USA und Lateinamerika

USA und Lateinamerika

Erster Mai im Zeichen weltweiter Bewegung unter der Arbeiterklasse und den Volksmassen

Friedrich Engels, Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus, charakterisierte ja den 1. Mai im Jahr 1890 als den Tag, an dem das Proletariat Heerschau hält über seine Streitkräfte. Nach allem, was wir bisher über den gestrigen 1. Mai 2026 schon wissen, fällt die Heerschau beeindruckend aus. Allerdings gilt es auch noch weitere Berichte abzuwarten, u.a. wegen der unterschiedlichen Zeiten auf der Welt.

Von cjo/gis/jk
Erster Mai im Zeichen weltweiter Bewegung unter der Arbeiterklasse und den Volksmassen
Bildquelle: https://www.cpusa.org/article/may-day-a-century-of-worker-resistance/

Heute berichten wir über den 1. Mai in den USA und Lateinamerika, weitere Länder folgen morgen.

USA: Hunderttausende am 1. Mai 2026 auf der Straße – „Workers Over Billionaires“

In über 3.500 Aktionen quer durch die USA gingen am 1. Mai 2026 Arbeiterinnen und Arbeiter, Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Lehrkräfte, Studierende und Migrantinnen und Migranten unter dem gemeinsamen Motto „Workers Over Billionaires“ auf die Straße. Die Koalition „May Day Strong“ hatte zum landesweiten Aktionstag unter der Losung „No Work, No School, No Shopping“ mobilisiert. Beteiligt waren mehr als 500 Gewerkschaften und Massenorganisationen, darunter die National Education Association (NEA), die Chicago Teachers Union, Teile der United Auto Workers (UAW), der Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO, Ortsgruppen der Democratic Socialists of America (DSA), revolutionäre Parteien wie die Party for Socialism and Liberation (PSL) und Freedom Road Socialist Organisation (FSRO) sowie rund 200 Indivisible-Regionalgruppen, die die No Kings Proteste organisieren.

 

Da der 1. Mai in den USA kein freier Tag ist, gab es sehr viele kleinere örtliche und regionale Streiks und Proteste, teils mit hunderten oder tausenden von Beteiligten. Etliche Organisatoren riefen explizit zu Arbeitsniederlegungen und zu echten Streiks auf. Besonders stark war die Streikbewegung im Bildungsbereich, in der Pflege, im Einzelhandel und bei migrantischen Beschäftigten. Die Streiks richteten sich vielfach ausdrücklich gegen die Trump-Regierung und ihre Machenschaften, darunter die faschistische Flüchtlingspolitik. Sie hatten damit politischen Charakter.

 

Besonders sichtbar wurde die Arbeiterklasse dort, wo betriebliche und gewerkschaftliche Strukturen den Tag selbständig getragen haben. Die Flughafenbeschäftigten von Boston Logan und San Francisco SFO – organisiert in der Gewerkschaft SEIU-USWW – traten geschlossen vor ihre Terminals. In Los Angeles zogen 5.000 bis 7.000 Demonstranten unter dem Motto „Solo el Pueblo Shuts It Down!“ (Nur das Volk kann das durchsetzen!) vom MacArthur Park in Richtung Metropolitan Detention Center und richteten sich direkt gegen die ICE-Razzien.

 

In Chicago, dem historischen Geburtsort des 1. Mai, marschierten Tausende vom Union Park zum Daley Plaza; am Haymarket-Memorial wurde zum 140. Jahrestag eine neue Gedenktafel enthüllt – mit dabei UAW-Präsident Shawn Fain. In New York gab es Demonstrationen in allen fünf Stadtteilen. In Manhattan zog eine kämpferische Demonstration durch die Stadt, mit Forderungen gegen Krieg, ICE raus, Solidarität mit Palästina, Forderungen gegen die Ausbreitung der Armut und gegen die Diktatur der Milliardäre. Die Börse in der Wallstreet wurde blockiert und es ketteten sich Jugendliche an den Eingang an. Amazon-Beschäftigte und Teamsters mobilisierten gemeinsam gegen die ICE-Verträge des Konzerns und unterstützten Streikende. „Amazon liefert Armut, Krieg und ICE“ war eines der Transparente. Der Bürgermeister Zohran Mamdani (DSA) sprach auf einer Demonstration am Washington Square Park.

 

In North Carolina erzwangen 15 bis 20 Schulbezirke wegen Massen-Krankmeldungen der Lehrkräfte die Schließung; über 100.000 Schülerinnen und Schüler folgten dem Aufruf der Sunrise-Bewegung zum Schulstreik. In Seattle, Washington D.C., Raleigh und im Twin-Cities-Raum kamen weitere zehntausende Beschäftigte und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer hinzu.

