Leserbrief
"Arbeit schändet nicht"
Rote Fahne News hat am gestrigen Sonntag einen Artikel aus der Peking Rundschau mit dem Titel "Sozialistisches China: ‚Ein Arbeiter nach Abschluß der Hochschule'" von der Webseite des theoretischen Organs der MLPD, Revolutionärer Weg, dokumentiert. Daraufhin schrieb ein Leser aus Esslingen:
Heute elektrisierten mich, einen Liebhaber von Goethes "Faust" und von Händels Oratorien, zwei Sachen der Sonntagsausgabe von Rote Fahne News: die "Karriere" des Arbeiters in China und die Glosse auf Trump.
Was den Arbeiter in China angeht: Nach dem Studium in Moskau kehrte ich zurück in meinen Lehrbetrieb BUNA. Ich arbeitete in einer Forschungsabteilung. Gelegentlich arbeitete ich in der Produktion mit, um unsere Rezepturen in der Praxis auch zu erleben. In sozialistischer Hilfe war auch anderweitig Manpower gefragt. Damals, noch überzeugt, den Sozialismus aufzubauen, sagte ich nur "Arbeit schändet nicht".
Später, als die Überzeugung in den Aufbau des Sozialismus geschwunden war, wurde ich von einer Kollegin gefragt, warum ich mit meiner Ausbildung nicht Karriere mache. Da sagte ich, dass ich diese Mangelverwaltung nicht schönreden will und dass ich, wenn ich mich morgens rasiere, beim Blick in den Spiegel nicht das große Kotzen kriegen will.
Dann kam der Mauerfall. Ich wurde im Betrieb wie viele andere Kolleginnen und Kollegen nicht mehr gebraucht. Angesichts des Fachkräftemangels in den alten Bundesländern suchte ich dort mein Glück. Kurz: Mein Ingenieurswissen war nicht gefragt oder nur unterhalb eines Facharbeiterlohns. Daran hat sich bis heute nichts geändert, im Gegenteil: Ausbildungsplätze werden abgebaut, dafür werden in neokolonialer Brain-Drain-Manier Fachkräfte aus dem Ausland angeworben. Kollegen fragten mich öfter, wie ich mich als Ingenieur doch fühlen muss, weil ich meist Hilfsarbeiter war. Hier antwortete ich auch mit "Arbeit schändet nicht", setzte aber dahinter von Goethe "Ein Leibarzt muss zu allem taugen. Wir fingen bei den Sternen an und endigen mit Hühneraugen."
Hier geht es zu dem Artikel auf der Homepage REVOLUTIONÄRER WEG