Briefwechsel

Briefwechsel

War die Aktion der Milchbauern massenfeindlich?

Kürzlich haben wir auf Rote Fahne News den Artikel "Weltmilchtag, für viele Höfe ein Grund zum Feiern und Kämpfen" veröffentlicht.

Darin wurde berichtet: "Am Sonntag machten über ein Dutzend Milchbauern im Landkreis Aurich durch eine kämpferische Aktion auf sich aufmerksam. Mit 14 Traktoren versprühten sie 30 000 Liter Milch auf einem Acker in Krummhörn." (Hier der Artikel)

 

Ein Leser kritisierte: "Ich finde die Kampfform, 30 000 Liter Milch auf einem Acker zu versprühen, absolut massenfeindlich und daneben. Da machen sich die Bauern keine Freunde unter den Menschen. Wie könnt ihr das kritiklos veröffentlichen?"

 

Tatsächlich hat die Aktion der Milchbauern sehr widersprüchliche Reaktionen hervorgerufen, bis hinein in die Reihen der Milchbauern selbst. Die Antwort des Autors ist daher möglicherweise nicht nur für den kritischen Rote-Fahne-News-Leser interessant:

 

"Lieber Kritiker, Sie verurteilen Milchbauern, die im Kampf um das Überleben ihrer Höfe Milch demonstrativ auf einem Acker verschüttet haben. Sie bezeichnen das als „absolut massenfeindlich“. Warum? Weil man Lebensmittel nicht grundlos wegwerfen darf? Das wäre tatsächlich zu verurteilen. 

 

Aber diese Bauern haben wertvolle Milch nicht grundlos vernichtet. Sie haben damit demonstriert, dass die Groß-Molkereien und der Lebensmittelhandel die von ihrer Arbeitskraft produzierten Lebensmittel durch organisierte Überproduktion entwerten. Diese Bauern fordern schon lange eine Mengenreduzierung, die dem Preisverfall ihrer Produkte entgegenwirken würde. Stattdessen zwingt man sie durch Senkung der Erzeugerpreise, mehr Masse zu erzeugen, um ihr Einkommen zu erhöhen und die gestiegenen Kosten für Energie, Landmaschinen, Dünge- und Futtermittel usw. bezahlen zu können.

 

Glauben Sie mir, dass es vielen Bäuerinnen und Bauern auch das Herz zerreißt, wenn sie sehen, wie die Milch ihrer Kühe auf dem Ackerboden versickert. Und wenn sie deshalb in der öffentlichen Meinung sie moralisch angeklagt werden. Dem einzelnen Bauern ist klar, dass er durch Produktionssteigerung auf längere Sicht die Konkurrenz verschärft und gegen sich selbst arbeitet. Aber was hat er als Einzelner für eine andere Wahl? Zumal der Deutsche Bauernverband als Sprachrohr der Agrarkonzerne und die Regierung in der Frage tatenlos zusehen. Es ist eine Heuchelei wenn gerade die Agrarkonzerne, die die Bauern in die Überproduktion treiben, ihnen Lebensmittelvernichtung vorwerfen.

 

Bekanntlich landet in Deutschland fast die Hälfte der erzeugten Lebensmittel im Abfall-Container. Wer auf die Anklagebank gehört, ist die kapitalistische Landwirtschaft und nicht deren Opfer wie die Masse der Bauern, der Arbeiter und Verbraucher.

 

Mit solidarischen Grüßen
Wolf-Dieter Rochlitz