Briefwechsel im vollen Wortlaut
„Rückkehr des alten Kolonialismus“?
Im Folgenden dokumentieren wir die kritische Zuschrift eines Lesers vom 8. Februar zum Rote Fahne Magazin 2/2026 mit dem Titel "Venezuela, Kolumbien, Grönland ... Rückkehr des offenen Kolonialismus?" und die Antwort der Redaktion - hier im vollen Wortlaut. Wir freuen uns über weitere Meinungsäußerungen dazu.
In RF 2/26, S. 19, entwickelt ihr die These von der „Rückkehr der alten Kolonialpolitik“ und „Rückkehr zu offen kolonialen Methoden“. Das ist eine falsche Deutung der aktuellen Ereignisse. Nur weil zwei Dinge auf den ersten Blick ähnlich aussehen, sind sie noch lange nicht wesensgleich.
Der Revolutionäre Weg 25 und auch spätere Nummern wiesen nach, dass das alte Kolonialsystem nicht nur an den Befreiungskämpfen der Völker zerbrach, sondern auch an der Tatsache, dass es nicht mehr mit den Erfordernissen der modernen internationalisierten Produktion übereinstimmte. Diese hat die Bedingungen für die Herrschaftsmethoden der Imperialisten gesetzmäßig verändert.
Als das ZK der MLPD 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands als "Großdeutschlandkurs des BRD-Imperialismus" nach dem Muster der alten Kolonialpolitik beurteilte, kritisierte Willi Dickhut dies prinzipiell: „Die Imperialisten reden heute nicht von Kolonien. Das ist sinnlos. Sie brauchen angesichts der Internationalisierung der Monopole keine Kolonien zu erobern. Großdeutschland spielt da keine Rolle mehr: Es gibt bereits den Prozess, wo die multinationalen Konzerne sich vereinigen. (...) Diese Verschiebung in der internationalen Wirtschaft wird nicht richtig beachtet!“1
Das gilt in der heute viel weiter fortgeschritteneren Internationalisierung noch mehr, deren Veränderungen und massiven Machtverschiebungen in Richtung Asien und China die RF – nicht nur in diesem Fall – zu wenig analysiert und beachtet. So spricht der Leitartikel in besagter Nummer davon, China sei „für viele lateinamerikanischen Länder inzwischen zum zweitwichtigsten Handelspartner geworden“. Tatsächlich war China schon vor fünf Jahren der wichtigste Handelspartner aller lateinamerikanischen Länder außer Kolumbien und Mexiko.2
Diese mangelnde eigene Analyse der Gesetzmäßigkeiten hat schon mehrfach dazu geführt, dass die RF zu sehr beeindruckt ist von einer angeblichen „Allmacht“ der Herrschenden, grundlegende ökonomische Gesetzmäßigkeiten einfach Kraft ihres Willens außer Kraft setzen zu können. Das betrifft ganz besonders das Trump-Regime, wo ihr euch zu sehr an seinem Affengeschrei und seinen Show-Effekten orientiert und zu wenig beachtet, wie wenig davon in der Praxis funktioniert, weil es oft in großem Widerspruch zu den realen Kräfteverhältnissen und Gesetzmäßigkeiten steht. Seine drei Bombenabwürfe auf den Iran (beim ersten Angriff der USA auf den Iran - Anm. d. Red.) sahen im Fernsehen vielleicht mächtig aus, real bewirkt haben sie praktisch gar nichts. In der Zollpolitik musste er v.a. gegenüber dem eigentlichen Hauptziel China fast vollständig den Schwanz einziehen. Die Entführung Maduros sollte Stärke demonstrieren, real ist die PSUV-Regierung unter Delcy Rodriguez in Venezuela bis heute im Amt. Es ist offensichtlich, dass der US-Imperialismus panische Angst davor hat, in einen echten Krieg mit Bodentruppen verwickelt zu werden. Denn dieser würde ihn vielleicht für Jahre vom Hauptgegner China ablenken und hätte außerdem nicht einmal in Trumps faschistischer MAGA-Massenbasis eine Mehrheit.
