Diskussion zu Positionen der IG Metall Wolfsburg

Diskussion zu Positionen der IG Metall Wolfsburg

Wie ernst muss man den Generalangriff des VW-Vorstands nehmen?

Die Bekanntgabe der Pläne des VW-Vorstands und der Boston Consulting Group (BCG), weitere 1 Mio. Kapazitäten stilllegen zu wollen, hat zu erheblichen Diskussionen in den Belegschaften geführt. Der Vorstand nimmt die Werke in Emden, Zwickau, Hannover und von Audi Neckarsulm ins Visier von Betriebsstilllegungen.

Von gp
Wie ernst muss man den Generalangriff des VW-Vorstands nehmen?
VW-Kolleginnen und -Kollegen – hier in Hannover in Aktion (rf-foto)

Mit den Vereinbarungen für die Kernmarke VW und Audi 2024 hat der VW-Konzern-Vorstand eine Million Kapazitäten stillgelegt und damit 50 000 Arbeits- und die Hälfte der Ausbildungsplätze vernichtet. Aufgrund der großen Kampfbereitschaft der Belegschaften musste der Vorstand allerdings gewisse Zugeständnisse machen, wie z.B. der aktuelle Verzicht auf Werksschließungen oder den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen (1). VW Chef Oliver Blume sieht jetzt wohl die Gelegenheit, „sein unvollendetes Werk“ von 2024 zu vollenden. Das bedeutet eine weitere Vernichtung der Produktionskapazität von 1 Mio. Autos. Vor allem aber wieder Tausende Arbeitsplätze. Nach Blume geht es um die „Substanz“! Als alten IG Metaller interessiert mich natürlich, was meine IG Metall dazu sagt.

Wer sorgt für „Wirbel“?

Am 22.4. hat die IG Metall Wolfsburg dazu ausführlich Stellung genommen. Als Gewerkschafter wundere ich mich allerdings sehr über den Inhalt. Gleich mit der Überschrift fängt es an. Nicht das „Zielbild Volkswagen Konzern 2030“, nicht die Pläne und Vorschläge der verschiedenen Beraterfirmen sorgen für ordentlich Wirbel, sondern die Medien. Auch Rote Fahne News hatte am 27. April darüber berichtet: „Vorstand legt Generalangriff auf die Konzernbelegschaft in Deutschland vor!“ Die Bezeichnung der Vorstandspläne als „Generalangriff“ oder „Kahlschlag“ sei schlichtweg „Quatsch“, heißt es in der Stellungnahme der IG Metall Wolfsburg. Ich frage mich, warum? Mein Verständnis von Gewerkschaftsarbeit ist, dass man angesichts der drohenden Gefahr für die Belegschaften die Vorstandspläne nicht so herunterspielen darf. Ich kann nur hoffen, dass dieser Standpunkt sich nicht durchsetzt.

Systematische Vorbereitung des Generalangriffs

Der Artikel der IG Metall Wolfsburg behandelt ein Interview, das Oliver Blume dem Manager Magazin gegeben hat. In dem Interview erklärt Blume, dass die ursprünglich geplante Produktion von weltweit 12 Mio. Autos heute nicht mehr zu verwirklichen sei. Deshalb wolle der Konzern die Kapazitäten für die Produktion von drei Mio. Autos stilllegen. Davon sei ein Teil schon mit den bisherigen Vereinbarungen verwirkloicht, aber das reiche nicht. Jetzt gehe es um die „Substanz“. Der IG Metall-Artikel zitiert Blume: „Wir müssen einen geeigneten Weg erarbeiten, wie wir damit umgehen.“ Und dann: „Es gibt intelligentere Methoden, als gleich ein Werk zu schließen.“ Das interpretiert der Artikel der IG Metall Wolfsburg allen Ernstes so: "VW-Konzern-Boss erteilt Werksschließungen eine Absage – intelligentere Wege müssen her!“ Das bedeutet aber, dem VW-Vorstand zur Seite zu springen.

Vor den Konzernplänen nicht den Kopf in den Sand stecken

  • Im Januar geben Oliver Blume und der Finanzvorstand Arno Antlitz vor Führungskräften das Ziel aus, bis 2028 60 Mrd. Euro „einsparen“ zu wollen.
  • Seit Monaten drehen verschiedene Beraterfirmen jeden Stein im Konzern um, um Einsparpotenziale zu finden. Darunter sind auch die Ausgaben für Löhne und Gehälter. Dabei sind die Arbeiterinnen, Arbeiter und ein Großteil der Angestellten die einzigen, die nichts kosten. Nicht nur das. Allein ihre Arbeitskraft besitzt die Fähigkeit, im Austausch mit Naturstoffen Werte zu schaffen. Ein Teil davon entspricht dem Lohn. Den um ein Vielfaches übersteigenden Wert, den „Mehrwert“ eignen sich die Kapitalisten unentg̣̣̣̣̣̣̣̣eltlich an.
  • Auf der Bilanzpressekonferenz im März kündigt Blume an: „Wir können heute feststellen, dass das Geschäftsmodell, das über Jahrzehnte funktioniert hat für den Volkswagenkonzern, für die deutsche Automobilindustrie, aber auch für Deutschland, heute so nicht mehr funktioniert, darauf passen wir uns an.“ In Zukunft sollen Autos weniger aus Deutschland exportiert, sondern vor Ort produziert und von dort aus sollen neue Märkte erschlossen werden.
  • Und worin besteht der „intelligentere Weg“ zu Werksschließungen? Hier nimmt Blume Bezug auf die Pläne, in Osnabrück künftig für das Militär zu produzieren. Das schwebt Blume offensichtlich nicht nur für Osnabrück vor. Der Einstieg in das Rüstungsgeschäft ist sozusagen eine „Neuausrichtung“ des Konzern auf die Kriegswirtschaft.
  • Der Vorstand hat zusammen mit den Beratern der BCG ein 160-seitiges „Sanierungskonzept“ erarbeitet, das den Aufsichtsratsmitgliedern und damit auch den Verantwortlichen bekannt ist und Gegenstand der Aufsichtsratssitzung am 27.4. war. In diesem Konzept wird ausdrücklich auf die vier Standorte Emden, Hannover, Zwickau und Neckarsulm eingegangen. Das Veto von Oliver Lies, niedersächsischer Ministerpräsident und Mitglied des Aufsichtsrats, belegt, dass Stilllegungen Gegenstand der Diskussion sind. Und schließlich schließt auch Blume Stilllegungen nicht aus, wenn er davon spricht, nicht „gleich“ (!) ein Werk zu schließen.

 

Es bleibt zu hoffen - und hier habe ich volles Vertrauen in die Mitglieder der IG Metall, die Vertrauensleute, die Kolleginnen und Kollegen - , dass sie in der innergewerkschaftlichen Diskussion nicht nur den Standpunkt, wie er in dem Artikel vertreten wird, grundsätzlich kritisieren, sondern sich auf die nächste Kraftprobe mit dem Konzernvorstand entschlossen vorbereiten.