Sexismus in Russland

Sexismus in Russland

"Manifest der Frauen Russlands" entfaltet die Debatte neu

Die russische Regierung bewegt sich mit schnellen Schritten in Richtung Faschismus. Damit einher geht eine ultrareaktionäre Sozial- und Familienpolitik. Dagegen beginnt sich eine neue Frauenbewegung zu formen.

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"Manifest der Frauen Russlands" entfaltet die Debatte neu
Das Manifest trifft den gereizten Nerv vieler Russinnen und auch Russen. (Bild: Engin Akyurt; Lizenz: Unsplash)

Das Recht auf Abtreibung und das Scheidungsrecht tragen heute noch die Handschrift der Sozialisten, und sie anzugreifen ist gefährlich. Und so gibt es paradoxe Situationen, wie dass die Propagierung von Kinderlosigkeit unter Strafe gestellt wird, während Abtreibungen nach wie vor ein gesetzlich verbrieftes Recht der Frauen sind, auch wenn es zunehmend eingeschränkt wird. In einigen Regionen ist es mittlerweile Privatkliniken untersagt, Abtreibungen durchzuführen, und in staatlichen Kliniken ist der rechtliche Anspruch durch verpflichtende Beratungen eingeschränkt worden. Das Ziel, diese Rechte aufzuheben, ist klar erkennbar, alles geht in diese Richtung, aber für den Angriff soll der Boden durch eine giftige gesellschaftliche Debatte bereitet werden, wird sexistisch gehetzt und werden Vorurteile verbreitet.

"Wir sind Russland. Und wir sind uns nicht mehr einig."

Aus dem Umfeld der Partei "Neue Leute" (Новые люди), einer legalen Oppositionspartei mit zentristisch-liberaler Ausrichtung wurde eine Petition unter dem Titel "Manifest der Frauen Russlands" gestartet. Die Initiative geht wohl wesentlich auf die junge Politikerin Ksenia Aleksandrorovna Gorjatschowa zurück. Ihr Ziel ist es, eine Million Unterzeichner zu gewinnen.

Screenshot vom 11. Juni
Screenshot vom 11. Juni

Immer mehr Menschen unterschreiben

 

Auch, wenn die "Neuen Leute" dieses Thema für ihre eigenen politischen Ziele nutzen wollen, sie sprechen damit viele Menschen an: In wenigen Wochen haben bereits 286 847 (Stand 11. Juni) Menschen unterschrieben - Anfang des Monats waren es noch 168 000 (Stand 1. Juni 2026). 

 

Die Menschen unterzeichnen, obwohl die russischen Medien das Thema jetzt schon wieder begraben. Vielen Russen ist das mittelalterliche Gepolter der Regierenden zuwider.

 

Im Kern des Manifests stehen zehn Positionen: Die Frauen wollen respektiert und nicht länger für ihre Weiblichkeit beleidigt werden. Sie verlangen Gesetze, die vor Häuslicher Gewalt schützen und Unterhaltszahlungen sicherstellen. Aber auch gleicher Lohn für gleiche Arbeit steht auf ihrer Agenda sowie medizinische Versorgung, die sich an den Bedürfnissen der Frauen orientiert und Hilfe für Frauen bei Geburt und Erziehung. Der Selbst- und Mitbestimmung sind zwei der zehn Punkte gewidmet: Erstens verlangen sie, freie Entscheidungen über ihren Lebensweg treffen zu können, ob sie nun Mütter sein wollen, oder sich ihrem Beruf widmen, und das heißt auch "Ihr Körper gehört ihr." Politisch wollen sie nicht von Männern über das Schicksal der Frauen bestimmen lassen: "Entscheidungen, die uns betreffen, werden mit uns getroffen." Alten Frauen müsse ein Leben in Würde ermöglicht werden, die Pension sei kein Almosen. Zuletzt betonen sie die Vielfalt der Schicksale und Lebenswege: "Ein anderes Schicksal ist normal", ob es sich nun um eine Hausfrau mit fünf Kindern, eine Wissenschaftlerin, eine Gläubige oder Ungläubige handele - jede verdiene den gleichen Respekt.

 

Sexistische Hetze gegen das Manifest: "Häusliche Gewalt" - Ablenkung vom Krieg?!

 

Potenzial für mehr

Man muss positiv bemerken, dass die Initiatoren von vorneherein auf die aktive Mitwirkung der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner setzten - zu jeder der 10 Positionen können sie Vorschläge machen und diskutieren. Das kann weit über das hinaus gehen, was die Initiatoren wahrscheinlich vorhatten. Obwohl diese Kampagne von einer liberalen Partei ausgeht, hat sie ein gewisses Potenzial. Sie schafft Raum für eine Debatte, die viele Russinnen und Russen dringend führen wollen - die Frage wird sein, ob es den "Neuen Leuten" dann gelingt, die Geister, die sie riefen, unter Kontrolle zu behalten und in system-konformen Bahnen zu halten.