Lippstadt
Besuch zum Schichtwechsel bei Hella/Forvia: "Mit Demokratie hat das nicht die Bohne zu tun!"
Wenn ich schon mal in Lippstadt bin – warum nicht einmal mit den Arbeiterinnen und Arbeitern bei Hella/Forvia in Lippstadt sprechen? Anlass dafür ist reichlich vorhanden.
Zum Zweiten Mal binnen weniger Jahre hat die Geschäftsleitung hier Massenentlassungen durchgeführt. 420 Arbeiter wurden zum Juni „so sozialverträglich wie möglich freigestellt“ – so nennen die das. Das sind immerhin 10% der Belegschaft. Mit dem Rausschmiss der Avitea-Leiharbeiter sind es sogar ca. 700 Arbeiterinnen, Arbeiter und Angestellte. Ganz ähnlich ist es im Werk Recklinghausen zugegangen. Da wurden 134 Arbeitsplätze vernichtet – plus die der Kolleginnen und Kollegen von Avitea. Kurz und gut: Bei Hella Lippstadt ist Diskussionsstoff geboten.
Es ist Freitagmittag und Schichtwechsel. Kleinere Gruppen gehen rein und raus. Ich stelle vor: Ruhrpott-Rebellion im Ruhrgebiet: „Es reicht! Der Ruhrpott wehrt sich! Und wenn es drauf ankommt, stehen wir auf!“ Sie sind freundlich und interessiert, bleiben stehen. Davon hatte bislang keiner gehört. Eine Arbeiterin wirft ein, hier ist alles schon gelaufen. Im Werk wurde der Gedanke an Gegenwehr mit „guten“ Abfindungen erstickt. Ich argumentiere: Holt die Abfindung den Arbeitsplatz unserer Kinder und Enkel zurück? Wieso dürfen die das überhaupt? Das ist kapitalistisches Recht. Von wegen „Alle Staatsmacht geht vom Volke“ aus.
Mehrere bleiben stehen, einer nickt zustimmend. Ja, sie gehen von hier weg nach Litauen, Rumänien und China. Um dort aus Elend und Unterdrückung bessere Profite zu ziehen – was für eine Moral! werfe ich ein. Es gibt Zustimmung: Ja, das ist ungerecht. Und auch: Darum muss sich der Betriebsrat kümmern. Es gibt eine Diskussion: Der hat doch hier in Lippstadt das alles abgenickt. Ich: Um uns selber müssen wir uns selber kümmern! Eine Arbeiterin aus der Produktion: Es gibt jetzt wenig Arbeit. Die Aufträge sind weg, wir haben nur noch Porsche. Auch ein junger Arbeiter meldet sich zu Wort: Nach der Lehre kann ich hier nicht bleiben. Ungerecht ist das alles. Früher waren wir hier viel mehr. Jetzt sind wir noch um die 100.
Eine Hella-Frau ist entrüstet: Die stecken die Jungen nach Ende der Lehrzeit für ein Jahr ans Band. Dann müssen sie gehen. Unsere Meinung dazu ist hier überhaupt nicht gefragt. Mit Demokratie hat das nicht die Bohne zu tun.
Ganz genauso wie bei Hella in Recklinghausen, sage ich. Wie wär’s mit „Ruhr-Lippe-Rebellion“ im Hella-Konzern? Davon mehr zu erfahren, sich mit anderen Belegschaften austauschen und beraten – der Wunsch ist da.