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Wüstner spricht nicht ins Leere – er spricht in eine konkrete Lage

Der Artikel „Chef des Bundeswehrverbands will ‚eine Art Kriegswirtschaft'" vom 31. März nimmt sich ein wichtiges Thema vor. Dazu möchte ich einige Anregungen beisteuern. Nicht weil der Artikel falsch wäre, sondern weil die Sache es verdient, tiefer aufgeschlossen zu werden. Wir brauchen eine Polemik, die überzeugt.

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Wüstner spricht nicht ins Leere – er spricht in eine konkrete Lage
Immer häufiger fordern Ultrareaktionäre nun offen die Umstellung auf die Kriegswirtschaft. (Bild: ClickerHappy; Lizenz: Pexels)

Der Artikel behandelt Wüstners Forderung als Einzelaussage. Aber sie fällt in einen Moment, in dem sich die Widersprüche des imperialistischen Weltsystems massiv zuspitzen. Seit dem 5. März führen die USA und Israel Krieg gegen den Iran. Gerade in solchen Kulminationspunkten darf ein Hauptartikel des Tages nicht hinter dem zurückbleiben, was die Sache verlangt. Dieser Krieg hat drei direkte Auswirkungen auf die Lage in Europa, die Wüstners Vorstoß erst verständlich machen:

 

Erstens: Der Brent-Rohölpreis ist auf rund 84 Dollar pro Barrel gestiegen. Russland wird laut dem KSE-Institut der Kyjiw School of Economics statt der für 2026 erwarteten 99 Milliarden Dollar nun 169 Milliarden Dollar aus Ölexporten erlösen – plus 50 Milliarden Dollar aus Gasverkäufen. Das sind 45 Milliarden Dollar zusätzliche Staatseinnahmen für Moskau. [1] Putins Kriegswirtschaft wird durch den Irankrieg finanziell aufgetankt – und zwar durch den Krieg, den Wüstners eigener Bündnispartner USA angefangen hat.

 

Zweitens: Die Golfstaaten haben in nur drei Tagen mehr Patriot-Raketen verbraucht als die Ukraine seit 2022. [2] Die Patriot-Rakete, das Rückgrat der ukrainischen Luftverteidigung, wird zum Gegenstand einer Verteilungskonkurrenz zwischen dem Nahost-Kriegsschauplatz und der Ukraine. Die ukrainische Stromerzeugungskapazität ist seit der Invasion von 33,7 GW auf rund 14 GW gefallen – ein Rückgang um 58 Prozent. [2]

 

Drittens: Die Trump-Administration hat gleichzeitig Sanktionserleichterungen auf russisches Öl gewährt, die erste wesentliche Lockerung seit 2014. [2]

 

Das ist der Zusammenhang, in dem Wüstner „Kriegswirtschaft" fordert. Er reagiert nicht auf eine abstrakte Bedrohung, sondern auf die Tatsache, dass der deutsche Imperialismus in seiner eigenen imperialistischen Konkurrenz unter Zugzwang geraten ist – die bisherige Strategie „Aufrüstung plus transatlantische Anlehnung" zerbröselt. Wenn der Artikel diesen Zusammenhang herstellt, wird aus Wüstners Forderung nicht bloß Kriegshetze, sondern ein Ausdruck der allgemeinen Krisenhaftigkeit des Imperialismus. Das ist ein qualitativer Unterschied – und er bringt den Leser weiter. (…)

Zur Methode: Entlarven, was sich nicht versteckt?

Wüstner sagt offen, dass er Kriegswirtschaft will, dass er Taurus liefern will, dass er aufrüsten will. Wenn der Artikel ihn dann seitenlang zitiert und dazu feststellt, dass das Kriegshetze ist – dann stimmt das. Aber Wüstner selbst würde dem kaum widersprechen. Die Zitate machen den größten Teil des Textes aus, die eigene Analyse fällt knapp aus. Ein Artikel, der den Leser weiter bringt, müsste stattdessen den Widerspruch zwischen dem, was Wüstner sagt, und dem, was er verschweigt, aufdecken:

 

Wüstner sagt: „Die Gefahr wird täglich größer." Er verschweigt: Die NATO-Staaten geben zusammen über eine Billion Dollar jährlich für Rüstung aus. Die „Schwäche" besteht nicht in fehlenden Waffen, sondern darin, dass die imperialistischen Mächte ihre Arsenale über Ukraine, Iran und Pazifik gleichzeitig verteilen müssen – ein Zeichen der Überausdehnung des Systems.

 

Wüstner sagt: „Putin wird durch den Irankrieg gestärkt." Er verschweigt: Es ist sein Bündnispartner USA, der den Irankrieg begonnen hat, und es ist die Trump-Administration, die gleichzeitig russische Ölsanktionen lockert.

 

Wüstner sagt: „Mehrschicht-Betrieb." Er verschweigt: Rheinmetall hat seinen Aktienkurs seit Beginn des Ukraine-Kriegs verzehnfacht. [3]

 

Diese Punkt-für-Punkt-Widerlegung würde den Leser klüger entlassen als die Feststellung, dass Wüstner ein Kriegshetzer ist – das weiß er vorher.

Was kann die Arbeiterklasse tun?

Die Kampfperspektive am Schluss bleibt bei Ostermärschen und breiten Protesten. Richtig, aber allgemein. Die entscheidende Frage: Was können Arbeiter in der Rüstungsindustrie und in Betrieben, die auf Kriegsproduktion umgestellt werden, konkret tun? (…) Historisch zeigt der Januarstreik 1918, eine halbe Million Rüstungsarbeiter legten die Produktion lahm, dass genau hier die grundlegende Schwäche der imperialistischen Kriegsführung liegt. Wüstner setzt auf „hoch entwickelte Waffen" statt auf Massenheere, weil die herrschende Klasse weiß, dass die Massen nicht für sie sterben wollen. Die Krise dieser Art der Kriegführung führen aktuell die USA und Israel im Iran-Krieg vor. Dieser Punkt kommt im Artikel kurz vor, müsste aber der tragende Gedanke sein. (…)

 

Der Leser aus Schwäbisch Gmünd hat es in RF 5/2026 auf den Punkt gebracht: „Kein Arbeiter will sich sagen lassen, wie er zu denken hat. Die Kolleginnen und Kollegen wollen selber denken. Dazu brauchen sie Informationen und die Auseinandersetzung." Genau darum geht es. Und genau dafür reicht es nicht, Gegnerzitate aneinanderzureihen und festzustellen, dass es Kriegshetze ist. Der Leser muss mit gut recherchierten Fakten, dem Aufzeigen wesentlicher Zusammenhängen und einer kämpferischen Perspektive in die Lage versetzt werden, selbst zu urteilen und zu handeln.