Brasilien
1. Mai: Breite Mobilisierung, klare klassenkämpferische Forderungen - aber noch ohne echte Arbeitereinheit
Am 1. Mai gingen in Brasilien landesweit 200.000 bis 300.000 Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Straße. In rund 60 bis 80 Städten fanden Demonstrationen und politische Aktionen statt. Der größte Protest fand in der Industrieregion ABC in São Paulo statt, wo etwa 75.000 Menschen teilnahmen.
Getragen wurden die Proteste von einem breiten Spektrum gewerkschaftlicher und politischer Organisationen, darunter die CUT, die CTB und die CSP-Conlutas, sowie oppositionelle Kräfte aus dem Umfeld der PSOL/VAT u.v.m. Allerdings traten die Gewerkschaften oft getrennt auf - ein Ausdruck für die Spaltung der Arbeiterbewegung in Richtungsgewerkschaften.
Im Fokus stand die „Abschaffung der 6×1‑Arbeitswoche“, bei der Kollegen sechs Tage arbeiten und nur einen Tag freihaben. Diese Forderung wurde von allen Strömungen aufgegriffen und entwickelte sich zum gemeinsamen Nenner der Proteste. Das hat auch gesellschaftliche Bedeutung, wegen der Folgen der enorm gestiegenen Überausbeutung der Arbeiterklasse und ihrer Familien (starke Zunahme psychischer Erkrankungen, schwerer Arbeitsunfälle, chronischer Erkrankungen oder, da immer mehr Frauen arbeiten, auch mehr familiärer Probleme). Die Flexibilisierung des „Arbeitsmarktes“ ist ein ernstes, massives Problem der Arbeiterbewegung – dagegen fordern einzelne Initiativen die 36- oder 30-Stunden-Woche …
Weiter spielte der Kampf gegen die Kürzungen in den Sozial- und Rentenversicherungen (Privatisierungen) eine Rolle sowie die Kritik an der Macht des Finanzsektors: Hier geht es um die „Korruptionsfälle bei der Banco Master“, die das politische System (Parlament; Justiz und Polizei) erschütterten und zu einer Art „politischer Krise“ im Land führte.
Teile der Proteste griffen internationale Themen wie Solidarität mit Palästina auf – und Fragen wie den Kampf gegen Umweltzerstörung oder den Kampf gegen Rassismus.
Politisch sind die Mobilisierungen klar verbunden mit den Kongresswahlen im Oktober 2026. Der 1. Mai diente vielen Organisationen dazu, „Druck auf das Parlament“ aufzubauen und die Arbeitszeitfrage in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu rücken … Während regierungsnahe Gewerkschaften (z. B. CUT) auf Reformen innerhalb des kapitalistischen Systems setzen, im Dialog mit der Regierung Lula, vertreten klassenkämpferische Kräfte Forderungen nach einem Generalstreik (z.B. CSP-Conlutas).
Der 1. Mai war 2026 ein wenig größer als 2025. Doch zeigt sich ein veränderter Charakter: Statt großer, zentral organisierter Events mit Volksfestcharakter prägen heute dezentralere und politisch schärfer zugespitzte Proteste die Straße. Dazu kommen Veränderungen: Es hat sich in den letzten Jahren eine neue Generation von Arbeiterjugend und rebellischer Jugend herausgebildet, die „neue Wege“ sucht … Auch die Streikzahlen haben in den ersten vier Monaten des Jahres gegenüber 2025 leicht zugenommen!