Leserbrief
"Flüsterdemo" in Gelsenkirchen und Würdigung von Joris Ivens
Eine Leserin aus Hamburg schrieb zu zwei Artikeln, die kürzlich hier erschienen sind, einen Leserbrief an Rote Fahne News, den wir dokumentieren und beantworten.
Hier der Artikel, der den 40. Geburtstag des Pfingstjugendtreffens erwähnt: Startklar für das Pfingstjugendtreffen
Vielen Dank für die Erinnerung an das erste Pfingstjugendtreffen auf dem Wildenbruchplatz in Gelsenkirchen! Damals haben wir eine "Flüsterdemo" spät abends gemacht, um die Schlafplätze in einer Schule von der Stadt Gelsenkirchen zu bekommen. Eine tolle Erfahrung. Die von der Stadt geforderten Schlafplätze bekamen wir nicht, die Jugendlichen schliefen dann kurzerhand auf dem Boden im großen Festzelt des Pfingstjugendtreffens. Aber etliche Gelsenkirchener waren so beeindruckt von der disziplinierten kämpferischen Aktion, dass sie Schlafplätze in ihren Wohnungen zur Verfügung stellten und mit der Pfingstjugendtreffen-Bewegung in Verbindung blieben.
Ich begrüße auch sehr die Würdigung des Regisseurs Joris Ivens! Sein Filmzyklus über die Kulturrevolution in China ist ein hervorragendes Dokument. Vor Jahren haben wir es in Essen geschafft, dass die Filme im Kino gezeigt wurden! So viel ich weiß, hat Ivens leider später unter dem Einfluss Deng Xiaopings seine Meinung über die Kulturrevolution geändert und die Aufführung der Filme untersagt. Das fehlt leider in dem Artikel.
Anwort der Rote-Fahne-Redaktion
Liebe Leserin, bei der Recherche, ob sich Joris Ivens wirklich von der Kulturrevolution distanziert hat, habe ich eine solche Aussage von ihm und seiner Frau nicht gefunden. In der Roten Fahne wurde im Jahr 2010 eine mehrteilige Serie über "Joris Ivens, Weltenfilmer" veröffentlicht. Anlass dafür war, dass damals ein bedeutender Teil seiner Filme in einer schönen DVD-Box veröffentlicht wurden. Man kann diese Box mit Begleitbuch in der Bibliothek des Willi-Dickhut-Museums in Gelsenkirchen ausleihen (auch per Fernleihe; info@willi-dickhut-museum.de).
Im letzten Teil der Artikelserie heißt es: "Mit der Restauration des Kapitalismus in China wurden der Sozialismus und die Errungenchaften der Kulturrevolution zerstört und Joris Ivens' Filme gerieten in Vergessenheit bzw. fielen der Zensur zum Opfer. Er selbst und seine Frau waren ob der Entwicklung in China bitter enttäuscht: 'Die Fakten sind hart, manchmal unerträglich hart, und sie sind dies umso mehr für Menschen wie mich, die ihr Leben dem Sozialismus und der Revolution gewidmet haben.' Leider ist es Joris Ivens bis zu seinem Tod im Jahr 1989 nicht vergönnt gewesen, mithilfe der marxistisch-leninistischen Analyse den Verrat am Sozialismus durch die neue Bourgeosie zu verarbeiten und neuen Kampfesmut zu schöpfen. Sein Filmwerk ist und bleibt jedoch ein wertvoller politischer und künstlerischer Beitrag über den Sozialismus und seine Menschen und für einen neuen Aufschwung des Kampfs für eine Gesellschaft, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen der Vergangenheit angehört."
Für einen Essay in einer Filmzeitschrift 1980 führte Ivens aus: "Wenn man solche Filme macht, nimmt man ein bestimmtes Risiko in Kauf. Als die Kulturrevolution in China in Gang war, haben wir dort viel gesehen und in unseren Filmen gezeigt. Die jetzigen Veränderungen bedeuten nicht, dass die Filme schlecht sind oder wir schlecht gearbeitet haben. Die Filme sind historische Dokumente geworden. Die Geschichte geht weiter, und es ist das chinesische Volk, das seinen eigenen Weg geht – der vielleicht nicht der Weg ist, den Marceline und ich uns vorgestellt haben.“
Seine Frau Marceline Loridan-Ivens freute sich über die Veröffentlichung der Filme auf DVD und schrieb das Vorwort zum Begleitbuch. Wenn Ivens die Aufführung seiner Filme untersagt hätte, hätte seine Frau ja nicht die Rechte an den Filmen an die 1990 gegründete Europäische Stiftung Joris Ivens zur Veröffentlichung übertragen. Sie schreibt ausdrücklich, dass sie dies in seinem Sinne getan hat.