In dem Zusammenhang fällt auch auf, dass ihr manchmal – wie der US-Imperialismus selbst – überschätzt, was man unter den heutigen Bedingungen der hochkomplex vernetzten, internationalisierten Wirtschaft mit militärischen Mitteln allein nachhaltig erreichen kann. Wenn die chinesische und die meisten lateinamerikanischen Wirtschaften stark komplementär sind (also die jeweils andere Seite Dinge exportiert, die man selbst importieren will) während die USA bei fast allen wichtigen Produkten Lateinamerikas selbst Exporteur, also ein Konkurrent, ist – wie soll denn da das Problem des Haupthandelspartners von Trump mit Fliegerbomben gelöst werden?
Es entspricht den Klasseninteressen des internationalen Finanzkapitals in Europa, dass sie die veränderte Strategie des US-Imperialismus unter Trump als besonders monströs und alles davor als „zivilisierte, regelbasierte“ Ordnung darstellen. Dem sitzt ihr teilweise auf. Die EU-Imperialisten und ihre Propagandablättchen sind v.a. entsetzt, dass ihr ehemaliger Gangster-Kumpan USA nun seine Raubüberfälle auf eigene Faust und teils in ihrem Gebiet durchführen will, wo man das doch jahrzehntelang so schön gemeinsam gemacht hat.
Eure tendenzielle Darstellung, der Neokolonialismus würde ausschließlich auf ökonomischer und politischer Einflussnahme basieren, ist z.B. davon beeinflusst. Trumps „demokratischer“ Vorgänger, der als „Völkermord-Joe“ bekannte Joe Biden, war nicht an der Entführung, sondern gleich an der Ermordung mehrerer missliebiger Regierungschefs wie Saddam Hussein oder Muammar Al-Gaddafi, sowie weiteren völkerrechtswidrigen Angriffskriegen und Besetzungen ganzer Länder wie in Afghanistan und Irak führend beteiligt. Nach Beginn des Neokolonialismus haben die USA in zahlreichen Länder gewaltsam Regierungen gestürzt. Warum wurde das dann nicht als „Rückkehr des alten Kolonialismus“ qualifiziert?
Wie sehr sich die US-Imperialisten auch nach dem „unipolaren Moment“ zurücksehnen, als sie alleiniger Welthegemon waren – es wird keine Rückkehr zur Zeit vor der Neuorganisation der internationalen Produktion und zum alten Kolonialsystem geben.
Ja, die massiven Machtverschiebungen weg von den G7-Mächten in Richtung BRICS und Asien, zuallervorderst China, führt zu massiven Umbrüchen und veränderten Strategien. Vor allem beim US-Imperialismus, dessen ökonomischer Rückfall gegenüber China, v.a. in der entscheidenden Industrieproduktion nicht mehr aufholbar sein dürfte. Die Weltbank schätzt, dass China in naher Zukunft schon nie dagewesene 40% der Weltindustrieproduktion stellen wird. Mehr als die nachfolgenden 10 Länder zusammen. Daraus ergibt sich v.a. bei den absteigenden Mächten USA und EU extreme Aggressivität, Weltkriegsvorbereitung aber auch Panik, Konfusion und damit Unberechenbarkeit. All dies muss dringend von der RF wissenschaftlicher analysiert und zu treffenden Qualifizierungen gebracht werden. Die „Rückkehr zum alten Kolonialsystem“ ist keine davon. (mz)
Antwort der Rote-Fahne-Redaktion:
Lieber M.,
vielen Dank für deine Kritik zur Qualifizierung „Rückkehr zum alten Kolonialismus“ sowie an einer mangelnden eigenständigen Analyse von Gesetzmäßigkeiten durch die Rote Fahne.
