überzeugter Linker und bezeichnete sich offen als Kommunist. Er war Mitglied der früher marxistisch-leninistischen AKP (m-l) und fiel durch konsequente, teils unkonventionelle Ansichten und Erfolg auf.