Kapitalisten-Propaganda in den Tagesthemen

Kapitalisten-Propaganda in den Tagesthemen

"Für Freiheit muss man einen Preis bezahlen"

Es ist Sonntagabend, die Tagesthemen in der ARD flimmern über den Bildschirm. Und sie schaffen ein echtes Kunststück. Sie berichten über die Reformpläne der unbeliebtesten Bundesregierung aller Zeiten voller Erwartung und Vorfreude.

Korrespondenz

14 Minuten und 20 Sekunden lang werden Pläne vorgestellt und dann entweder gelobt oder noch drastischer Kürzungen gefordert. Wer heute in der Kita mit Holzklötzen spielt, wird künftig bis 70 Arbeiten müssen (empfehlen die Experten). Zwei junge Unternehmer dürfen dazu kommentieren: "es wird wieder alles auf die Arbeitgeber abgeladen" (wie auch immer sie darauf kommen), "wie lange wir darauf warten, ich bin der Meinung, dass das zu dünn ist." Die abschlagsfreie Rente mit 63 soll gestrichen werden. Ein "Experte" ist begeistert. Das spare schließlich 8 Milliarden Euro! Der Chef einer Elektrofirma wird begleitet. Auch er begeistert. Er legt den arm um einen älteren Kollegen, den er gerade überredet, "dass er das mit der Rente lässt".

 

Der Kollege darf dann kurz sagen, dass man auf dem Bau mit 70 nicht mehr arbeiten kann. Das geht aber völlig unter im Mitleid für die Kapitalisten, denn "für Unternehmer Menzel ist es immer ein großer Verlust, wenn eine Fachkraft in Rente geht." Man hat kaum Zeit die eigenen Tränen zu trocknen, da wird noch der Einstieg in die kapitalgedeckte Rente gepriesen. Und zum krönenden Abschluss darf dann der Chef des Monopolverbandes BDI, Leibinger, ausführlich ein "großes Reformpaket" fordern. Er will nicht einzelne Reformen haben, die dann kaputt diskutiert werden. Sondern ein Gesamtpaket. Regierung und Kanzler sollen uns gefälligst dazu eine Geschichte erzählen, warum das gut für uns alle ist. Zu viel will er dem Kanzler dann aber auch nicht selbst überlassen und gibt den Plot schon mal vor: "Für diese Freiheit muss man kämpfen ... aber wenn man sie hat, dann lohnt es sich auch, einen Preis dafür zu zahlen. Und im Grunde ist das die Geschichte, die wir erzählen könnten." Wenn du also betroffen bist, weil du nach 45 Jahren Einzahlen in die Rentenkasse nicht abschlagsfrei in die Rente gehen kannst, wenn das Große Reformpaket auch die Kranken- und Pflegeversicherung teurer aber schlechter macht, wenn du bis 70 arbeiten darfst - dann tröste dich. Es ist für einen höheren Zweck. Es ist gar nicht nötig, dass du selbst zu Wort kommst, nur weil dich diese Politik in deinem Leben trifft. Es ist schon richtig, dass darüber nur Leute reden, die auf der anderen Seite stehen, die davon profitieren, wenn du länger arbeitest.

 

Denn um ihre Freiheit geht es ja schließlich. Ihre Freiheit uns Auszubeuten, ihre Freiheit Maximalprofit zu scheffeln und ihre Freiheit uns dabei eine große Geschichte zu erzählen. Und auch wenn die Tagesthemen ihnen allen eine große Bühne bereitet, habe ich doch meine Zweifel, dass das jemand überzeugen wird. Die Unzufriedenheit ist da. Also Fernseher aus und auf die Straße. Um diese Pläne zu Fall zu bringen. Und für unsere große Geschichte. Den Kampf für eine befreite Welt, in der die Arbeiterklasse und die breiten Massen selbst das Sagen haben.