Ryazan/Russland

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Der Drohnenkrieg bedeutet Terror gegen die russische Zivilbevölkerung

Gegen 4 Uhr morgens am letzten Freitag, den 15. Mai, wird Luftalarm ausgelöst. 99 Drohnen der ukrainischen Armee sind im Anflug auf die Region. Am nächsten Morgen liegt eine riesige Rauchwolke über der Stadt. Die Raffinerie und große Wohnhäuser wurden getroffen. Es gibt Tote und Verletzte.

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Der Drohnenkrieg bedeutet Terror gegen die russische Zivilbevölkerung
Nach den Angriffen steht die Raffinerie in Flammen, eine riesige Rauchwolke verbreitet einen schrecklichen Gestank. Das Feuer wird auch am nächsten Tag noch nicht gelöscht sein. (Bild: Prochorovka spricht (ПрохоровкаГоворит), vk)

Bereits am 14. Mai um 23:05 Uhr wurde in der gesamten Region Ryazan „Drohnengefahr“ ausgerufen, eine Vorwarnstufe. „Bleiben Sie von den Fenstern fern. Der sicherste Ort in der Wohnung ist das Badezimmer oder der Flur mit massiven Wänden.“ heißt es über die Nachrichtenkanäle. Ab 3:55 Uhr schlagen Drohnen im Stadtgebiet ein. In den sozialen Netzwerken wird von lauten Explosionen über der Stadt berichtet: Die Luftverteidigung ist im Einsatz.

Russische Behörden verharmlosen

"Leider wurden mehrere Wohngebäude sowie das Gelände eines Unternehmens durch die Trümmer beschädigt. Nach vorläufigen Angaben gibt es Verletzte", teilte der regionale Gouverneur Pavel Malkov am 15. Mai in den sozialen Medien mit. Ironischerweise benutzt er vor allen Dingen den Messenger Telegram, dessen Benutzung die russische Regierung eigentlich unterbinden will, denn hier erreicht er mehr Einwohnerinnen und Einwohner als über die offizielle russische „Super-App“ MAX.

 

Weder gibt er zu, dass Drohnen eingeschlagen sind, noch erwähnt er, dass es sich bei dem Unternehmen um die Raffinerie der Stadt handelt. Es ist eine der größten des Landes – 309 000 Barrel werden dort pro Tag raffiniert, 5 Prozent der gesamten Produktion in Russland. Über den ganzen Tag wird der Gouverneur von „einem Industrieunternehmen“ sprechen, selbst dann noch, als die Lokalnachrichten schon lange von dem Brand in der Raffinerie berichten und obwohl jeder Einwohner der Stadt die riesige Rauchwolke sieht.

 

Der regionale Rospotrebnadzor (der „Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich Verbraucherschutz und Schutz des menschlichen Wohlergehens“) Messungen der Luftqualität durch. "Die Informationen werden veröffentlicht, sobald sie verfügbar sind", heißt es in seiner Mitteilung. Mitarbeiter des Laborzentrums FBUZ "Zentrum für Hygiene und Epidemiologie in der Region Ryazan" nehmen Proben und führen Laboruntersuchungen durch, dann geben sie bekannt: "Die Untersuchungsergebnisse überschreiten nicht die festgelegten Normen.“ Wer soll das glauben? Am Nachmittag fällt schwarzer Regen über der Stadt, bleibt auf allem haften, was im Freien ist.

 

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Wohnhäuser getroffen

Zwei mehrstöckige Wohngebäude wurden getroffen. Drei Menschen kommen ums Leben und zwölf wurden verletzt, darunter auch Kinder. Ein Kind stirbt noch am Freitag, die Zahl der Todesopfer steigt auf vier. Sieben der Verletzten müssen im Krankenhaus behandelt werden. Menschen aus den schwer beschädigten Häusern werden in Notunterkünften untergebracht.

 

„Zum Glück lebe ich nicht weiter im Süden. Für einige meiner Freunde ist so etwas alltägliche Realität. Ich frage mich, wie es in der Ukraine ist. Ich meine, dort haben sie offiziell Krieg, nicht wahr? Wie muss es den einfachen Leuten da gehen.“ berichtet eine Anwohnerin aus Ryazan.

 

Den Familien der Getöteten werden jeweils 1,5 Millionen Rubel (etwa 18 000 Euro) ausgezahlt. Die Verletzten erhalten zwischen 300.000 und 600.000 Rubel, je nach Schwere der Verletzungen. Bis zu 150.000 Rubel werden denjenigen gezahlt, die Eigentum verloren haben – 1 800 Euro für eine ausgebrannte Wohnung.

 

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Mit Terror erreicht man keine Wende im Krieg

Der Angriff auf Ryazan ist Teil einer massiven Kampagne, die die ukrainischen Militärs gegen die russische Infrastruktur und Zivilbevölkerung führen. Diese Erfolge aber ändern die Lage an der Front nicht – nur weil die ukrainischen Militärs sich für die Verbrechen der russischen Militärs nun an der russischen Zivilbevölkerung rächen, wird kein Meter Boden zurück gewonnen. Das strategische Ziel, die Ölproduktion zu reduzieren, mag die Kampagne erreichen können, das aber wird die russische Armee letztlich auch nicht aufhalten. Diese begrenzten Auswirkungen stehen in keinem Verhältnis zu dem Leid der Menschen und den massiven Schäden an der Umwelt, die solche Angriffe verursachen. Dadurch wird auch die russische Führung nicht besser; es zeigt sich nur wieder, wie sehr der Ukrainekrieg ein von beiden Seiten ungerechter Krieg ist.