Genf

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Zum Tod von Jean Ziegler

Im Alter von 92 Jahren ist Jean Ziegler am 10. Juni in Genf gestorben. Bis zum Ende seines beinahe ein Jahrhundert währenden Lebens brachte ihn nichts und niemand davon ab, sich für eine von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung, von Hunger, Krieg und Umweltzerstörung befreite Welt einzusetzen.

Von gis
Zum Tod von Jean Ziegler
Jean Ziegler 2015. Foto: Harald Bischoff/CC BY-SA 3.0

"Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet"

Kaum eine seiner zahlreichen kapitalismuskritischen Aussagen ist so um die Welt gegangen, hat sich so eingeprägt wie diese. Sie stammt aus Jean Zieglers "ungehaltener Salzburger Rede" vom 27. Juli 2011. Er sollte Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele sein, die an diesem Tag begannen. Aber man lud ihn wieder aus. Er hatte vor, unter anderem über die Hungerkatastrophe in Somalia zu sprechen, ihre tieferen Ursachen aufzudecken. Als langjähriger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hatte er profunde Kenntnisse über den Hunger in der Welt und wurde sein Leben lang nicht müde, ihn an den Pranger zu stellen und sich für den Kampf dagegen zu engagieren. Die ungehaltene Rede wurde auf vielen Kanälen publiziert, unter anderem in der Roten Fahne der MLPD, hier die einleitenden Sätze: "Sehr verehrte Damen und Herren, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37.000 Menschen verhungern jeden Tag, und fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt. Und derselbe Weltfood-Report der FAO, der alljährlich diese Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte. Schlussfolgerung: Es gibt keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht. Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet."

Prägende Begegnung mit Che Guevara

Hans Ziegler wurde 1934 in Thun in der Schweiz geboren. Er studierte Jura, später Soziologie und Politik. Im Alter von 22 Jahren zog er nach Paris und nannte sich von da an Jean. Er lehrte als Professor an der Universität Genf und an der Pariser Sorbonne. Fast 30 Jahre lang war er Nationalrat im eidgenössischen Parlament, nachdem er 1964 in die Schweiz zurückgekehrt war. Bei der Schweizer Bourgeoisie war er nicht sonderlich beliebt, denn er sparte auch gegenüber der Schweiz nicht an Kapitalismuskritik: "Im weltweiten kapitalistischen System spielt die schweizerische Oligarchie eine zentrale Rolle: jene des Hehlers“, schrieb er 1976 über seine Heimat. Jedoch kam man auch in der Schweiz nicht umhin, dem weltweit bekannten und angesehenen Politiker und Autoren zahlreicher Bücher mit einem gewissen Respekt zu begegnen. Immerhin druckte die Neue Züricher Zeitung ein Interview mit Jean Ziegler, in dem er sagte: "Der Kapitalismus hat eine kannibalische Weltordnung geschaffen. Überfluss für eine kleine Minderheit, mörderisches Elend für die große Mehrheit!" In ihrem Nachruf spart die NZZ allerdings nicht mit antikommunistischen Spitzen, wie zum Beispiel, Ziegler sei sogar auf Mao Zedong "hereingefallen". Anfang der 1960er-Jahre begegnet der junge Jean Ziegler dem Revolutionär Che Guevara bei einer internationalen Konferenz in Genf. Er ist begeistert und will mit ihm aufbrechen, um die Welt zu verändern. Doch Che Guevara überzeugt ihn, in Europa zu bleiben, um hier gegen den Kapitalismus zu kämpfen. 

Freundschaftliche Bande mit dem Verlag Neuer Weg und der MLPD

Die Völker Afrikas liegen ihm besonders am Herzen. In jungen Jahren erlebte er als kleiner UNO-Beamter hautnah die Befreiungskämpfe der Bergarbeiter im Kongo nach der Ermordung des antiimperialistischen Regierungschefs Patrice Lumumba. Er schuf ihnen mit seinem Roman „Das Gold vom Maniema“ ein Denkmal. Der Verlag Neuer Weg gab diesen einzigen Roman von Jean Ziegler heraus, 2015 in einer neuen Auflage. Während einer Lesereise durch Deutschland kam Jean Ziegler zum VNW-Stand auf der Leipziger Buchmesse und signierte sein Buch. Renate Mast, lange Jahre Leiterin des Verlags Neuer Weg, erinnert sich: "Er hatte ein phänomenales Gedächtnis für Menschen. Und alle Menschen, wenn sie nicht auf der Seite der Ausbeuter standen, hatten für ihn denselben Wert, ob es ein Professor oder ein Kind im brasilianischen Slum war. Er hat sich nicht mit Ungerechtigkeiten abgefunden, da war er kompromisslos. Damit hat er auch die beschämt, die sich (zwar mit kritischen Tönen) mit den kapitalistischen Verhältnissen aussöhnen. Deshalb auch die Häme und Anwürfe in der Presse." Jean Ziegler übernahm die Schirmherrschaft für das 17. Internationale Pfingstjugendtreffen, unterstützte den Kampf um den Erhalt des Kultursaals in der Horster Mitte, las und rezensierte die Bücher von Stefan Engel. Zum Buch "Götterdämmerung über der 'neuen Weltordnung'" schrieb er: "Das Buch von Herrn Engel ist großartig - Punkt! Was soll ich mehr dazu sagen. Ich habe bei jedem Abschnitt zustimmend genickt ...". In seinen eigenen Publikationen griff er die wissenschaftliche Analyse des Revolutionären Weg vom allein herrschenden Finanzkapital auf, sprach sich für "revolutionäre Gegengewalt" auch in den imperialistischen Metropolen aus, behielt aber auch zeitlebens noch Illusionen, was man in bürgerlichen Demokratien über das Parlament bewirken könne.

 

Und er bohrt weiter: viel zu wenig Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen, völlig unzureichende ärztliche Versorgung, Anträge auf Asyl werden jahrelang nicht bearbeitet und oft ohne ernsthafte Prüfung abgelehnt. Es geht nicht um einzelne korrupte Beamte, sondern ein ganzes System.

Jean Ziegler im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos. Über die menschenverachtende EU-Flüchtlingspolitik schreibt er sein Buch "Die Schande Europas".

 

„Die Massenbewegung ‚Gib Antikommunismus keine Chance!‘ ist lebenswichtig“

Jean Ziegler engagierte sich an allen brennenden Menschheitsfragen gegen kapitalistische Barbarei und für den gesellschaftlichen Fortschritt. Leidenschaftlich nahm er Stellung gegen die barbarische Flüchtlingspolitik der EU und war ein großer Anhänger des Freundeskreises Flüchtlingssolidarität. Er freute sich über die Jugendumweltbewegung Fridays for Future und unterstützte den Gedanken einer internationalen Strategiedebatte in der Umweltbewegung. Er verurteilte den Völkermord am palästinensischen Volk und setzte sich gegen die Kriegswaffe Hunger ein. Und er erkannte in Theorie und Praxis, dass die Menschheit mit dem Antikommunismus fertig werden muss, wenn sie vorwärtskommen will. So groß waren seine Illusionen in den Parlamentarismus also auch wieder nicht. Und so gehörte Jean Ziegler zu den Erstunterzeichnern des Aufrufs des Internationalistischen Bündnisses: "Gib Antikommunismus keine Chance!"

 

Wir werden Jean Ziegler ein ehrendes Andenken bewahren. "Der Tag wird kommen," auch das sagte er in der ungehaltenen Salzburger Rede, "wo Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben werden." Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass sein Lebenstraum Wirklichkeit wird.