Ölkrise
Treibt Trump ungewollt die Energiewende voran?
Die durch den imperialistischen Angriffskrieg auf den Iran ausgelöste Blockade der Straße von Hormus hat viele Staaten in eine tiefe Krise gestürzt. Die Öl-Importe asiatischer Länder sind im April um rund 30 Prozent eingebrochen. Vier Fünftel der Öl- und LNG-Lieferungen aus dem Persischen Golf gehen nach Asien. Länder sind gezwungen, Strom und Treibstoff zu sparen.
Viele Länder schaffen sich nun mit dem beschleunigten Aufbau erneuerbarer Energien ein weiteres Standbein, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. „Der Iran-Krieg beschleunigt die globale Energiewende erheblich“, verkündete Simon Stiell, Chef des UN-Klimasekretariats. Indonesien, bisher stark von Kohle und Diesel abhängig, plant zusätzliche Solarkapazitäten von 100 Gigawatt bis 2028 – das Doppelte der heutigen Stromerzeugungskapazität. Zum Vergleich: ein AKW hat die Kapazität von 1 - 2 Gigawatt, der Bau dauert erheblich länger, ist viel teurer und die Stromerzeugung kostet das Mehrfache pro Kilowattstunde. Vietnam will bis 2030 rund die Hälfte des Stroms erneuerbar gewinnen, die Verkäufe von Elektrofahrzeugen verdoppelten sich zuletzt. Malaysia und die Philippinen beschleunigen Genehmigungen für Fotovoltaik und Speicherprojekte.
Energiewelt in Veränderung - eine kuriose Entwicklung
US-Präsident Donald Trump, der sonst nichts unversucht lässt, den Verbrauch von Öl und Erdgas zu pushen (und damit die eigenen Monopole), fördert durch seinen imperialistischen Krieg ungewollt den globalen Ausbau der erneuerbaren Energien. Eine zumindest teilweise dezentrale Energieversorgung wird auch von Militärs begrüßt. So forderten Militärveteranen und „Sicherheitsexperten“ der NATO mehr dezentrale Kraftwerke, da diese im Kriegsfall die Widerstandsfähigkeit erhöhen gegenüber zentralisierter Energieinfrastrukturen.1 „Klimaschutz war gestern, erneuerbare Energien sind jetzt Machtpolitik“, schreibt der Kolumnist Don Dahlmann. „Erneuerbare Energien sind kein Klimaprojekt, sondern strategische Absicherung gegen geopolitische Abhängigkeiten und Preisschocks. … Dezentrale, saubere Energie ist ein Resilienz- und Wettbewerbsvorteil und kein Luxus. … BASF produziert in China für 3 Cent pro Kilowattstunde, Deutschland zahlt 16,7 Cent, damit kann man keine Industriepolitik betreiben.“2
In der gegenseitigen Vernichtungsschlacht der Monopole, der Zunahme imperialistischer Kriege und der Vorbereitung eines dritten Weltkrieges werden erneuerbare Energien neu eingeordnet. So haben Rheinmetall und der Elektrolyse-Spezialist ITM Power eine strategische Partnerschaft geschmiedet, primär für die NATO. Das Projekt „Giga-Ptx“ sieht mehrere hundert dezentrale Produktionsanlagen für E-Fuels vor. Statt Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen wird im Krisen- und Kriegsfall, selbstverständlich „klimaneutral“ und „unabhängig“, die Militärmaschinerie reibungslos mit grünem Kraftstoff bedient.3
Alles in Butter?
Kapitalisten, Militärs alle auf Kurs erneuerbarer Energien? Rettet der Kapitalismus jetzt doch die Umwelt? Die neue Dynamik bedeutet noch lange nicht, dass fossile Energien verschwinden. Mehrere Länder lassen aktuell alte Kohlekraftwerke weiter laufen oder nehmen stillgelegte Blöcke wieder ans Netz. Schließlich dauert auch der Ausbau der Erneuerbaren seine Zeit. Länder prüfen den Einsatz von Mini-AKWs (SMR). Klar ist: ohne den massiven Umbau der oft schwachen und überlasteten Stromnetze wird die „neue Energiewelt“ nicht funktionieren. Die Asiatische Entwicklungsbank finanziert ein 70 Milliarden US-Dollar Infrastrukturprogramm für ein „Pan-Asia-Power Grid (Asiatisches Stromnetz). Die Internationale Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) beziffert den jährlichen Investitionsbedarf für Stromnetze auf 1,2 Billionen US-Dollar. Das Geld wäre vorhanden, weltweit wurden 2025 2,9 Billionen US-Dollar allein für die Rüstung verpulvert. Die Militarisierung und Weltkriegsvorbereitung ist ein großes Hemmnis für den beschleunigten und sofortigen Umstieg auf erneuerbare Energien.
Auftakt oder hektische Krisenreaktion?
Ob die Dynamik anhält, wird sich zeigen, wenn der Iran-Krieg beendet wird und Öl- und Gaspreise wieder sinken. Laut IRENA muss die Elektrifizierung in Verkehr, Industrie und Gebäude deutlich beschleunigt werden, um den Anteil von Stromverbrauch am weltweiten Endenergieverbrauch von derzeit 23 Prozent auf 35 Prozent im Jahr 2035 zu steigern. Bis 2050 soll der Anteil 50 Prozent und mehr betragen und der Anteil fossiler Energieträger von aktuell rund 80 Prozent auf 20 Prozent oder weniger sinken.4
Viel zu langsam, ein Szenario, das trotz Zuwachs der Erneuerbaren, eine Katastrophe für das Klima, Mensch und Natur bedeutet. China ist derzeit ein großer Gewinner der Energiekrise. Die Ausfuhren für Erneuerbare verdoppelten sich binnen eines Monats. Doch auch China stellt nicht zügig auf 100 Prozent erneuerbare Energien um, noch beendet es konsequent die Nutzung fossiler Energien.
Energiewende alleine kann Umweltkatastrophe nicht mehr stoppen
Selbst mit dem aktuell beschleunigtem oder dauerhaft stärkeren Ausbau der Erneuerbaren wird die Klimakrise nicht gelöst. Und zwar nicht mal mehr nur wegen der kapitalistischen Bedingungen, unter denen die Zerstörung der Umwelt eine gesetzmäßige Voraussetzung für die Erzielung von Maximalprofiten geworden ist: Die Umweltkatastrophe würde weiter ausreifen. Nicht nur, weil sie sich nicht auf die Klimakatastrophe beschränkt - die verschiedenen Faktoren haben mittlerweile eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickelt, einen Selbstzerstörungsprozess der Biosphäre.
Die sprichwörtliche Lawine ist in's Rutschen gekommen, und um sie zu stoppen reicht es eben nicht, keine Schneebälle mehr zu werfen - es wird aktive Maßnahmen in ganz erheblichem Umfang brauchen, die einen erheblichen Teil der gesellschaftlichen Ressourcen in Anspruch nehmen werden. Und selbst dann kann jetzt noch niemand sagen, inwieweit die begonnene Umweltkatastrophe dann noch gestoppt werden kann.