 

In Boston marschierten Beschäftigte des Logan International Airport morgens zusammen, gefolgt von einer abschließenden Kundgebung auf dem Boston Common. Weitere Aktionen gab es in Bedford, Belmont, Cambridge und Medford. In Seattle / Western Washington gab es eine Großdemonstration auf dem Capitol Hill mit 10.000 und einen anschließenden Marsch zum Lake Union; verbunden mit der Forderung nach einer Millionärssteuer.

 

Insgesamt waren nach Schätzungen am 1. Mai in den USA ca. 500.000 aktiv auf den Straßen, in Streiks oder Boykotten. Vermutlich waren es deutlich mehr, die still den Schul- und Einkaufsboykott unterstützten. Die Entwicklung an dem Tag bestätigt, dass sich mit dem Übergang in die faschistische Diktatur und der massiven Verschlechterung der Lebenslage der Massen die Arbeiterklasse ihre Klassenselbstständigkeit verstärkt entwickelt und sich von der MAGA Bewegung beeinflsuste Teile von Trump abwenden. Eine große Rolle spielt auch die Massenkritik an dem laufenden imperialistischen Krieg gegen den Iran und der ICE-Repression. Die zentralen Forderungen – Stopp der ICE-Einsätze, Ende des Iran-Kriegs, Besteuerung der Reichen, Verteidigung von Medicaid und öffentlichem Bildungswesen – greifen wesentliche Widersprüche der Massen gegen die Trump-Regierung auf. Der gemeinsame Aufruf und die Zusammenarbeit der gewerkschaftlichen, antirassistischen und Antikriegs- und sozialistischen Bewegung ist ein qualitativer Schritt nach vorn in Richtung einer Einheitsfront der Tat gegen Faschismus, Krieg und Umweltzerstörung.

Kuba: Mehr als 500.000 Menschen bei Kundgebung vor der US-Botschaft

Am 1. Mai protestierten Hunderttausende Kubaner in Havanna gegen das US-Embargo und die Drohungen der Regierung von Präsident Donald Trump gegen Kuba. An der Kundgebung vor der US-Botschaft nahmen mehr als 500.000 Menschen teil. Trump hatte zuletzt mehrfach mit schärferem Vorgehen gegen Kuba gedroht und offen von einer möglichen "Übernahme" gesprochen. Wenige Stunden nach der Kundgebung in Havanna verschärfte die US-Regierung ihre Sanktionen gegen Kuba.

Ecuador: Traditionelle Demonstrationen zum 1. Mai fanden in vielen Städten statt

Im Zentrum stehen die Kritik am Präsidenten Daniel Noboa, die zum Ausdruck kommt in der oft gerufenen Losung „Fuera Noboa, fuera" („Weg mit Noboa, weg mit ihm!"). Es findet derzeit landesweit eine Unterschriftensammlung statt mit dem Ziel, ihn abzusetzen. Ausdruck der von ihm vorangetriebenen Faschisierung des Staatsapparates ist auch, dass die 1. Mai-Demos von Soldaten und Panzern überwacht wurden. Ein weiterer Schwerpunkt sind vielfältige ökonomische und soziale Forderungen wie auch die Forderung bzw. Verteidigung des 8-Stunden-Tages. Das richtet sich gegen Regierungspläne, die Arbeitszeit auf bis zu 10 Stunden täglich auszuweiten. Aus Cuenca wird berichtet, wie auch die Umweltfrage präsent ist: Mit Transparenten „Sin oro se vive, sin agua se muere" („Ohne Gold kann man leben, aber ohne Wasser stirbt man") gegen den zerstörerischen Bergbau protestiert wird. Der Protest gegen den Genozid in Palästina wurde in Quito ebenfalls auf die Straße getragen. Fester Bestandteil der Proteste ist auch die Kommunistische Marxistisch-Leninistische Partei Ecuadors (PCMLE). 

In Bolivien ist der 1. Mai geprägt vom großen Gewerkschaftskongress der COB (Central Obrera Boliviana)

In der COB ihr sind u.a. Gewerkschaften der Bergarbeitern, Bauern, Lehrer zusammengeschlossen. Die COB fordert eine 20%ige Erhöhung des Mindestlohns, was der Präsident Rodrigo Paz abgelehnt hat. Auf dem Kongress soll nun über das weitere Vorgehen der Gewerkschaften entschieden werden. Außerdem marschieren Bauern und Indigene seit dem 8. April in die Hauptstadt La Paz, um gegen das Gesetz 1720 zu protestieren, die die Verteilung des Landbesitzes neu regeln soll. Bauern-, Indigenen und Umwelt-Organisationen kritisieren, dass dieses Gesetz die Agrarkonzerne protegiert, zu einer Konzentration des Landbesitzes und zu mehr Abholzung führen wird.