Der 1. Mai in der Türkei

Der 1. Mai in der Türkei

11 Millionen Arbeiter und Unterdrückte bieten faschistischem Regime die Stirn!

Am 1. Mai stellten sich die Arbeiter dem faschistischen Erdoğan-Regime entgegen.

Von Yusuf Köse
11 Millionen Arbeiter und Unterdrückte bieten faschistischem Regime die Stirn!
(foto: DISK)
In diesem Jahr wurde der 1. Mai in 81 Provinzen und größeren Städten gefeiert. Dies war ein Zeichen dafür, dass ein Großteil des Landes verproletarisiert ist. Die zunehmende faschistische Unterdrückung im Land, die extreme Verarmung, die durch hohe Arbeitslosigkeit und hohe Inflation verursachte Verarmung, zog alle Schichten der Arbeiterklasse und andere Werktätige auf die Plätze des 1. Mai.
 
Nach Angaben der Gewerkschaften nahmen landesweit über 11 Millionen Menschen an den Veranstaltungen zum 1. Mai teil - bei 85.372.377 Einwohnerinnen und Einwohnern (Stand 2023). Dies war ein Anstieg der Teilnehmerzahl um 40 bis 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Menschenmenge auf den 1.-Mai-Aktionen herrschten Begeisterung, Wut auf das System der Unterdrückung und Ausbeutung sowie die Entschlossenheit, für ihre Rechte einzustehen.
 
Der 1. Mai 2026, an dem Millionen auf die Straße gingen, zeigt auch, dass die revolutionäre Stimmung in der Türkei zunehmend an Schärfe gewinnt. Die gestiegene Aktivität der revolutionären Organisationen sowie die Begeisterung und Wut der Massen auf den Plätzen am 1. Mai deuten darauf hin. Es wird für das faschistische Erdoğan-Regime schwierig sein, seine Macht durch verstärkte Unterdrückung und Ausbeutung weiter aufrechtzuerhalten. Wenn gegen das faschistische Regime die richtige Taktik verfolgt wird, um breitere Bündnisse zu schmieden, wird die Zurückdrängung und der Sturz des Faschismus unvermeidlich sein.
 
Der 1. Mai 2026 ist für marxistisch-leninistische und revolutionäre Organisationen voller wichtiger Lehren.

Besonders in Istanbul, Ankara, Izmir und anderen Großstädten waren die Teilnehmerzahlen sowie die Wut und die begeisterten Feierlichkeiten auffällig.

 
In Istanbul wurde der 1. Mai an drei verschiedenen Orten gefeiert. Während sich Gewerkschaften und große Berufsverbände wie DİSK, KESK, TBB und TOBB sowie ein Teil der Parteien wie die CHP und viele revolutionäre und fortschrittliche Parteien in Kadıköy versammelten, hatten sich einige revolutionäre Organisationen auf den „Taksim-Platz“ konzentriert. Doch wie schon im vergangenen Jahr sperrte der Erdoğan-Faschismus auch in diesem Jahr bereits einen Tag zuvor alle Zufahrtsstraßen zum Taksim-Platz und stellte die Stadt quasi unter Polizeisperre. Beim Widerstand in Mecidiyeköy (an der Zufahrtsstraße nach Taksim) nahm die Polizei 575 Widerstandskämpfer fest und ließ sie einen Tag später alle wieder frei. Trotz des massiven Polizeiterrors gaben die Demonstranten hier nicht auf und rissen die von der Polizei errichteten Barrikaden nieder.
 
Obwohl das Erdoğan-Regime versuchte, die Massen mit Unterdrückung und faschistischem Staatsterror einzuschüchtern, haben die Massen an diesem 1. Mai einmal mehr gezeigt, dass sie die Mauer der Angst eingerissen haben. Mit ihren Forderungen, ihren Parolen, ihrer Begeisterung und ihrer Wut haben die Massen am 1. Mai dem faschistischen Erdoğan-Regime regelrecht die Stirn geboten.
 
