Neckarsulm/verteilt und diskutiert wurde an allen Toren

Neckarsulm/verteilt und diskutiert wurde an allen Toren

Audi: Die Polizei war heute lammfromm

Heute zur Mittagsschicht wurde an allen Toren bei Audi Neckarsulm die neue Ausgabe des Vorwärtsgang "Ab 8. Juli: Mitbestimmung durch Streik" verteilt. Wieder nahmen 70 bis 90% der Audi-Arbeiter gerne die Zeitung von Kollegen für Kollegen.

Von lg

Eine einschüchternde Wirkung der gestrigen Polizeigewalt konnten wir kaum feststellen. Vielmehr wächst die Verbundenheit zwischen Verteilern und Belegschaft.

 

Der Vorschlag zum Streiktag am 8. Juli traf bei einer ernsthaften und interessierten Gruppe von Arbeitern aller Schichten und Bereiche auf Zustimmung. "Wenn die Pläne von Audi durchgehen, ist die Region tot. Es geht einfach nicht, Audi dicht zu machen. Meine ganze Familie arbeitet hier. Deshalb ist es richtig, zu streiken und ich bin dabei."

 

Viele stimmten zu und ihnen war sehr bewusst: Ein Streik gegen den Weltkonzern Audi muss gut organisiert sein. "Allerdings! Sowas schüttelt man nicht aus dem Handgelenk." Viele ernsthafte, nachdenkliche Gespräche ergaben sich daraus. Manche ringen noch mit sich, andere entschieden sich, für die Vorbereitung Verantwortung zu übernehmen. Manche fragten: "Wer soll das organisieren. Da ist man schnell bei der Frage des nicht vorhandenen Streikrechts in Deutschland. Aber auch, dass man sich seine Rechte ggf. auch einfach nehmen muss. Auch diskutierten wir über die Gewerkschaft, ihre Bedeutung und ihre Grenzen.

 

Einige sagten auch: "Es ist noch nicht entschieden". Sie wollten erstmal die Aufsichtsratssitzung abwarten. Die Verteiler diskutierten hingegen, dass man vor der Aufsichtsratssitzung sich erheben muss, also bevor entschieden wird, die Pfunde in die Waagschale schmeißt. "Das stimmt, dann sitzen wir mit am Tisch", so ein Kollege.

 

Zwar rief Audi wieder die Polizei und erstattete gegen alle Verteiler Anzeige wegen angeblichem "Anfangsverdacht wegen Hausfriedensbruch". Allerdings trauten sie sich diesmal nicht, die Verteiler zu verhaften wie gestern. Im Gegenteil zeigten sich die Beamten heute lammfromm. Der gestrige Polizeieinsatz ging durch Neckarsulm und Heilbronn wie ein Lauffeuer und hatte breite Empörung hervorgerufen. Audi-Arbeiter hatten die Szenen gefilmt, kopfschüttelnd darüber diskutiert, Audi-Frauen konfrontierten ihre Männer damit, ob sie der 72-jährigen Verteilerin etwa nicht geholfen hätten. Ein Polizist sagte: "Gestern ist es bei uns aus dem Ruder gelaufen".

 

Waren hier Faschisten in der Polizei im Dienste von Audi am Werk? Jedenfalls fiel auf, dass heute auch rund 20 Arbeiter aggressiv antikommunistische und faschistische Sprüche machten wie "Rotfront verrecke" oder "Scheiß Kommunisten".

 

Viele Kollegen zeigten sich äußerst solidarisch und verbunden und waren empört über das Verhalten der Polizei. Einer sagte "das ist eine Einschränkung der Meinungsfreiheit". "Macht einfach weiter so!" "Ich bewundere echt euren Mut, habe mich schon bei euch eingetragen." "Danke für euer Durchhaltevermögen." "Hier ist öffentliches Gelände, wenn man hier einen Unfall hat, darf man nicht den Werkschutz, sondern muss die öffentliche Polizei rufen. Also dürft ihr hier auch Flugblätter verteilen."

 

Als eine Verteilerin sagte, dass Polizei und Staat sich hier als Dienstleister des Kapitals zeigen, stimmten eine ganze Reihe Kollegen zu. Als der Vertreter der Werksicherheit, der gestern Initiator des Polizeieinsatz es war, sich heute die ganze Zeit neben den Einsatz stellen und beobachten wollte, gingen die Verteiler in die Offensive. Laut wurden die Kollegen informiert, dass dieser Mann gestern die Polizei für Audi geholt und die Verteiler mit Handschellen hat abführen lassen. Viele böse Blicke musterten den Mann und speicherten das Gesicht. Bis er dann nervös von dannen zog. Die 72-jährige Doris, die gestern brutal verhaftet und im Krankenhaus behandelt werden musste, war heute wieder am Tor.

 

Eine kleine Minderheit war antikommunistisch beeinflusst. Einer sagte: "Ihr seid schuld, wenn das Werk zugemacht wird", was natürlich Blödsinn ist, denn die Arbeitsplatzvernichter sitzen in den Chefetagen. Ein Vorgesetzter sagte empört zu den Verteilern: "Ihr bringt hier Unsicherheit und Unruhe rein".

 

Unsicherheit bringt allerdings einzig und allein das Audi-und VW Management in die Belegschaft. Aber Friedhofsruhe vor dem Sterben des Werks müsste auch gestört werden. 

 

Einzelne Kollegen spendeten auch für den Vorwärtsgang.