1. Mai

1. Mai

Berichte aus Marokko und Tunesien

Ein Korrespondent schreibt über den Internationalen Kampftag der Arbeiterklasse in Marokko und Tunesien:

Von einem Korrespondenten

1. Mai in Marokko 

Kämpfe gegen steigende Ausbeutung und Arbeitslosigkeit: In Marokko gab es am 1. Mai unter anderem Demonstrationen in Rabat, Casablanca und Marrakesch. Organisiert wurden sie von der marokkanischen Gewerkschaftsvereinigung (UMT). Im Vordergrund standen Forderungen nach höheren Löhnen, mehr Arbeitsplätzen und besseren Arbeitsbedingungen. 


Die Demonstrationen finden in einer Situation der Umwälzung statt. In Marokko sind kapitalistische Produktionsverhältnisse durchgesetzt und das Land befindet sich im Übergang zu einem imperialistischen Land. Zugleich ist das neokoloniale Abhängigkeitsverhältnis noch nicht überwunden. Die Wirtschaft boomt und viele Monopole, sowohl marokkanische als auch ausländische, investieren in die marokkanische Wirtschaft. Diesem Prozess sind in der Landwirtschaft seit 2000 insgesamt 1,7 Millionen Arbeitsplätze zum Opfer gefallen.


Industriearbeitsplätze entstehen, aber 2025 hatten rund 1,62 Millionen Menschen keine Arbeit. Unter der Jugend ist die Arbeitslosenquote bei den 15- bis 24-Jährigen von 36,7 Prozent auf 37,2 Prozent gestiegen, bei Frauen stieg die Arbeitslosenquote von 19,4 Prozent auf 20,5 Prozent. 


Diesen Prozess beschreibt Miloudi Moukharik, Generalsekretär der marokkanischen Gewerkschaftsvereinigung, in seiner Rede zum 1. Mai 2026 so: „Diese Entscheidungen haben makroökonomischen Gleichgewichten Vorrang vor dem sozialen Gleichgewicht eingeräumt, Spekulation, Monopole und Rentensysteme begünstigt, die Instrumente des öffentlichen Schutzes geschwächt und die Abhängigkeit der nationalen Wirtschaft von den Schwankungen des internationalen Marktes vertieft. 


Daher die Ausweitung der sozialen und räumlichen Ungleichheiten, der Zerfall der Mittelschicht, die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse und das weit verbreitete Gefühl, dass sich für junge Menschen keine Perspektiven mehr bieten.“


Im Februar 2025 riefen fünf große Gewerkschaften zu einem Generalstreik auf, um gegen die Verabschiedung eines neuen Streikgesetzes und die steigenden Lebenshaltungskosten zu protestieren. Das Gesetz sollte das Streikrecht massiv eingrenzen und lediglich auf arbeitsrechtliche Fragen reduzieren und somit Streiks gegen Lebenshaltungskosten oder Regierungspolitik ausschließen und unter Strafe stellen. 


Die marokkanische Arbeiterklasse steht vor großen Herausforderungen, den Kampf für demokratische Rechte und Freiheiten wie für das Streikrecht zu erweitern und höherzuentwickeln, das Klassenbewusstsein und den proletarischen Internationalismus zu entfalten. Die marokkanische Gewerkschaftsvereinigung erklärte am 1. Mai erneut ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk, sieht jedoch den Befreiungskampf des westsaharischen Volkes als illegitim an und bezeichnet die Region als „marokkanische Sahara“.

1. Mai 2026 in Tunesien

In Tunesien gingen am 1. Mai 2026 Tausende auf die Straßen. Hauptsächlich in Tunis, aber auch in Sfax oder Sidi Bouzid. Genaue Zahlen sind noch nicht bekannt.


Der Vorsitzende des Tunesischen Allgemeinen Gewerkschaftsbundes (UGTT), Salah Eddine Salmi, hielt in der Hauptstadt Tunis eine Rede. Er leitete den 1. Mai historisch ein, würdigte den Kampf der Arbeiter in Chicago 1886, aber auch die verstorbenen Kämpfer in Tunesien.


Aktuell werde die gewerkschaftliche Arbeit in Tunesien erschwert, u. a. durch den „Ausschluss der Gewerkschaft aus allen Bereichen der Gesellschaft, Einschränkungen des Gewerkschaftsrechts, Streichung aller Freistellungen, Verweigerung von Verhandlungen in den Betrieben, Entlassung zahlreicher Arbeiter und Gewerkschafter“.


Die Lage der tunesischen Bevölkerung sei geprägt von einem Anstieg der Lebenshaltungskosten und dem Rückgang der Kaufkraft. Armut breitet sich aus und die Arbeitslosenquote, besonders unter jungen Menschen, steigt.

 

Er sprach „weltweite Verschiebungen der Machtverhältnisse, als Beginn eines Wandels im Weltordnungssystem zu einem multipolaren System, dessen Ausgang und Auswirkungen wir noch nicht absehen können“ an. Als Gewerkschaftsdachverband stehe die UGTT „für die palästinensische Sache und für die Gründung eines palästinensischen Staates auf seinem Land mit der Hauptstadt Jerusalem“ ein. Damit griff er eine starke Verbundenheit mit dem palästinensischen Befreiungskampf in der tunesischen Bevölkerung auf.


Er verbreitete jedoch auch reformistische Illusionen, indem er den „sozialen Dialog“ als „Erfolgsfaktor für Stabilität“ bezeichnete. Außerdem propagierte er offene Klassenzusammenarbeitspolitik und Sozialchauvinismus: Die UGTT sei nicht „grundsätzlich gegen das Kapital“, sondern lediglich gegen die „Verdrängung des produktiven nationalen Kapitals, dessen Anspruch auf Unterstützung wir anerkennen und dessen unverzichtbare Rolle bei der Schaffung von Wohlstand und der Entwicklung der Grundlagen für den Fortschritt unseres Landes wir würdigen“. Einem Arbeiter ist es aber egal, ob er von einem tunesischen, französischen oder chinesischen Kapitalisten ausgebeutet wird!