Tag der Befreiung
8. Mai: "Nie wieder Krieg" - aber was stattdessen?
Mittlerweile wird der 8. Mai auch regierungsamtlich als Tag der Befreiung akzeptiert. Dass die Rote Armee unter Führung Stalins Berlin befreit hat, fällt geflissentlich unter den Tisch. Und natürlich die Tatsache, dass es der Beginn eines beeindruckenden Aufschwungs des Sozialismus rund um den Erdball war.
Dabei ist es entscheidend, bis zu den Ursachen von Kriegen und Kriegsgefahr in den kapitalistische Gesetzmäßigkeiten vorzustoßen. Denn sonst bleibt die Losung "Nie wieder" ein guter Wunsch, wie bereits der Nato-Krieg gegen Jugoslawien und der Ukraine-Krieg gezeigt haben.
In der Tat war dies auch die alles entscheidende Frage bei der Gründung der BRD. Den Zusammenhang konstatiert interessanterweise Gabor Steintgart, der hoch prämierte antikommunistische Medienmogul (siehe Rote-Fahne-News-Artikel vom 28. November 2025 ""Systemversagen – seine Ökonomen eingeschlossen") mit den Worten: "Weil sich im Osten Großes tat. Das Sowjetsystem meldete große Erfolge, die beeindruckend waren." In seiner Neuauflage des Bestsellers von 2004 "Systemversagen - Aufstieg und Fall einer großartigen Wirtschaftsnation" (3. Auflage 2025) kommt er zu dem Schluss, dass "die Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft (...) nicht das Ergebnis höherer ökonomischer Rationalität war, sondern im Wesentlichen ein Reflex auf das, was sich im östlichen Europa tat: Ohne Sozialismus keine Soziale Marktwirtschaft, ohne Stalin kein Erhard."
Auch wenn Stefan Engel auf seiner ausführlichen Literaturliste wie üblich tabuisiert ist, kann ihm die Aussage in dessen grundlegendem Werk "Der Kampf um die Denkweise in der Arbeiterbewegung" (1995) nicht entgangen sein: "Nach dem II. Weltkrieg war es für die Wiederherstellung der Macht der Monopole unerlässlich, die breiten Massen für den Kapitalismus zu gewinnen. Angesichts des gerade entstandenen sozialistischen Lagers mußte die Anziehungskraft des Sozialismus auf die Arbeiterklasse und die Masse der Werktätigen neutralisiert, der reaktionäre Charakter der bürgerlichen Gesellschaft verdeckt und der Kapitalismus als überlegenes Gesellschaftssystem dargestellt werden." Dort wird die "Soziale Marktwirtschaft" als "Lebenslüge Nr.1" aufgedeckt.
Bei Gabor Steingart liest sich das plagiatsverdächtig so: "Es sollte ein Kapitalismus entstehen wie in den USA, nur deutlich weniger raubtierhaft. (...) Das Wort des ehemaligen Bundeswirtschaftsministers Ludwig Erhards von der 'Sozialen Marktwirtschaft' wurde zum trügerischen Aushängeschild der monopolkapitalistischen Ausbeutung der BRD." Er beendet den weitschweifigen Streifzug durch die Geschichte des neudeutschen Imperialismus im Kontext der Globalisierung und dem Aufstieg von China und Indien bis zum Abstieg unter der Merz-/Klingbeil-Regierung mit der daraus gewonnenen Schlüssel- Erkenntnis, dass das deutsche Wirtschaftswunder als "System des Wohlfahrtsstaates neuen Typs" auf Dauer nicht funktioniert, sondern zum Systemversagen führt.
Auf über 550 Seiten entgeht dem journalistischen Scharfrichter niemand: er spricht vom "Börsenspekulanten" Konrad Adenauer und dessen "Jahrhundert"-Systemfehler des bruttolohnbezogenen Rentensystems bis zu Steingarts Enttäuschung, dass "nach Merkel, der Wissenden, noch mit Habeck die Ahnungslosigkeit hinzu kam".
Noch im Anfangskapitel über den Kampf zweier Systeme hatte Steingart bilanziert: "Die Sehnsucht nach einem westlich-kapitalistisch geprägten Wirtschaftssystem jedenfalls war außer vielleicht in Fabrikantenkreisen überall in Europa gering, denn das Unheil der Weltwirtschaftskrise galt keinesfalls als Ausrutscher des Kapitalismus, sondern als sein wahres Wesen." (S. 145) Umso tiefer der eigene Absturz von dem hoch geschraubten Anspruch einer "Trend-Umkehr" "Wider die Ignoranz" zu einer mageren "Neuformatierung" des in jeder Hinsicht untauglichen kapitalistischen "Betriebssystems".
Den "Systemfehler" begreift er - keineswegs überraschend - nicht als Fehler des Systems an sich. So behandelt er Sozialismus und Kapitalismus nicht als zwei unvereinbare Systeme, sondern mixt einzelne Merkmale eklektisch zusammen (z.B. in Merkels "neuer Wirtschaftsform der Bastardökonomie"). Das kann ähnlich einem Autofahrer, der Benzin in einen Dieselmotor tankt, nur im Totalcrash des Geisterfahrers enden.
Der sowjetische Sozialismus hat nicht als System versagt, sondern unter Chruschtschow wurde 1956 der Kapitalismus restauriert mitsamt dessen immanenten Systemfehlern. Zu dieser Erkenntnis ist Steingarts eklektische Methode der Sammlung von Erscheinungen nicht in der Lage. Sie mündet in einer Neuauflage des Kapitalismus behaftet mit der angeblichen menschlichen DNA der "angeborenen Sehnsucht nach Wohlstand" und dem Wesen der "Gier nach Profit und Anerkennung". Profitgier gehört zur DNA des Kapitalismus.
Die dazu notwendige neue Erzählung (Narrativ) trägt die Überschrift "Wir, die deutschen Europäer". Das Wort "Krise" wird durch "Geburtsanzeige" ersetzt. "Dann könnte dieser Kontinent zurecht für sich eine bedeutsame Rolle in der sich abzeichnenden multipolaren Welt beanspruchen." (S.525) Das Ziel ist, den deutschen Imperialismus im internationalen Konkurrenzkampf wettbewerbsfähig zu machen.
Aus dem "Nachkriegskonsens 'Nie wieder Krieg' in Europa" wird so die aktuelle Vorbereitung eines Dritten Weltkriegs. Aus der vermeintlich vorurteilsfreien Beurteilung des Sozialismus wird die Diffamierung Mao Zedongs als "Monster, dem Menschenleben nichts bedeuteten". Steingart gehört zu den Taktgebern des reaktionären Antikommunismus, der jede Aufarbeitung der Erfahrungen des ersten Aufbaus des Sozialismus verhindern will - und damit Schlussfolgerungen für die gesellschaftliche Befreiung der Menschheit von Kriegen.