Frühverrentung
Will Reiche Arbeitszeiten wie in China?
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte erst kürzlich beim Besuch der SPD-Bundestagsfraktion an seine Koalition appelliert, es brauche jetzt "Ruhe" statt weiterer Streitereien. Drei Tage später prescht Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) schon wieder mit neuen Forderungen im Interesse der Monopole vor.
Im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger (22.5.2026) fordert sie den "Stopp von Frühverrentungsprogrammen" und "flexiblere Arbeitszeitmodelle". Ein Anlass ist ihr bevorstehender Besuch in China. Reiche bewundert das dortige Arbeitsvolumen, mit dem das der deutschen Werktätigen nicht mithalten könne. Während die Menschen dort durchschnittlich rund 2.000 Stunden im Jahr arbeiteten, seien es in Deutschland nur 1.337. Kein Wunder bei einer Regelarbeitszeit von acht Stunden pro Tag und 40 Stunden in der Woche (die reale Arbeitszeit liegt in China vielfach darüber)!
Reiche ist sich durchaus bewusst, dass die deutsche Industrie bezogen auf die Arbeitsproduktivität - man könnte auch sagen: den Ausbeutungsgrad - durchschnittlich weit vor China liegt. Dennoch bejammert sie, "dass wir selbst bei sehr hoher Produktivität pro Stunde als Volkswirtschaft verlieren". Deshalb müsse man "darüber nachdenken, wie wir das Arbeitsvolumen steigern".
Was Reiche und ihre ehemaligen Manager-Kollegen antreibt, ist das Problem der tendenziell sinkenden Profitrate. Weil ein immer größerer Teil des Kapitals in modernste Maschinen und Anlagen investiert werden muss - die keinen Mehrwert schaffen -, sinkt trotz steigender Ausbeutung der Arbeitskraft der erzielte Profit in vielen Fällen im Verhältnis zum Gesamtkapital. Mit der Verlängerung der Arbeitszeit - sei es die Tages-, Wochen- oder Lebensarbeitszeit - wollen die Monopole dem entgegenwirken. Denn so kann trotzdem eine höhere Masse an Mehrwert aus den Arbeiterinnen und Arbeitern herausgepresst werden.
Fragt sich nur, wie 8 Millionen Industriebeschäftigte in Deutschland jemals das Arbeitsvolumen von mindestens 227 Millionen Industriebeschäftigten in China übertreffen sollten. Schon angesichts dieses Verhältnisses ist klar, dass jede Konkurrenz um längere Arbeitszeiten eine Spirale ohne Ende ist.
Was für ein Widersinn, wenn Leute wie Reiche, die ihre Arbeitszeit vor allem in Sitzungen, Konferenzen, Talkshows und bei Interviews verbringen, den Arbeiterinnen und Arbeitern das chinesische Arbeitsvolumen als Vorbild anpreisen! Fehlt nur noch, dass Reiche auch noch die völlig rechtlosen und unterdrückerischen Verhältnisse in dem mit faschistoiden Methoden regierten Land lobt.
Statt uns in gegenseitige Konkurrenz treiben zu lassen, sollten wir lieber darüber nachdenken, wie man in einer von kapitalistischer Ausbeutung und Unterdrückung befreiten Gesellschaft weltweit zum gegenseitigen Nutzen zusammenarbeiten könnte. In vereinigten sozialistischen Staaten der Welt wird es keine Spirale immer längerer Arbeitszeiten mehr geben, sondern eher eine "Spirale" der koordinierten Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich - aufgrund des von den arbeitenden Menschen erwirtschafteten Produktivitätsfortschritts. Denn werden sich die teuren, automatisierten Anlagen endlich auch für diese Menschen "rentieren", während sie heute zum "Stachel" einer immer weiteren Steigerung ihrer Ausbeutung werden.