Kämpferische Kundgebung zum Schichtwechsel
Neckarsulm: Der Platz kam schier nicht zur Ruhe
Rund 600 Arbeiterinnen und Arbeiter folgten dem Aufruf der IG Metall zu einer kämpferischen Kundgebung zum Schichtwechsel.
Von 14 Uhr bis 14.30 Uhr angekündigt, dauerte die Versammlung bis 15 Uhr. Aus dem ganzen Werk waren die Vertrauensleute gekommen. Die Azubis setzten ein kämpferisches Signal, indem die Lehrwerkstatt geschlossen an der IG-Metall-Kundgebung teilnahm. Sie sorgten auch für eine kämpferische Stimmung mit IG-Metall-Ratschen, Parolen, Applaus und lautstarken Kampfansagen. Der Platz kam schier nicht zur Ruhe.
Eröffnet wurde die Kundgebung vom JAV-Vorsitzenden. Anschließend sprachen der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Robin Lörcher, der VK-Vorsitzende und die IG-Metall-Bevollmächtigte. Oberbürgermeister und Landrat waren auch zugegen, kamen allerdings nicht zu Wort.
Die Redner äußerten sich entschieden gegen die Werkschließung: „Schluss mit den Gedankenspielen über eine Werksschließung. Nicht mit uns. Wir wollen mitbestimmen!" So riefen sie in die Versammlung. Die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter hatten die Arbeit niedergelegt. Die Produktion lief allerdings weiter, was daran lag, dass nicht die ganze Belegschaft aufgerufen war, sondern nur die Vertrauensleute.
Insbesondere Robin Lörcher orientierte dabei stark auf die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes. So war die einzige Rufparole „Und Neckarsulm, Neckarsulm!“ Kurz wurde sich allerdings auch mit allen Belegschaften des Konzerns solidarisch erklärt. Bewusst rief die Gewerkschaft heute zu einem konzernweiten Aktionstag auf.
Viel Presse war vor Ort. Als Parteien waren die MLPD und die Linkspartei vor Ort und sichtbar im gemeinsamen Kampf mit der Belegschaft. Auch das frisch gegründete Widerstandskomitee gegen die Werksschließung von Audi Neckarsulm und gegen die Kriminalisierung von Arbeitersolidarität war mit seinem beliebten Transparent vor Ort. Über 350 Unterschriften sind mittlerweile unter der Losung "Ab 8 Juli: Mitbestimmung durch Streik – keine Werksschließung!" zu finden.
Viele Azubis machten Selfies vor dem Transparent, einige unterschrieben auch. Wir als MLPD waren mit einer Fahne mittendrin und verkauften auch unser Magazin, die Rote Fahne, ein Flugblatt der Betriebsgruppen, unser Parteiprogramm und Bücher zu Kampferfahrungen der Opel-Belegschaft.
Wir überbrachten solidarische Grüße an die Kollegen zu diesem wichtigen IG-Metall-Aktionstag entsprechend der Losung "Mitbestimmung nur durch Streik!"
Innergewerkschaftlich und von Seiten des Betriebsrats war offensichtlich im Vorhinein Konsens darüber geschlossen worden, dass an diesem Tag Arbeitersolidarität willkommen ist. Robin Lörcher begrüßte den Betriebsgruppensprecher mit der MLPD-Fahne entsprechend mit Handschlag.
Triumphierend zogen wir an Werkschutz und Polizei vorbei, die nach gestern auch heute dulden mussten, dass wir Teil dieser Arbeiterversammlung sind. Zwei Werksfeuerwehrleute feuerten uns allerdings auch an: "Los geht’s, Mädels!"
Mit unserem Rote Fahne Magazin, unserer Losung und Solidaritätsgrüßen sowie mit einem Flugblatt zur Stärkung unserer Betriebsgruppen wendeten wir uns persönlich an viele der teilnehmenden Kollegen.
Doch schnell kamen wir auch in die Diskussion: Das ganze Ausbeutersystem Kapitalismus muss überwunden werden! Dazu und in der klaren Positionierung gegen den Generalangriff des Kapitals gab es Zustimmung, oft noch verhalten nachdenklich. Und da war man auch schon beim Sozialismus: Kann er funktionieren? Wie war das in Jugoslawien? Von einem jugoslawischen Kollegen kamen gute Infos über die Zustände unter Tito, vom anderen kam Zustimmung, dass das kein echter Sozialismus war und Marx und Lenin sich im Grab rumgedreht hätten.
Einer sprach sich für "die Blauen" aus, wurde aber still, als er mit Alice Weidels Plänen zur Lohnsenkung konfrontiert wurde. In vielen Cliquen von Azubis gab es spontanes Interesse an der Roten Fahne; die Neugier war durchaus geweckt. Geld hatten wiederum viele nicht dabei, weshalb auch angesichts der Grundsatzdiskussionen einige Parteiprogramme oder ältere Magazine in die Blaumänner eingesteckt wurden.
Am Ende der meisten Gespräche war die Atmosphäre gelöst: Man wünschte sich viel Erfolg und hatte vielleicht den einen oder anderen antikommunistischen Vorbehalt infrage gestellt.
Ein Gewerkschaftsfunktionär machte zuerst die Schotten dicht, als er die Rote Fahne sah. Schließlich kam es doch zu einem sachlichen Gespräch. "Dass Ihr hier seid und uns unterstützt, und auch dass Ihr immer am Tor steht, das ist wirklich löblich und dafür sind wir Euch auch dankbar. Aber mit Euren Streikaufrufen ab dem 8. Juli stiftet ihr Verwirrung. Wir organisieren das hier, nicht Ihr". In einem längeren Gespräch konnte die ideologische politische Linie der MLPD zur Dialektik von gewerkschaftlichen und selbständigen Streiks dargelegt werden: Warum es unter den heutigen Bedingungen im Kapitalismus auch notwendig ist, dass es selbständige Streiks gibt, und was wir dabei zur positiven Gewerkschaftsarbeit vertreten.
Immerhin wurde verdeutlicht, dass die Aufforderung zu selbständigen Streiks nicht gewerkschaftsfeindlich motiviert ist, sondern die Gewerkschaften als Kampforganisation mit ganzem Herzen fördert, aber bei entsprechender Notwendigkeit auch darüber hinausgeht.