Ukrainekrieg

Ukrainekrieg

Krise der ukrainischen Armee spitzt sich zu

Immer mehr Soldaten der ukrainischen Armee wenden sich gegen ihre eigene Führung.

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Krise der ukrainischen Armee spitzt sich zu
Die Wahrheit jenseits der Propaganda: Die Soldaten der 14. mechanisierten Brigade mussten ohne Nahrung und Wasser aushalten. (Bild: Militaryland.net; Lizenz: CC BY-SA 4.0)

Der Schwerpunkt der Kämpfe liegt mittlerweile im noch ukrainisch gehaltenen Teil von Donezk, wo sich die russischen Truppen Richtung Kramatorsk bewegen, nachdem der Oblast Luhansk - bis auf wenige Quadratkilometer - unter völliger Kontrolle der russischen Armee und der verbündeten Separatistentruppen ist.

 

Am 1. Mai hatte Selenskyj eine Reform der Streitkräfte angekündigt, mit der er hofft, die Lage zu verbessern. Dabei ging es primär um zwei Dinge – eine Reform des Soldsystems und erstmals seit Kriegsbeginn sollen formale Möglichkeiten geschaffen werden, noch während des Kriegs auf Grundlage einer klar zu definierenden geleisteten Dienstzeit aus der Armee auszuscheiden. Es war immer wieder Gegenstand von Beschwerden und sogar Protesten in der Ukraine, dass die Soldaten, ein Mal rekrutiert, für die Dauer des Kriegs zum Verbleib im Militär gezwungen waren – diese Aussichtslosigkeit war auch ein Grund für viele Deserteure. Beim Sold sollen Fronttruppen klar bevorzugt werden (man könnte das als „russische Lösung“ bezeichnen, denn Putin vermeidet eine weitere Mobilisierung aus Angst vor dem Zorn der Massen und versucht stattdessen, junge Soldaten mit finanziellen Vorteilen zu locken). 250 000 bis 400 000 Hrywnja (5 600 bis 9 500 Euro) soll ein Soldat an der Front künftig verdienen können, während Einheiten im Hinterland einen „Mindestsold“ von etwa 30 000 Hrywnja (circa 700 Euro) bekommen.

 

Gleichzeitig sollen (gegen den Protest verschiedener Offiziere) zwei weitere neue mechanisierte Brigaden aufgestellt werden, während der Personal- und Materialmangel der bestehenden Brigaden – von denen ein Teil nur noch ungefähr 30 Prozent der Sollstärke haben – ungelöst bleibt.

"Autoritaristischer Führungsstil": Entlassungen und Dienstniederlegungen bei Offizieren

Bereits im April hatte der Generalstab der Ukraine die Entlassung des Kommandanten der 14. eigenständigen mechanisierten Brigade sowie die Abberufung und Degradierung des Kommandanten des 10. Armeekorps (zu dem auch die 115. mechanisierte Brigade gehört) bekannt gegeben und dies mit der Verschleierung der tatsächlichen Lage an der Front, dem Verlust von Stellungen und Versäumnissen bei der Versorgung der Truppen begründet. Das gab der Generalstab einen Tag nach Berichten über gravierende Versorgungsengpässe in den ukrainischen Medien bekannt gegeben. Soldaten der 14. Brigade an der Achse Charkiw mussten ihre Stellungen ohne Nahrung und Wasser halten.

 

Derweil verlassen immer mehr erfahrene Offiziere und Feldkommandeure den Militärdienst und begründen dies mit dem Führungsstil des Oberbefehlshabers General Oleksandr Syrskyi, übermäßige Mikromanagement-Tendenzen und einen von vielen als „zunehmenden Autoritarismus der Militärführung“ beschriebenen Kurs. Ende Mai erklärte Dmytro Kashchenko – Held der Ukraine, ehemaliger Kommandeur der 58. Motorisierten Brigade und ehemaliger stellvertretender Kommandeur des 20. Armeekorps – seinen Rücktritt. In einem Interview mit NV.ua kritisierte Kashchenko das derzeitige Kommandoklima: „Jede abweichende Meinung wird als feindselig empfunden, und irgendwann wird man selbst wie ein Feind behandelt. Da ich mich nicht an dem beteiligen wollte, was dort vor sich ging, beschloss ich, den Dienst zu quittieren.“ Dabei gehe die Führung gnadenlos gegen jedes vermeintliche oder reale Scheitern der Frontkommandanten vor, während sie in jede Entscheidung eingreife. „Wenn ein Kommandant eine Stellung verliert, wird er sofort seines Amtes enthoben und dafür verantwortlich gemacht“, erklärte Kashchenko. „Aber niemand fragt, ob dieser Kommandant überhaupt kompetent genug war – schließlich hat ihn ja jemand ernannt.“