Tatsächlich geht es hier um wichtige neue Entwicklungen in den Methoden des Konkurrenzkampfs und der Außenpolitik ausgehend vom US-Imperialismus, wo wir um exakte theoretische Verallgemeinerungen, Qualifizierungen und Begrifflichkeiten ringen müssen. Ein wesentliches Merkmal der mittlerweile faschistischen Außenpolitik des US-Imperialismus ist der offene Herrschaftsanspruch über andere Länder wie Grönland, Kanada, Panama oder Venezuela sowie dessen schrittweise aggressive Durchsetzung. Unsere Parteivorsitzende Gabi Fechtner qualifizierte in ihrem Grundsatzbeitrag über wesentliche Merkmale des Umbaus der USA zu einer faschistischen Diktatur eines davon als Übergang zu „einer faschistischen, aggressiv-imperialistisch-kolonialen Außenpolitik“. Dazu gehört die Androhung und Vorbereitung der Inbesitznahme anderer Länder, was zu Recht an den früheren Kolonialismus erinnert. Das bedeutet keineswegs eine einfache Rückkehr zum alten Kolonialismus, sondern entspricht der „scheinbaren Rückkehr zum Alten (Negation der Negation)“ oder der „Wiederholung bestimmter Züge, Erscheinungen ect. eines niederen Stadiums in einem höheren“ – wie es Lenin in seinen Bestimmungen der Dialektik ausdrückt.
Die Rote Fahne hat deshalb die Headline des Rote Fahne Magazins 2/2026 „Rückkehr des offenen Kolonialismus?“ auch mit einem Fragezeichen versehen. Die Frage sollte vor allem Interesse wecken. Wir wollten keineswegs die Botschaft ausgeben, dass wir es bei Trump und seinem Herrschaftsanspruch über Venezuela, Kolumbien oder Grönland einfach mit dem Kolonialismus alter Prägung zu tun haben. Aber dass hier Seiten des offenen Kolonialismus als Bestandteil der faschistischen Außenpolitik eine Renaissance erfahren, ist zutreffend.
Im Hauptartikel des Magazins wird dazu auf Seite 13 ausgeführt: „Heute ist es die US-Regierung unter dem faschistischen Präsidenten Donald Trump, die die Welt – wenn auch in veränderter Form – wieder mit offen kolonialen Eroberungskriegen bedroht.“ Auch im Artikel „Neuer US-Kolonialismus in Venezuela“ in Rote Fahne 4/2026 geht es vor allem darum, mit welchen modifizierten kolonialen Methoden der US-Imperialismus unter Trump gegenüber Venezuela agiert: „Das sind neue Entwicklungen in der imperialistischen Machtpolitik: Ein Land wird faktisch kolonialisiert, ohne es offen militärisch und mit Bodentruppen zu besetzen.“ Ein Problem ist, dass das, was in diesem Artikel als Kolonialismus dargestellt wird, eigentlich die Methode der ökonomischen Durchdringung, geheimdienstlichen Infiltration usw. beschreibt, was eben nicht die neue Qualität ausmacht. Was Trump ja mit seinen faschistischen Aktionen machte, war das offen völkerrechtswidrige Kidnapping eines Staatsführers, der unmittelbaren Bestimmung der Führung der neuen Regierung usw.
Bei der Einschätzung dieser neuen Entwicklungen in der imperialistischen Machtpolitik sind sicher noch nicht alle in der Roten Fahne getroffenen Qualifizierungen und Begriffe der Weisheit letzter Schluss, auch wenn wir dabei selbstverständlich Fehler vermeiden müssen. Deshalb begrüßen wir die streitbare Auseinandersetzung darum. Du bestreitest aber im Kern, dass es hier überhaupt eine neue Entwicklung gibt. Wir zitieren im RW 32-34 Willi Dickhut, der in Bezug auf den Neokolonialismus ausführte: „Die Hauptmethode ist die wirtschaftliche Abhängigmachung der Entwicklungsländer.“ (S. 174)
Hier gibt es aber eine wichtige Veränderung, dass die faschistische Außenpolitik tendenziell die offene Erpressung, Gewalt, politische Nötigung zu zentralen Methoden macht, ohne auf die wirtschaftliche Abhängigmachung zu verzichten. Die Rückkehr zu verstärkt offen kolonialen Methoden der Unterwerfung anderer Länder auf einem neuen Niveau bedeutet keineswegs, dass neokoloniale Methoden keine Rolle mehr spielen. Zwischen beiden Methoden herrscht weltweit und auch beim US-Imperialismus Einheit und Kampf der Gegensätze.
