Leserbrief

Leserbrief

Zur PKS: Registrierte Kriminalität ist nicht die ganze Wirklichkeit

Zur aktuell vorgestellten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) schrieb ein Leser an Rote Fahne News.

Korrespondenz

In ROTE FAHNE 8/2026 wird sich ausführlich mit Erscheinungsformen und Bewertungen von Kriminalität in Deutschland auseinandergesetzt. Ich begrüße es sehr, dass damit Analysen an die Hand gegeben werden, mit denen der Demagogie der Scharfmacher von „Merz bis AfD“ widersprochen werden kann.


Richtig heißt es im ersten Satz des Leitartikels: „während die Zahl der insgesamt registrierten Straftaten … zurückging …“ (Seite 13, Hervorhebung von mir). In diesem Wörtchen „registrierten“ steckt die Problematik der öffentlichen Berichterstattung über Kriminalitätsentwicklung; auch in der ROTEN FAHNE wird im weiteren Artikel immer nur allgemein von „Kriminalität“ ohne den Zusatz „registrierte“ Kriminalität gesprochen. Das kann den Eindruck erzeugen, dass es sich hierbei um die tatsächliche Kriminalität handelt. Da sich alle Berichterstattung und Kommentierung in der Regel auf die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bezieht, muss man Folgendes beachten:

 

„Der Kriminologe Tobias Singelnstein sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS): "Die Statistik bildet nicht die Kriminalitätswirklichkeit ab, sondern die Tätigkeit der Polizei." Aussagen zur Entwicklung der Kriminalität könnten dem allenfalls mit größter Vorsicht entnommen werden.“ (Zitiert nach: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/kriminalstatistik-faq-102.html) Genauer gesagt erfasst die PKS nur polizeibekannte und von der Polizei endbearbeitete Straftaten; beeinflusst wird sie unter anderem vom Ermittlungsverhalten der Polizei und vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung. Diese beiden Faktoren sind aber erheblichen Einflüssen unterworfen, die in der PKS nicht berücksichtigt werden (können).


Zum Ermittlungsverhalten der Polizei: Dieses verändert sich im Lauf der Zeit durch verschiedene äußere und innere Voraussetzungen und Einstellungen. So ist zum Beispiel anzunehmen, dass die Ausländerhetze in der Bundesrepublik dazu führt, dass die Polizei ihr Ermittlungsverhalten besonders auf Straftaten dieser Gruppe fokussiert. Weiter spielt die personelle und technische Ausstattung der Polizei eine wichtige Rolle, wie ein kleines Beispiel zeigt: Vor einigen Jahren berichtete unsere Lokalzeitung: „Drogenkriminalität erheblich gestiegen“; eine Nachfrage bei der Polizei ergab, dass die Zahl der ermittelnden Beamten von zwei auf zehn gestiegen war und fünfmal mehr Beamte ermitteln eben mehr. Was wäre wohl, wenn im Bereich Wirtschaftskriminalität die Zahl der ermittelnden Beamten verfünffacht würde?

 

Zum Anzeigeverhalten der Bevölkerung: Auch hier gibt es mit Sicherheit wesentliche Veränderungen und Schwankungen, von denen ich einige andeuten möchte:

  • Der Aufklärungsarbeit verschiedener fortschrittlicher Initiativen ist es zu verdanken, dass Gewalt gegen Frauen und weitere Straftaten gegen die seelische und körperliche Unversehrtheit ins öffentliche Interesse gerückt sind: Also wird auch zu Recht mehr angezeigt, was früher ängstlich verschwiegen oder unter den Teppich gekehrt wurde.
  • Wiederum ist es der ausländerfeindlichen Demagogie zuzuschreiben, dass vermeintliches oder tatsächliches kriminelles Verhalten von Menschen mit Migrationshintergrund schneller wahrgenommen und angezeigt wird.
  • Veränderungen in verschiedenen Gesetzen und Bestimmungen führen ebenfalls zur Veränderung des Anzeigeverhaltens. Auch dazu ein kleines Beispiel: Ebenfalls vor Jahren titelte unsere Lokalzeitung: „Fahrraddiebstähle nehmen ab“. Der Hintergrund davon war allerdings, dass übliche Hausratversicherungen Fahrraddiebstahl nicht mehr automatisch beinhalteten. Somit lohnte es sich nicht mehr, Fahrraddiebstahl anzuzeigen, da die Versicherung sowieso nicht zahlte.


Dies sind nur einige Aspekte, die die PKS beeinflussen.

 

Wichtig ist es auch, darauf hinzuweisen, dass in die PKS auch diejenigen Anzeigen eingehen, die nicht zu einer Verurteilung geführt haben. Um ein etwas realeres Bild der Kriminalität zu erhalten, müsste zumindest über die Verurteiltenziffer ebenfalls berichtet werden. Die tatsächliche Kriminalität ließe sich aber nur durch umfangreiche und sehr aufwändige Dunkelfeld-Forschung abschätzen, die die derzeitige Berichterstattung erheblich korrigieren könnte: So berichtet die taz vom 20. April: „Deshalb sei es auch begrüßenswert, dass parallel zur PKS dieses Mal mit der Skid-Studie auch eine Dunkelfelduntersuchung vorgestellt wurde, so die Kriminologin. Die war Dobrindt, Münch und Grote am Montag zwar nur einige Sätze wert, zeigt aber, wie weit die PKS-Zahlen wohl von der Realität entfernt sind. So werden demnach etwa nur ein Drittel der Körperverletzungen angezeigt, ähnlich ist die Lage bei Sachbeschädigung und Betrug. Selbst Wohnungseinbrüche werden nur in rund 60 Prozent der Fälle angezeigt.“ (https://taz.de/Polizeiliche-Kriminalstatistik/!6172363/)


Also: Vorsicht bei der Berichterstattung in den gängigen Medien. Wenn nicht ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass es sich lediglich um PKS-Zahlen mit ihren genannten Schwächen handelt, wird journalistische Sorgfalt mehr oder weniger bewusst verletzt. Es bleibt der Fantasie der Konsumenten überlassen, die oben beispielhaft genannten Faktoren zu ergänzen: Was beeinflusst, bezogen auf das jeweils berichtete Delikt, das Ermittlungsverhalten der Polizei und das Anzeigeverhalten der Bevölkerung?