Audi Neckarsulm
"Die haben uns ins Gesicht gelogen!"
Aufgewühlte Stimmung an allen Toren bei Audi Neckarsulm am heutigen Montag. Noch am Donnerstag war Betriebsversammlung, bei der die Geschäftsführung versicherte, dass es keine Gespräche über eine Werksschließung von Neckarsulm gebe. Dabei hatte die Kollegenzeitung "Vorwärtsgang" schon vor Wochen enthüllt, dass die Geschäftsführung diese Pläne verfolgt
Kollegen konfrontierten die Geschäftsführung damit. Doch die Geschäftsführung und der Betriebsrat versicherten, dass dem nicht so ist. Ob der Betriebsrat tatsächlich nicht informiert war, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Am Freitag während der Frühschicht verbreitete sich dann: VW plant tatsächlich, das hiesige Werk zu schließen. Heute früh erschien deshalb eine weitere Ausgabe des "Vorwärtsgang". Der Titel lautet "Beispielloser Angriff! Jetzt gilt: Kein Auto, kein Getriebe, keine Achse verlässt die Werke! STREIK!"
An fast allen Toren nahmen 80 bis 90 Prozent der Kolleginnen und Kollegen das Flugblatt des „Vorwärtsgang“. Sie nahmen es explizit aufgrund der Ansprache der Verteiler "Streik ist die einzig richtige Antwort auf Blumes Drohung zur Werksschließung. Kein Auto darf vom Band laufen!"
"Stimmt! Das geht gar nicht, was die vorhaben“, so eine selbstbewusste Minderheit. "Hinter unserem Rücken haben die schon alles ausgemacht zur Schließung vom Werk." Eine Reihe von Kollegen will in Verbindung bleiben. Die meisten waren ernst und nahmen wortlos das Flugblatt mit. "Hier hat sich sehr viel verändert in der letzten Zeit, früher wurde man hier auch mal richtig angepöbelt. Dadurch, dass sich die Infos aus der Zeitung als richtig herausgestellt haben und die Verteiler immer da sind, sind die Leute sehr respektvoll zu uns. Selbst wenn sie auch mal keines nehmen", so einer der Verteiler, der seit 30 Jahren regelmäßig bei den Kollegen am Tor ist. Andere Kollegen waren beeinflusst vom Herunterspielen und Abwiegeln des Audi-Managements.
Der Werkschutz ließ nicht lange auf sich warten und ging dreist vor: Mit gezückter Handykamera wurde im Stechschritt auf die Verteiler zugegangen und es wurde mitten ins Gesicht fotografiert. Das bräuchten sie für ihre Ermittlungen. So fuhren sie alle Tore ab. Schließlich kam die Polizei, um Personalien aufzunehmen und den Einsatz zu verhindern. So standen drei Verteiler damit einem Pulk an sechs Werksschützern und fünf Polizisten plus zwei Autos gegenüber. Polizei und Werksschützer waren allerdings reichlich defensiv und wussten nicht recht, was zu tun war, als die Verteiler den Einsatz fortsetzten und nach dem Verteilen aller Flugblätter von dannen zogen. Ein Kollege rief den Werksschützern zu: „Seid ihr Sklaven?!" Bemerkenswert viele Kollegen schauten Werksschutz und Polizei ins Gesicht und nahmen das Flugblatt trotz der Schikane. Aufgewühlte Zeiten!
Beschwichtigungsversuche
"Audi Neckarsulm: kein Beschluss", so heißt es auf Seite 1 der Heilbronner Stimme am heutigen Montag. In einem langen Artikel wird aus einer E-Mail zitiert, die der neue Werksleiter Thomas Bogus und der Betriebsratsvorsitzende Alexander Reinhardt am Freitag an die Beschäftigten versendet haben.
Auch der Roten Fahne Redaktion liegt das interne Schreiben vor
Offensichtlich war Unruhe in der Stadt und in der Belegschaft entstanden. In der oben genannten gemeinsamen Mail heißt es, Geschäftsführung und Betriebsrat hätten "zahlreiche Anfragen" aus der Belegschaft, der Politik, und dem Familien- und Bekanntenkreis erhalten – nach den Enthüllungen am Freitag.
Auch die Heilbronner Stimme spricht von "vielen Anrufen und E-Mails an die Redaktion". Die Heilbronner Stimme tut so, als handele es sich lediglich um "Gerüchte". Auch Bogus spricht von "Spekulationen". Doch inhaltlich distanziert sich der neue Werksleiter keineswegs davon, dass über Werksschließungen verhandelt wird. Er verkündet zwar: "Fakt ist: Nichts davon ist entschieden!" Er verweist auf den Aufsichtsrat am 9. Juli.
Doch in erster Linie echauffiert er sich: "Die Inhalte sind streng vertraulich. Dass immer wieder gezielt Informationen und Dokumente an die Presse gegeben werden, ist inakzeptabel!" Er sagt also nicht: In den Dokumenten steht nichts von einer Werksschließung. Nein. Er sagt nur, dass das Durchsickern dieser Informationen inakzeptabel sei. Ein indirektes Zugeständnis: In den Papieren wird sehr wohl von einer Werksschließung gesprochen!
In dem Schreiben rufen Betriebsratsvorsitzender und Werksleiter gemeinsam auf: "Jetzt gilt es umso mehr, sich voll auf unsere Produkte und deren Qualität zu konzentrieren … und an einem Strang zu ziehen." Das Management verkündet einen Generalangriff auf die Arbeiterklasse, und die Arbeiter sollen sich auf die Qualität der Produkte konzentrieren und mit dem Management an einem Strang ziehen??
Nein, in einer solchen Ausnahmesituation müssen die Arbeiter sich auf den Kampf um ihre Arbeitsplätze und Ausbildungsplätze konzentrieren! Pikant: Der bisherige Werksleiter übernimmt ab dem 1. Juli Aufgaben im China-Geschäft von Audi. Der neue Werksleiter tritt am 1. Juli sein Amt an.
Sein bisheriges Verdienst als Kapitalist: die Schließung und Abwicklung des Werks in Brüssel. Soll der Mann nun seine Erfahrungen in Sachen Arbeitsplatzvernichtung auch in Neckarsulm zum Einsatz bringen? Es gilt, dem Mann einen Strich durch die Rechnung zu machen.