Obwohl die Demonstranten, die zum Taksim-Platz ziehen wollten, die Barrikaden weitgehend durchbrechen konnten, wurde der 1. Mai geradezu terrorisiert. Die Taktik, abseits des Ortes, an dem sich Zehntausende Arbeiter versammelt hatten, eine separate Feier abzuhalten, war falsch. Diese Situation führte insbesondere in Istanbul zu einer Spaltung der Arbeiterklasse.
 
Die sozialchauvinistische und modern-revisionistische TKP hingegen wollte der Regierung durch eine separate Kundgebung im Istanbuler Stadtteil Kartal zeigen, dass sie keine Verbindungen zu revolutionären Organisationen unterhält.
 
Die gelbe Gewerkschaft Türk-İş, die die meisten Mitglieder in der Türkei hat, setzte ihre Spaltung der Arbeiterklasse fort. Sie veranstaltete eine Alibiveranstaltung in Edirne. Die Arbeitermassen nahmen daran nicht teil. Indem sie an der Kundgebung der DİSK und anderer fortschrittlicher Gewerkschaften und Berufsverbände im Bezirk Lüleburgaz von Edirne teilnahmen, kehrten sie den Bossen der gelben Gewerkschaften den Rücken zu.
 
Auch in den Provinzen Kurdistans wurde der 1. Mai mit Begeisterung gefeiert. In Diyarbakır, Van, Muş, Antep, Urfa, Hakkari und anderen Provinzen und Bezirken waren die Feierlichkeiten zum 1. Mai ausgelassen und massenhaft. In Kurdistan wurde der 1. Mai gleichzeitig zu einem Forum, auf dem die Kurdenfrage thematisiert wurde. Es wurde gefordert, dass der Staat seine Strategie der „Hinhaltetaktik“ gegenüber den Kurdinnen und Kurden aufgibt.
 
Die Passivität der gelben Gewerkschaften, das Überwiegen des Nationalismus der Sozialchauvinisten und bestimmte sektiererische Ansätze führten in den Gebieten mit hohem Arbeiteranteil zu einer teilweisen Spaltung der Arbeiterklasse. Istanbul, wo die Arbeiterklasse stark vertreten ist, ist ein gutes Beispiel dafür. Hätte man sich jedoch zusammenschließen können, hätten sich in Kadıköy mindestens eine Million Arbeiter versammeln können. Dies hätte eine größere moralische Kraftquelle geschaffen.
 
Es wurde entgegen der Auffassung gehandelt, dass der Faschismus durch die Vereinigung hinter den minimalsten demokratischen Forderungen zurückgedrängt werden könne. Die konkreten Forderungen und die konkrete Situation der Arbeiterklasse und der breiten Massen der Werktätigen wurden nicht berücksichtigt. In diesem Zusammenhang führen Ansätze, die sich vom marxistisch-leninistischen Verständnis und der sozialistischen Perspektive entfernen, auch zu einer Entfremdung von den Massen. Dabei müssten revolutionäre Organisationen und Parteien in der Lage sein, flexiblere revolutionäre Taktiken zu entwickeln, um breitere und tiefere Verbindungen zu den Arbeitermassen aufzubauen.
 
Dennoch haben die Demonstrationen und Feierlichkeiten zum 1. Mai die Begeisterung der Arbeiterklasse und der Werktätigen, ihre Wut auf das faschistische Regime und ihre Entschlossenheit deutlich gemacht – es ist nun so weit, dass das Messer am Knochen anliegt. Das Entwicklungspotenzial der revolutionären Situation ist sehr hoch. Zu den skandierten Parolen und den hervorstechenden Forderungen gehörten: Rücktritt der Regierung, Ausweitung der politischen Freiheiten, Schutz des Rechts auf gewerkschaftliche Organisation, Beendigung von Entlassungen, Lohnerhöhungen sowie Widerstand gegen die Vorbereitungen für einen imperialistischen Krieg. Man kann sagen, dass die Arbeiterklasse am 1. Mai dem faschistischen Erdoğan-Regime regelrecht die Stirn geboten hat.