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Leserbrief zum renovierten Museum für Frühindustrialisierung in Wuppertal

Der nachfolgende Leserbrief zu dem renovierten Museum für Frühindustrialisierung neben dem Engels-Haus war in der Westdeutschen Zeitung vom 30. Mai zu lesen.

Korrespondenz
Leserbrief zum renovierten Museum für Frühindustrialisierung in Wuppertal
Friedrich-Engels-Denkmal in Barmen - im Hintergrund das Engels-Haus (foto: Atamari (CC BY-SA 3.0))

Der Museumsdirektor Lars Bluma meint laut WZ vom 21. Mai, die Leute seien vom Museum für Frühindustrialisierung begeistert. Und es ist auch technisch einiges geboten für den Besucher: Videosequenzen, Fotoshows, artig nach der Entwicklung aufgereihte Maschinen…


Aber es werden kritische Stimmen laut. Zu Recht moniert Stephan Hegger, dass Friedrich Engels im Museum keine Rolle spielt. Der weltweit berühmteste Wuppertaler ist der Stadt und dem Museumsleiter offensichtlich peinlich, weil er Revolutionär war, weil er den Sozialismus als notwendige Überwindung des Kapitalismus entwickelte, zusammen mit Karl Marx.

 

Das passt nun gar nicht in ein Museum, das den Kapitalismus feiert. Die Arbeiterinnen und Arbeiter, ihre Kinder – ihre Lebens- und Arbeitssituation spielen nur eine Nebenrolle. Das wird schon daran deutlich, dass der frühere Erlebnisraum fehlt, der die realen Arbeitsbedingungen am eigenen Körper spüren ließ – die Hitze, den Lärm, das Beben der Maschinen. Bekannte aus Bangladesch, mit denen ich das frühere Museum besuchte, sagten: Genauso ist es bei uns heute noch!


Alle Probleme löst der Kapitalismus, suggeriert die Ausstellung. Kaputte Umwelt – Problem erkannt und gebannt. Wuppertal sei Vorreiter sauberer Produktion geworden. Kinderarbeit? Ja, schlimm, aber es gibt im Lauf der Geschichte Verbesserung um Verbesserung. Schlechter Löhne, schlimme Arbeits- und Lebensbedingungen – ja, das gab es und es führte (merkwürdig!) zu einer „wachsenden Distanz“ zwischen Unternehmer und Arbeiterschaft (so eine Tafel). Ach. Komischerweise griffen sozialistische Ideen um sich. Dass die Arbeiterbewegung erstarkte, dass Fortschritte hart erkämpft waren, das spielt keine Rolle.


Man sieht Ahnenbilder ehrwürdiger Unternehmer. Kein Bild eines Arbeiterführers, keine Darstellung der aufstrebenden Arbeiterbewegung, ihrer Kämpfe, ihrer Kultur. Der bekannte Dirigent von sozialistischen Massenchören, Gustav-Adolph Uthmann etwa, ist keine müde Zeile wert.

 

Zentrum der Ausstellung ist das große Gipsmodell Wuppertals, an dem die Geschichte der Stadt anschaulich dargestellt wird. Aber welche Geschichte? Spätestens hier müsste doch Engels erscheinen! Warum taucht der Kriegstreiber und Verfechter chemischer Waffen Carl Duisberg nicht auf? Warum werden der Faschismus, das KZ Kemna, der Widerstand der Arbeiter und der Bevölkerungübergangen? Die aktive Rolle der IG Farben im Krieg? Was ist mit den Zwangsarbeitern? Das würde wohl am schönen Bild des Kapitalismus kratzen, gerade heute, wo fieberhaft aufgerüstet wird und Deutschland wieder eine Führungsmacht werden will. Wo unter dem Deckmantel der „Entbürokratisierung“ die Umweltschutzbestimmungen abgebaut und die Umweltkatastrophe befeuert werden. Stattdessen endet die Stadtgeschichte mit einem Loblied auf die „heimlichen Weltmarktführer“ wie Vorwerk, der Rekordgewinne einstreicht und gleichzeitig viele entlässt.


Wie gut, dass es vor dem Museum die steingewordene Antithese gibt: Alfred Hrdlickas Denkmal zum Kommunistischen Manifest. Dass die Menschheit nach einer anderen Gesellschaft als dem Kapitalismus sucht, das kann auch ein Museum nicht verhindern, das Engels als Fortführung des kleingeistigen, rückschrittlichen „Muckertals“ verspottet hätte. 

 

Hier geht es zum Film der MLPD "Friedrich Engels: Der meist unterschätzte Klassiker"