Worauf beruht deine Kritik an einer „tendenziellen Darstellung, der Neokolonialismus würde ausschließlich auf ökonomischer und politischer Einflussnahme basieren“? Das haben wir so noch nie vertreten, schon gar nicht bezogen auf den Unterschied der Außenpolitik von Trump und Biden. Auch der Neokolonialismus bedient sich immer wieder militärischer Methoden. Aber es gibt Änderungen bei den hauptsächlichen Methoden.
Zweifellos ist es so, dass das alte Kolonialsystem nach dem Zweiten Weltkrieg zerbrach und die Imperialisten aufgrund der Internationalisierung der Produktion auch nicht mehr auf Kolonien angewiesen waren. Du leitest aber daraus nur ab, dass die Internationalisierung heute noch viel weiter fortgeschritten sei, ohne auf die offene Krise der Neuorganisation der internationalen kapitalistischen Produktion einzugehen. Diese Krise ist es doch, die die imperialistischen Mächte dazu zwingt, „die Methode der ökonomischen Durchdringung … immer stärker einer offen aggressiven chauvinistischen Wirtschafts-, Außen- und Militärpolitik“ zu opfern, wie das ZK in einer aktuellen Analyse (Seite 5) schreibt. Das führt zu einem unlösbaren Widerspruch zur Internationalisierung der Produktion, denn „zugleich können sie die internationalisierte Produktion, Handel und Märkte nicht rückgängig machen, ohne selbst einen tiefen ökonomischen Rückschlag zu erleiden“. (S. 5) Du gehst aber im Unterschied dazu davon aus, dass die Analyse der Hauptmethode der ökonomischen Durchdringung aufgrund der fortschreitenden Internationalisierung der kapitalistischen Produktionsweise immer noch uneingeschränkte Gültigkeit hat.
Was die Frage betrifft, ob China nicht nur zweitwichtigster, sondern wichtigster Handelspartner Lateinamerikas sei, findet man unterschiedlichste Angaben. Wir haben mehrfach die Aussage gefunden, dass Letzteres zwar für mehrere südamerikanische Länder gilt, aber bis zuletzt noch nicht für Lateinamerika insgesamt. Auf was stützt sich deine Aussage?
Wir wollen nicht bestreiten, dass die Analyse neuer Gesetzmäßigkeiten in der Roten Fahne noch zu kurz kommt und nicht genügend aktiv von der Redaktion vorangetrieben wird. Richtig ist auch, dass unsere Wachsamkeit darauf ausgerichtet sein muss, dass man sich nicht beeindrucken lässt von der scheinbaren Allmacht von Trump. Konkret können wir aber nicht nachvollziehen, wieso die Rote Fahne allgemein „zu sehr beeindruckt ist von einer angeblichen ‚Allmacht‘ der Herrschenden, grundlegende ökonomische Gesetzmäßigkeiten einfach Kraft ihres Willens außer Kraft setzen zu können“, speziell bezogen auf Trumps „Affengeschrei und seine Show-Effekte“. Dafür führst du auch keine Belege an. Wir haben in der Roten Fahne mehrfach ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Trump bei seinem faschistischen Staatsumbau nicht einfach schalten und walten kann, wie er will. Der organisierte antifaschistische Massenwiderstand in den USA bereitet ihm dabei zunehmend Probleme. Unterschätzt nicht du eher die weltweite faschistische Tendenz und die Weltkriegsgefahr, die derzeit vor allem vom US-Imperialismus ausgeht?
Deine Behauptung, dass die Rote Fahne auf die Propaganda der EU-Imperialisten hereinfallen würde, ist nicht belegt und trifft im Allgemeinen auch nicht zu. Richtig ist, dass die Rolle der EU teils besser analysiert werden muss. Wir haben aber mehrfach nachgewiesen, dass sie sich einerseits der faschistischen Außenpolitik Trumps unterordnen, gleichzeitig aber auch selbst verstärkt aggressiv aufrüsten und ihre eigenen Interessen in Konkurrenz zum US-Imperialismus durchsetzen wollen.
Herzliche Grüße